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Sehnde Roßmann und Kriminologe Pfeiffer lesen hinter Gefängnisgittern
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Sehnde: Roßmann und Kriminologe Pfeiffer lesen hinter Gefängnisgittern

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18:16 05.02.2020
Drogerieunternehmer Dirk Roßmann liest aus seinem Buch einen Abschnitt über einen Lebensmitteltransport nach Moskau im Jahr 1991. Quelle: Oliver Kühn
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Sehnde

Ein erfolgreicher Unternehmer, ein ehemaliger Justizminister und ein bekannter Kriminologe, 40 Strafgefangene und ebenso viele Beamte: Das war das Ambiente für eine Autorenlesung der besonderen Art in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Sehnde. Sowohl Dirk Roßmann, Gründer der gleichnamigen Drogeriekette, als auch Professor Christian Pfeiffer hatten jeweils eine Botschaft an die Inhaftierten dabei: Roßmann spricht in seinem Buch „... dann bin ich auf den Baum geklettert!“ von Aufstieg, Mut und Wandel, Pfeiffer in seinem neuen Werk „Gegen Gewalt“ darüber, wie wichtig Liebe und Gerechtigkeit sind – sowohl im Gefängnis als auch draußen.

Eine Chance für Inhaftierte

JVA-Leiterin Regina-Christine Weichert-Pleuger (von links) begrüßt Dirk Roßmann und Christian Pfeiffer im Gefängnis. Quelle: Oliver Kühn

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Für viele Gefangene war es wohl eine willkommene Abwechslung, den bekannten Unternehmer einmal hautnah zu erleben, der 1972 den ersten deutschen Drogeriemarkt mit Selbstbedienung eröffnet hatte. Und auch für den weltgewandten Roßmann war es ein Novum. „Das ist meine erste Lesung in einem Gefängnis“, bekannte der Burgwedeler. Ein Insasse hatte sofort eine direkte Frage: „Würden Sie auch ehemalige Strafgefangene einstellen?“ Die Antwort kam ebenso prompt: „Schreiben Sie mir, Sie sollen eine Chance bekommen, ich will dabei gerne vermitteln“, erwiderte der 73-Jährige, und durch die Reihen ging ein Kopfnicken der Anerkennung.

Aber auch mit persönlichen Anekdoten und Krisen hatte der 73-Jährige keine Berührungsängste. In den Neunzigerjahren habe er kurz vor der Insolvenz gestanden, Schulden bei 20 Banken gehabt, wie Uli Hoeneß an der Börse spekuliert und oft nicht mehr gewusst, wie er die Gehälter seiner Mitarbeiter bezahlen soll. 1996 gipfelte diese Lebenskrise in einen Herzinfarkt. Inzwischen hat die Drogeriekette mehr als 4000 Filialen in sechs Ländern und sei die zweitbeliebteste Drogeriekette Deutschlands, wie Anstaltsleiterin Regina-Christine Weichert-Pleuger zum Einstieg sagte.

Was er denn besser gemacht habe als das Pleite gegangene Schlecker-Imperium, wollte ein Besucher wissen. „Alles“, antwortete Roßmann wie aus der Pistole geschossen und mit einem Lächeln. Seine Mitarbeiter bekämen etwa Warengutscheine und kostenlose Freizeitangebote. „Tun Sie was für Ihre Mitarbeiter, dann geben sie auch was zurück“, sei sein Credo. Und es war gleichzeitig auch ein Appell an seine Zuhörer von beiden Seiten.

Mit Liebe gegen Gewalt

Als Lesestoff aus dem Buch hatte Roßmann den von ihm organisierten Lebensmitteltransport mit 19 Sattelschleppern nach Moskau im Jahr 1991, direkt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, ausgewählt. „Da war Chaos ausgebrochen, und die Menschen hungerten“, sagte er. Die 10.000 Lebensmittelpakete mit Kaffee und Schokolade seien besser angekommen „als zehnmal Weihnachten“ – und das ausgerechnet von einem Deutschen. Bleibenden Eindruck hat bei dem erfolgreichen Unternehmer die Bekanntschaft mit den siamesischen Zwillingen Mascha und Dascha Kriwoschljapowa hinterlassen. Diese hätten gegen ihr Schicksal angekämpft und nicht aufgegeben. Noch ein Hinweis auf das Schicksal seiner Zuhörer.

Der bekannte Kriminologe und ehemalige niedersächsische Justizminister Professor Christian Pfeiffer spricht über den Sinn von Liebe und Gerechtigkeit. Quelle: Oliver Kühn

Roßmanns Freund Christian Pfeiffer betrat nach eigenen Angaben schon vor 50 Jahren das erste Mal ein Gefängnis. In seinem Vortrag betonte er, dass entgegen dem subjektiven Empfinden der Öffentlichkeit die Kriminalität zurückgehe – auch bei Sexualstraftaten, Mord und Totschlag. Bei Jugendlichen habe die Gewalt in den vergangenen 20 Jahren deutlich abgenommen, bei Menschen über 30 dagegen nicht. Jeder zweite Gefangene habe massive Prügel in seiner Kindheit erlebt, dagegen aber kaum Zuwendung und Trost. Doch in den vergangenen Jahrzehnten hätten die Liebe zugenommen und die Hiebe abgenommen. „Und mehr Liebe bedeutet weniger Gewalt.“ Fairness und Gerechtigkeit zahlten sich in der Justiz immer aus – sogar bei Festnahmen.

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Von Oliver Kühn

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