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Springe Sorge um den Brexit: Britin beantragt doppelte Staatsbürgerschaft
Umland Springe Sorge um den Brexit: Britin beantragt doppelte Staatsbürgerschaft
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19:49 09.04.2019
Hat einen zweiten Pass beantragt: Charlotte Hartwell lebt mit ihrer Familie seit sieben Jahren in Deutschland. Quelle: Juliet Ackermann
Springe

Noch ist unklar, wie Großbritannien aus der Europäischen Union aussteigt. Fest steht aber: Im Falle eines ungeregelten Brexits würden die im europäischen Ausland lebende Briten ihr Aufenthaltsrecht verlieren. In Springe wäre davon Familie Hartwell betroffen, die nun eine doppelte Staatsbürgerschaft beantragt hat.

Doppelte Staatsbürgerschaft beantragt

Das Ehepaar Hartwell zog mit seinen beiden Töchtern vor sieben Jahren aus Wales nach Deutschland, zunächst in die Nähe von Stuttgart. Nach einem Jahr zog die vierköpfige Familie in den Norden nach Springe. Dass sie sich für die Deisterstadt entschieden haben, hat einen Grund – die Familie hatte sich in das alte Rektorathaus an der St.-Andreas-Kirche verguckt. „Wir haben dieses Haus gesehen und uns darin verliebt. Es ist perfekt für uns“, schwärmt Charlotte Hartwell. Die zehn und acht Jahre alten Töchter besuchen vor Ort mittlerweile die Grundschule, Charlotte Hartwell unterrichtet privat Englisch und ihr Ehemann Alexander ist als Forstarbeiter tätig.

Einbürgerungstest ist für Briten erforderlich

Da sich die Familie am Deister wohlfühlt, hat sie die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt. Am 18. Februar stellte sie bei der Region Hannover einen Einbürgerungsantrag. Einreichen muss sie jetzt noch Nachweise über einen Sprach- und Einbürgerungstest, was aufgrund der großen Nachfrage auch nachträglich noch möglich ist. Alexander Hartwell braucht als studierter Germanist keinen Sprachtest nachzuweisen. Den Termin für seinen Einbürgerungstest im März musste er krankheitsbedingt verschieben, doch der nächste freie Termin ist erst in der ersten Maiwoche angesetzt – rund drei Wochen nach der Frist für den Austritt Großbritanniens am 12. April.

Bestätigung des Aufenthaltsrecht per Pass kostet 900 Euro

Rund 900 Euro kostet die vierköpfige Familie nach eigenen Angaben die Antragstellung inklusive der Tests. Doch Stress wollen sich die Springer Briten wegen der Fristen nicht machen. Charlotte Hartwell sagt: „Es ist alles okay, was künftig passiert, aber einfacher wäre es mit einem zweiten Pass.“ Die beste Option sei es also, zwei Pässe zu haben – die zweitbeste, einen Aufenthaltstitel zu bekommen.

Vor zwei Jahren schien deutscher Pass noch nicht nötig

Noch vor zwei Jahren sah sie keine Not, einen deutschen Pass zu beantragen. „Alles wird okay sein, der Brexit wird abgesagt“ habe sie nach dem Brexit-Referendum zunächst gedacht. Doch als ein No-Deal immer wahrscheinlicher wurde und im Januar deutsche Politiker in der Bundesrepublik lebende Briten empfahlen, einen deutschen Pass zu beantragen, habe sie ihre Meinung geändert. „Da sind bei uns die Alarmglocken angegangen“, sagt Hartwell.

Verständnis dafür, dass Briten für Brexit stimmen

„Ich kann verstehen, dass Briten für den Brexit gestimmt haben“, sagt sie. Das hänge mit der Perspektive zusammen, die viele Briten auf Europa hätten. Die EU werde von den Inselbewohnern als weit weg und wenig transparent angesehen; als ein politisches Konzept, das mehr für Politiker und weniger für die Menschen und die Zukunft von Bedeutung sei. So seien sich viele Briten einig: „Die EU ist nur daran interessiert, welche Größe deine Bananen haben.“ Damit spricht Hartwell eine Bananenmarktordnung der EU an, die vorschreibt, dass in Mitgliedstaaten verkaufte Bananen mindestens 14 Zentimeter groß und 27 Millimeter dick sein müssen.

Identitätskrise Großbritanniens

Hartwell bescheinigt ihren Landsleuten eine Identitätskrise: Während ältere Briten mehr an einem „Britain is great“ festhielten, würden junge Einwohner den Einfluss des Vereinigten Königreiches, Zentrum des ehemals größten Kolonialreichs der Geschichte, als durchaus begrenzt ansehen: „Wir haben nicht das Geld, nicht den gleichen Einfluss wie vor einigen Jahrhunderten“, so Hartwell.

Unterschiedliche Bewertung des EU-Austritts

Ihre Angehörigen haben beim Thema Brexit unterschiedliche Ansichten: Während ihre Schwiegereltern einen EU-Austritt bedauerten, sehen ihre Eltern der Zukunft positiv entgegen. Sie erhofften sich für ihr Land eine wirtschaftliche Besserung sowie eine neue Identität, so Hartwell. „Sie sehen die EU als ein altmodisches Konzept. Das finde ich auch.“ Hartwell sei frustriert, dass es keine moderne Perspektive gebe und sich die EU als langsames politisches System nicht der Digitalisierung anpasse. Für die 28 Mitgliedsstaaten, die von Deutschland und Frankreich kontrolliert würden, sei es schwierig, einen Konsens zu finden. Doch mit dieser Kritik mache sie sich in Deutschland keine Freunde. Charlotte Hartwell nimmt den Brexit als „heikles“ und „ungemütliches“ Thema wahr – insbesondere, weil der Verlauf der Verhandlungen chaotisch verlaufe.

Nach Brexit-Referendum neue Energie wahrgenommen

Nach dem Referendum im Juni 2016, als sich 51,89 Prozent der Wähler für den Austritt Großbritanniens aus der EU aussprachen, habe sie Bewegung und neue Energie wahrgenommen. „Unsere Hoffnung vor zwei Jahren war: Lass uns das neu machen, etwas transformieren“, so Hartwell. Doch die positive Stimmung habe sich schnell wieder gelegt: „Es herrschte Angst anstatt Diskussion über neue Wege. Es gab keine Diskussion über Zukunft.“ Angst und Panik seien innerhalb der EU die Reaktion auf den Brexit gewesen. Statt nach kreativeren Lösungen zu suchen, sei die Diskussion mit der Debatte über Immigration zusammengefallen – „heikel“ und „ungemütlich, kurz nach der Flüchtlingskrise“. Doch das seien kritische Töne, die ihre deutschen Angehörige gar nicht hören wollen.

Doch Hartwell findet auch, dass die EU das beste politische System sei, das es gebe – „jeder kann frei reisen und arbeiten, das ist wichtig“. Sie sieht Europa stark als Gruppe und ist der Meinung: „Es macht Sinn, in der EU zu bleiben, weil es kein neues System in der Zukunft geben wird.“

 Einbürgerungen von Briten in Springe

Derzeit leben 18 britische Staatsangehörige in Springe. Für sieben ansässige Briten laufen aktuell Einbürgerungsverfahren. „Seit Jahresbeginn gibt es eine sehr hohe Nachfrage von britischen Staatsangehörigen“, sagt Christina Kreutz von der Region Hannover.

Seit dem Brexit-Referendum hat sich die Zahl der Einbürgerungen von Briten in der Region innerhalb von zwölf Monaten verelffacht: Während 2015 noch zwei Personen einen Antrag gestellt hatten, waren es 2016 dann 22 Briten. In Springe stieg zwar die Zahl der Einbürgerungen in den entsprechenden Jahren zwar von 13 auf 25 Personen an, doch unter den Antragstellern waren keine Briten. Viele Briten beantragen laut der Region eine doppelte Staatsbürgerschaft.

Die Springer Volkshochschule bietet Einbürgerungstests an, jedoch keine Deutschtests für Zuwanderer. Beim Einbürgerungstest müssen 33 Fragen in 60 Minuten beantwortet werden.

Von Juliet Ackermann