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Sehnde Seit 400 Jahren auf der eigenen Scholle
Umland Sehnde

Sehnde: Seit 400 Jahren auf der eigenen Scholle

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13:30 21.11.2019
Anita und Reinhard Beer vor dem 1882 neu erbauten Familiensitz. Quelle: Oliver Kühn
Wirringen

Der Dreißigjährige Krieg, der die politische Landkarte in Europa grundlegend veränderte, hatte gerade erst begonnen, und in Amerika waren die ersten europäischen Siedler sesshaft geworden: Da verschlug es die Familie Hahne im Jahre 1619 in den kleinen Flecken Wirringen. Sie ließ sich auf dem Erbhof Nr. 16 nieder – genau 400 Jahre ist das jetzt her. Und noch immer ist das Grundstück an der Wirringer Straße im Familienbesitz. Die Nachfahren Anita und Reinhard Beer leben in 13. Generation auf dem Hof. Mit vier Jahrhunderten auf dem Buckel ist das Anwesen das älteste urkundlich verbriefte im Dorf.

Familie hat eigenes Wappen

„Wir haben zwar keine aktive Landwirtschaft mehr, aber dennoch sind wir stolz darauf, unser Grundstück mit Haus und Scheune und allem Drumherum so gut erhalten zu haben“, sagt Anita Beer. Davor hatten aber schon andere Bauern diese Scholle beackert. Sogar ein eigenes Wappen hat die Familie. Es zeigt im oberen Teil einen Hahn, im unteren den Erzengel Michael, der auch im Wirringer Wappen auftaucht und zudem Namensgeber für die Michaelisgemeinde ist. Dass die Hahnes nicht mehr die Namenspatrone sind, liegt daran, dass der letzte Hoferbe Karl August Heinrich Hahne 1942 in Russland gefallen ist. Und die Mutter von Reinhard Beer, die mit Mädchennamen noch Hahne hieß, hatte 1938 einen Ernst Beer geheiratet.

Die Vorfahren vor dem 1882 erbauten Haus, in dem das Ehepaar Beer heute noch lebt (von links): Ein Unbekannter, Urgroßmutter Emma Henni Lydia Bartels, Urgroßvater Karl August Heinrich Hahne, Großvater Heinrich Johann Otto Hahne und ein unbekanntes Dienstmädchen. Quelle: Privat

Dies ist nur eine der vielen Episoden aus der langen Familiengeschichte, die Reinhard Beer recherchiert hat. Seit Jahren betreibt er Ahnenforschung, eine Leidenschaft, die er offenbar von seinem Urgroßvater Karl August Heinrich Hahne geerbt hat. Der wurde 1866 als Neunjähriger Zeuge des Krieges zwischen Preußen und dem Königreich Hannover und hatte 1926 die erste Ahnentafel aufgestellt.

Dabei hat Beer zahlreiche Unterlagen und Dokumente zusammengetragen, etwa aus Erbregistern von 1593 und 1620, Kopfsteuerbeschreibungen des Hochstiftes Hildesheim aus dem Jahr 1664 oder der Calenbergischen Musterungsrolle von 1585. „Viele Unterlagen sind aber auch im Krieg oder beim Leinehochwasser 1946 aus dem Niedersächsischen Staatsarchiv verschwunden“, bedauert der 66-Jährige ehemalige Technische Angestellte.

Die Familie Beer hat noch viele alte Originaldokumente.

Urkunde bestätigt 400-jährigen Besitz

Die Ehrenurkunde des Landkreises Hildesheim aus dem Jahr 1934 bescheinigt der Familie Hahne, das sie seit 1619 im Besitz des Erbhofes Wirringen Nr. 16 ist. Quelle: Privat

Der Nachweis der ersten Generation bis 1630 ist nicht genau nachvollziehbar, weil die Quellen nicht vorhanden sind. Vieles musste von Kennern erst einmal aus dem Altdeutschen in lateinische Schrift übertragen werden. Doch ein wichtiges Dokument ist erhalten: Die vom „Kreisbauernführer“ unterzeichnete Ehrenurkunde des Landkreises Hildesheim aus dem Jahr 1934 bescheinigt der Familie Hahne, dass sie seit 1619 im Besitz des Erbhofes Wirringen Nr. 16 ist.

Dem Erbregister von 1620 zufolge sind Söhne der Familie Hahne aus Lühnde nach Wirringen umgesiedelt – warum, bleibt aber im Dunkeln der Geschichte verborgen. „Darüber gibt es leider keine genaue Urkunde“, sagt Beer. Vermutlich habe es in Wirringen aber keinen Hoferben mehr gegeben. Die erste amtliche Urkunde über das Grundstück stammt vom Amt Koldingen aus dem Jahr 1630, wo der Name Hahne sowie die Landbeschreibung und Größe des Hofes vermerkt sind.

Aber auch andere Urkunden sind erhalten. Etwa ein sogenanntes Specificatio aus dem Jahr 1763, das einen Schuldenrückstand beschreibt. Oder ein originaler Meierbrief aus dem Jahr 1818, ausgestellt von Maximilian Werner Graf von Wolff-Metternich zur Gracht, Besitzer des Ritterguts Bisperode und Lobke. Verbürgt sei der Name Hahne auch auf der Kirchglocke, die im Dreißigjährigen Krieg geraubt und 1644 neu gegossen worden war, hat Beer recherchiert.

Das Haupthaus, in dem die Beers heute wohnen, ist nicht mehr das originale, vermutlich reet- oder strohgedeckte Bauernhaus, sondern wurde von Vorfahren 1882 als solides Backsteinhaus neu erbaut – und hatte mithilfe eines Stromgenerators aus dem eigenen Mühlenbetrieb als eines der ersten Häuser in Wirringen überhaupt elektrisches Licht.

Noch Bauernblut in den Adern

Ein „bisschen Bauernblut“ habe er aber noch in den Adern, sagt Reinhard Beer mit einem Schmunzeln. Als Mitglied der Wirringer Oldtimerfreunde nennt er zwei Trecker-Oldtimer sein Eigen. Und weil man die sprichwörtliche Fahne ja hochhalten soll, haben Beers Tochter und Sohn ihren Eltern eine Fahne mit dem Familienwappen geschenkt. „Die wird jetzt bei jeder Familienfeier gehisst“, sagt Anita Beer und lacht. Und dann bleibt auch noch der Wunsch von Beers Urgroßvater aus seinen Lebenserinnerungen aus dem Jahr 1936, der vielleicht auch für die nächsten 400 Jahre Bestand hat: „Möge Gottes Segen fernerhin weiter auf unser Scholle ruhen und die Nachkommen auf den Wegen Gottes bleiben.“

Eine Urkunde aus dem Jahr 1763, ein sogenanntes Specificatio, das einen Schuldenrückstand beschreibt, ist noch in Familienbesitz. Quelle: Oliver Kühn

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Von Oliver Kühn

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