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Sehnde Neues „Zeitreise“-Heft des Stadtarchivs erinnert an Abbau von Bodenschätzen
Umland Sehnde

Sehnde: Neue „Zeitreise“ erinnert an Abbau von Bodenschätzen

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07:48 31.01.2020
Das Autorenteam hat sich vor der alten Lore vor dem Rathaus postiert. Quelle: Oliver Kühn
Sehnde

Den im Volksmund „Kalimandscharo“ genannten Kaliberg kennt jeder Sehnder. Auch der Mergelbruch für die Zementindustrie zwischen Höver und Bilm ist als Naherholungsgebiet beliebt. Doch wer weiß schon, dass im Erdreich der Bergbaustadt außer Salz und Mergel auch Bodenschätze wie Erdöl, Teer, Steinkohle, Eisenerz und Torf schlummern und teils schon vor Jahrhunderten abgebaut wurden? Wann der Abbau begann, wie es heute aussieht und welche Folgen er für Sehnde hat, haben die Autoren des neuen Hefts der Reihe „Zeitreise“ des Stadtarchivs unter dem Titel „Mergel, Salz und weitere Bodenschätze“ zusammengetragen.

Viele Spuren dieses Abbaus sind heute verschwunden, mit der neuen „Zeitreise“ wollen die neun Autoren an sie erinnern. „Die Gewinnung von Bodenschätzen geht nie ohne Beeinträchtigungen“, resümiert der 84-jährige Otto Lesemann. Mit Holcim gebe es nur noch einen Betrieb, der Bodenschätze fördert. Zum neuen Heft gehört eine Abhandlung über die Entstehung der Bodenschätze, die vor rund 260 Millionen Jahren begann. Davon zeugen etwa immer noch die Fossilien im Mergelbruch wie versteinerte Seeigel.

Erdöl, Teer, Sand und Torf

Überbleibsel der Bergbaugeschichte: Der „Kalimandscharo“ ist ein Wahrzeichen Sehndes – und gleichzeitig Bühne für das beliebte Bergfest. Quelle: Gottfried Hiller (Archiv)

Dass Salz im Boden liegt, ist seit dem Jahr 1500 bekannt, worauf heute noch Flurbezeichnungen wie Sülterkamp hinweisen. Viele Reste dieser Industriegeschichte wurden in sogenannten „Kummerkuhlen“ entsorgt, die dann als Müllkippen dienten. 25 Stück gab es davon einmal, jedes Dorf hatte eine. Schon vor dem 18. Jahrhundert wurde auch nach Erdöl gegraben, ab 1952 förderte die Preussag dort über viele Jahre, und sogar heute noch wird mit sogenannten Pferdekopf-Pumpen Erdöl aus dem Boden geholt.

Zu Teichen gewordene Tonkuhlen, geflutete Kalihalden, versteinerte Seeigel im Mergelbruch: In Sehnde gibt es viele Spuren von Bodenschätzen und den Folgen ihres Abbaus.

Und südlich des Mittellandkanals in Richtung Gretenberg wurde in alten Zeiten aus einer Kuhle Teer gefördert – in einer alten Landkarte als „Teerberg“ bezeichnet. „Beim Nachgraben zeigte sich fester, blauer Thon, der so stark mit Theer durchsetzt war, daß man ihn mit der Hand ausdrücken konnte“, heißt es in einem Bericht aus dem Jahr 1769. Eine englische Gesellschaft hatte nördlich von Sehnde in Richtung Sehnde vor 140 Jahren Steinkohle entdeckt und aus einem 80 Meter tiefen Schacht namens „Emma“ gefördert. Aber auch Eisenstein und Eisenerz wurden in Sehnde vor langer Zeit abgebaut, ebenso Sand und Kies sowie Torf im Altwarmbüchener Moor, wo der Stadt Flächen gehören.

Datenschutz erschwert Recherche

Fossilien aus dem höverschen Mergelbruch: Ein versteinerter Seeigel und ein Donnerkeil. Quelle: Katja Eggers (Archiv)

Die Recherche sei sehr zeitaufwendig gewesen und die Suche in Archiven etwa im Bergbauarchiv in Clausthal durch den Datenschutz mittlerweile erheblich erschwert, sagt Lesemann seufzend. Das hat Claas Lietz dennoch nicht davon abgehalten, sich dem „Zeitreise“-Team anzuschließen. Mit 46 Jahren ist er das jüngste Mitglied. „Sehnde ist für meine Familie zum Zuhause geworden und hat eine lebendige Geschichte“, sagt der Lehrer. „Das interessiert mich.“ In gewissem Sinne seien die „Zeitreisen“ die Fortsetzung der Sehnder Chronik, die im Jahr 1967 ende, ergänzt Jürgen Wattenberg, langjähriger Leiter des Stadtarchivs.

Man müsse aber nicht nur in Archiven wühlen, sondern auch in seinen eigenen Erinnerungen, ergänzt Peter Jungclaus. „Der Umweltschutz war bei Holcim vor 30, 40 Jahren kein Thema“, rekapituliert der 83-Jährige, der früher Vorsitzender des Umweltausschusses war. Jetzt sei die Offenheit des Unternehmens viel größer. Weil viele Mitglieder wie der ehemalige Sehnder Gemeindedirektor Dietrich Vollbrecht zudem kommunalpolitisch tätig waren, kam viel Fachwissen zusammen. „Das ist auch für Neubürger interessant“, findet Vollbrecht. Bürgermeister Olaf Kruse ist über die neue Zeitreise hoch erfreut. „Das ist ein Stück Zeitgeschichte, das hätten wir als Kommune nicht leisten können.“

Eigenes Kapitel über Assewasser

Ein eigenes Kapitel wird dem Assewasser gewidmet. Das Oberflächenwasser aus dem Endlager Asse bei Wolfsburg soll auch zur Flutung des stillgelegten Bergwerks Friedrichshall genutzt werden. Das Symbol für Sehndes Industriegeschichte soll später einmal für die Öffentlichkeit als Naherholungsgebiet zugänglich gemacht werden – bereits seit Jahren wird dort in luftiger Höhe das beliebte Bergfest gefeiert. „Die Situation hat sich beruhigt, ich gehe davon aus, dass das Assewasser nicht kommt, denn die Halde ist schon Ende des Jahres verfüllt“, sagt Kruse. Dass somit keine Brachen zurückbleiben, findet Hans-Gustav Gorray ermutigend.

Denn die größte Umnutzung einer ehemaligen Abbaustätte steht Sehnde noch bevor: Um das Jahr 2043 soll der Mergelbruch in Höver erschöpft sein, danach soll die „geschundene Landschaft“, so die Autoren, geflutet und für Mensch und Tier freigegeben werden. „Ich finde es schade, dass wir das nicht mehr erleben werden“, bedauert Kruse.

Das „Zeitreise“-Heft Nummer 12 hat eine Auflage von 1500 Exemplaren und wird an Interessierte im Rathaus kostenfrei abgegeben. Für Nachfragen oder eine Mitarbeit im Autorenteam steht die städtische Ehrenamtskoordinatorin und stellvertretende Gleichstellungsbeauftragte Anja Hettling unter Telefon (05138) 707-291 sowie per E-Mail an anja.hettling@sehnde.de zur Verfügung.

Das neue Heft ist bereits die zwölfte Ausgabe der Zeitreise-Reihe. Quelle: Oliver Kühn

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Von Oliver Kühn

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