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Umland Springe Nachrichten Der Zahnarzt kommt ans Sofa
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12:23 05.06.2013
Von Petra Zottl
Tolle Technik: Dank des mobilen Zahnarztkoffers können Jens Riegelmann und Mitarbeiterin Janine Kockrow Wilma Sandner auch in deren Wohnzimmer behandeln. Quelle: Petra Zottl
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Angst vorm Zahnarzt? „Habe ich noch nie gehabt“, sagt Wilma Sandner. Die 94-Jährige sitzt auf ihrem Sofa und lächelt. Sie wendet sich an ihre Tochter. „Kommt er heute wieder?“, fragt sie Irmtraut Engel. Die bejaht und fügt hinzu: „Seine Besuche sind für meine Mutter und für uns eine echte Erleichterung.“

„Er“ ist Jens Riegelmann - Sandners Zahnarzt. Fast drei Jahrzehnte lang ist die Bennigserin in dessen Praxis gegangen - jetzt kommt er zu ihr nach Hause. Denn seit einigen Jahren kann die sonst recht rüstige 94-Jährige den Weg nicht mehr allein bewältigen. Ein Problem, das lange nur mithilfe eines Krankentransports gelöst werden konnte. „Und es ist schon unangenehm, wenn man die Treppe runtergetragen werden muss“, sagt Sandner. Hinzu kämen die manchmal langen Wartezeiten, bis ein Wagen für den Heimweg frei war.

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6000 Euro für den mobilen Zahnarztkoffer

Seit drei Jahren ist das vorbei: Damals kehrte Riegelmann mit einem neuen Angebot von einem Kongress zurück - dem mobilen Zahnarztkoffer. Er enthält etliche Geräte, die ein Zahnarzt benötigt: Bohrer, Sauger und Geräte zum Zahnsteinentfernen, angetrieben von einem Kompressor. 6000 Euro hat Riegelmann in den Koffer investiert, von dessen Notwendigkeit er überzeugt ist. „Wir bieten in Deutschland modernste Zahnmedizin an - aber nur solange Leute mobil sind. In der Alterszahnmedizin fallen wir zurück auf eine Stufe wie in einem Entwicklungsland“, sagt Riegelmann. Wer wie Sandner nur unter erheblichem Aufwand zum Zahnarzt komme, überlege lange, wann er wieder zur Kontrolle geht. „Und im schlimmsten Fall bedeutet das den Verlust eines eigenen Zahns.“

Davon ist Sandner weit entfernt. Nach kurzer Zeit ist Riegelmann mit der Durchsicht fertig - und hat nur eine kleine gereizte Stelle am Zahnfleisch entdeckt. Zurzeit besuchen er und seine Mitarbeiterin Janine Kockrow drei Patienten regelmäßig zu Hause - nach Feierabend, nach den Praxisstunden. Dann werden Sofas oder Küchen-stühle zum Behandlungsstuhl umfunktioniert. Hier zeigt sich dann eine Grenze: Aufwendige oder langwierige Behandlungen sind aufgrund der fehlenden Kopfstützen nicht möglich. „In solchen Fällen muss dann doch ein Krankentransport her“, sagt Riegelmann.

Aus wirtschaftlicher Sicht ist der mobile Zahnarztkoffer für Riegelmann kein rentables Geschäft. „Wir bekommen von der Krankenkasse ein wenig Kilometergeld, das Material und 40 Euro für den Aufwand bezahlt. Und der ist hoch - nach jedem Patienten müssen wir zurück in die Praxis, um die Instrumente zu sterilisieren“, sagt Riegelmann. Dazubezahlen muss Wilma Sandner nichts. Nur die Versichertenkarte muss Irmtraut Engel in den nächsten Tagen aus der Praxis holen. Theoretisch gibt es auch dafür mobile Geräte - aber das habe ich noch nicht“, sagt Riegelmann augenzwinkernd.

Interview: Die Zahnärzte zahlen drauf

Dr. Julius Beischer ist Mitglied im Vorstand der Zahnärztekammer Niedersachsen. Zudem ist er Experte für die Bedürfnisse älterer Zahnarztpatienten. Unsere Mitarbeiterin Petra Zottl sprach mit ihm.

Ist die mobile Zahnbehandlung ein wichtiges Angebot oder nur ein Gimmick für eine bringdienstverwöhnte Gesellschaft?

Ein nicht mehr mobiler, pflegebedürftiger Patient hat seit dem 1. April 2013 Anspruch auf eine aufsuchende Zahnbehandlung. Eine steigende Anzahl schwerstpflegebedürftiger Menschen bedarf einer besonderen Betreuung. Je immobiler der Mensch ist, um so mobiler müssen Zahnärzte reagieren.

Wie viele Zahnärzte in Niedersachsen bieten das an?

Wie viele Zahnärzte inzwischen mit einer „mobilen Behandlungseinheit“ arbeiten, ist uns nicht bekannt.

Ist eine solche Behandlung teurer als der Praxisbesuch? Zahlt das die Krankenkasse?

Die Behandlung mit einer mobilen Einheit ist ein Zuschussgeschäft. Allein die Einhaltung aller Hygiene- und Qualitätsvorschriften stellt in wirtschaftlicher Hinsicht ein nahezu unüberwindliches Problem dar. Dafür zahlen Krankenkassen gar nichts.