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Springe Probleme beim Fernwärmekraftwerk: Der Kran streikt
Umland Springe

Kran streikt beim Fernwärmekraftwerk

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16:33 12.08.2019
Zwischen Baumaterial und Neubauschild: Bürgermeister Christian Springfeld (rechts) und Stadtwerke-Chef Marcus Diekmann begutachten die Baustelle. Quelle: Ralf T. Mischer
Springe

Zeit ist Geld – und die Zeit ist gerade ziemlich knapp für den Mann, der den Lastwagen mit den riesigen Filteranlagen fürs Fernwärmekraftwerk von Kärnten bis Springe gefahren hat: Seit Freitag steht das schwere Gespann eines österreichischen Speditionsunternehmens auf einem Feldweg nahe der Jägerallee. Mittlerweile sind weitere dazugekommen. Und gerade jetzt kommt es auf jede Sekunde an: „In Hamburg warten die 20-Tonnen-Greifer auf mich“, sagt der LKW-Fahrer – dort sollen Elemente für den U-Bahn-Bau in Wien verladen werden. Erst aber müssen die großen Filter herunter. Aber der Kran streikt.

Montagmorgen, 9 Uhr: Und noch ein Lastwagen poltert die Industriestraße herunter Richtung Biermannskamp. Auf dem riesigen Anhänger liegt der 17 Meter lange Stahlschornstein für die Feuerbox, in der die Hackschnitzel verbrannt werden – und für die Wärme im neuen Fernwärmenetz der Stadtwerke sorgen sollen. „Für uns sind das eher kleine Touren“, sagt der Mann, der einen der Schwerlastzüge, insgesamt seien schon vier vor oder bei der Baustelle, von Österreich bis nach Springe gefahren hat. Die längste Tour für ihn führte ihn vom Polarkreis bis nach Portugal, im Vergleich dazu ist der Weg vom Mondsee bis nach Springe – fast – nichts. Die Sekunden aber, die jetzt gerade verstreichen, schlagen dem Fahrer aufs Gemüt. Einer übernachtet bereits seit einigen Tagen in seiner Zugmaschine – eine normale Praxis bei Fernfahrern.

9.14 Uhr:„Ein größerer Transport fehlt noch“, erklärt Jannis Bandmann, Ingenieur der Stadtwerke – der Lastwagen mit dem Querförderer und der Hydraulikschnecke, die die Hackschnitzel in die Brennkammer, das Herz des Heizkraftwerks, befördern werden, ist noch nicht da. Das macht aber nichts, weil gerade das Problem die Gemüter auf der Baustelle bewegt: Der Kran, ein nagelneues Gerät, spielt nicht mit. „Es gibt ein Problem mit der Software“, sagt Brandmann. Man müsse deshalb auf einen Softwaretechniker des Herstellers warten. Der schwerste Laster transportiert die rund 35 Tonnen schwere Feuerbox eines österreichischen Herstellers, in der bald die Flammen lodern sollen. Noch in dieser Woche werden weitere Lastwagen erwartet – unter anderem einer mit einem Multizyklon, der „zur Ausfilterung von Staub aus dem Rauchgas“ dient, wie Stadtwerke-Chef Marcus Diekmann erläutert. Damit Staubpartikel aus der Abluft kommen, soll auch ein Elektrofilter verbaut werden, betont er.

9.43 Uhr:Und der Kran bewegt sich doch. Der Führer des 60-Tonnen-Gefährts, das, um die schweren Bauteile transportieren zu können, zusätzlich mit 72-Tonnen-Gewichten ausgestattet ist, dreht den Teleskoparm in Richtung des Lastwagens mit der Feuerbox. Dann schaltet der Kranführer das Gerät wieder ab. „Der Techniker kommt gegen 13 Uhr“, sagt er. Die Tücken der Technik. Die Fernfahrer, zwei Österreicher, einer aus Tschechien, haben sich vor dem Gespann versammelt, auf dem die Feuerbox steht. Funktionierte der Kran, würde sie zuerst entladen. „Das ist Alltag für uns, wir müssen oft warten“, sagt ein Fahrer mit breitem oberösterreichischen Dialekt. Normalerweise transportiere er noch größere Anlagen durch Europa, die, die er an den Deister gebracht hat, sei eher ein „kleiner Fisch“ für ihn. Und eigentlich müsse er längst in Hamburg sein. Er nimmt es gelassen – auch wenn jede zusätzliche Minute Kosten verursache. Auch der Kranführer bewahrt die Ruhe. Wenngleich die tonnenschweren Bauteile fürs Fernwärmekraftwerk für ihn schon besonders sind: „Solche schweren Geräte hat man nicht ständig“, sagt er. Höchstens dann, wenn man Aufträge für die Windkraftindustrie annehme.

12.30 Uhr:Der Kran kann wieder heben. Zuerst platziert der Mann am Steuerhebel die Feuerbox auf der vorgesehenen Stellfläche. Millimeterarbeit. Um 12.40 Uhr steht sie. Es folgt der Einschubtrichter – durch ihn wird künftig das Brennmaterial, Holzhackschnitzel, in die Brennkammer gelangen. Dann kann der erste Lastwagenfahrer wieder losfahren. Der atmet auf. Denn Zeit ist eben Geld.

Von Ralf T. Mischer