Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Sehnde Holcim: Heiße Debatte um Ersatzbrennstoff
Umland Sehnde Holcim: Heiße Debatte um Ersatzbrennstoff
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:19 21.01.2019
Holcim will ab Ende des Jahres den Ersatzbrennstoff Renotherm bei der Zementherstellung einsetzen. Quelle: Katja Eggers (Archiv)
Anzeige
Höver

Das Holcim-Zementwerk in Höver will ab Ende dieses Jahres den Ersatzbrennstoff Renotherm in der Produktion einsetzen und dafür auf dem Werksgelände an der Hannoverschen Straße eine eigene Anlage errichten. Dort sollen auch gefährliche Abfälle wie Farb- und Lackschlämme aus der Automobilindustrie bei extrem hohen Temperaturen von 2000 Grad verbrannt werden. Dagegen hat sich nun eine Initiative gegründet, die in den sozialen Netzwerken auf viel Interesse stößt und schon zahlreiche Einsprüche gegen das Genehmigungsverfahren beim Gewerbeaufsichtsamt Hannover (GAA) eingereicht hat. Die Einspruchsfrist läuft noch bis zum 25. Januar.

Nach Angaben von Initiativensprecher Siegmar Grünewald sollen bei der Verbrennung auch krebserregende und erbgutschädigende Abfälle eingesetzt werden – doch dem widerspricht der Holcim-Umweltbeauftragte Bernd-Henning Reupke vehement: „Diese Stoffe haben wir ausdrücklich ausgeschlossen.“ Das habe man auch bei öffentlichen Veranstaltungen stets gesagt –und darauf hatte auch die Stadt in ihrer Stellungnahme gepocht. Die Abfälle würden durch die hohen Temperaturen zudem nahezu vollständig zersetzt.

Anzeige

Mit dem Ersatzstoff der Firma Remondis soll der Einsatz fossiler Brennstoffe wie Kohle weiter zurückgedrängt werden. Das Schwesterwerk Lägerdorf in Schleswig-Holstein mache mit Renotherm bereits seit fast 20 Jahren gute Erfahrungen, sagt Reupke. Es sei deshalb bedauerlich, dass diese „Behauptungen“ über die sozialen Netzwerke verbreitet und nicht das Gespräch mit Holcim gesucht worden sei. Man habe inzwischen selbst Kontakt zu der Initiative gesucht und diese bereits eingeladen, das Werk zu besichtigen.

Holcim liegt direkt im Ort: Die geplante neue Anlage soll 200 Meter vom nächsten Wohnhaus entfernt gebaut werden. Quelle: Privat

Auch das zuständige Gewerbeaufsichtsamt Hannover (GAA) spricht von Fehlinformationen. Er könne zwar verstehen, dass der Begriff „gefährliche Abfälle“ die Öffentlichkeit aufschrecke, sagt Dezernatsleiter Thoralf Jahn. „Aber das Holcim-Werk wird keine Müllverbrennungsanlage, sondern bleibt immer noch eine Anlage zur Herstellung von Zement“, sagt er. Bislang seien 82 Einwendungen gegen die Genehmigung eingegangen. Derzeit werde geprüft, ob die beantragte Zusammensetzung des Brennstoffs die Grenzwerte einhalte und die Filtertechnik den Anforderungen entspreche. Eine eigene Umweltverträglichkeitsprüfung sei nicht vonnöten, wie eine Vorprüfung ergeben habe, weil dies bereits bei anderen Verfahren mit Renotherm geschehen sei.

Darüber hinaus sei für den 13. März ein Erörterungstermin im Schützenheim Höver angesetzt worden – öffentlich für jedermann, wie Jahn betont. Wer Einwendungen eingeschickt habe, dürfe dort auch sprechen. Außer Holcim und seinem Amt seien dazu auch Vertreter der die Stadt, der Region und der Niedersächsischen Gesellschaft zur Endablagerung von Sonderabfall (NGS) eingeladen.

Bei der Vorstellung in politischen Gremien der Stadt hatte es für das Vorhaben im vergangenen Jahr viel Kritik gegeben. Von einer „Müllverbrennungsanlage“ (AfD) oder einer „Sondermüllverbrennungsanlage, getarnt als Zementfabrik“ (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) war die Rede. Andere Ratspolitiker bescheinigten Holcim aber, ein verlässlicher und transparenter Partner zu sein. Inzwischen hat auch Hövers Ortsbürgermeister Christoph Schemschat öffentlich Stellung bezogen, weil sich das Thema nicht nur in seinem Dorf „extrem rasant entwickelt“.

Auch er sei darüber mit Blick auf Natur und Umwelt zwar „nicht glücklich“, sagt Schemschat. Aber irgendwo müsse der Müll schließlich hin. Für ihn stehe deshalb die Sicherheit der Prozesse von der Anlieferung des Materials über die Lagerung bis zur Überführung in den Ofen im Vordergrund. Er hätte sich gewünscht, dass die „Initiatoren der Einspruchsmobilisierung“ vorher die Politik und Stadt mit ins Boot geholt hätten und appelliert, nun den Dialog zu suchen: „Das ist doch bei Problemen das Wichtigste.“

Von Oliver Kühn

Anzeige