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Nachrichten „Ich bin eine Elfe - okay, zwei“
Umland Springe Nachrichten „Ich bin eine Elfe - okay, zwei“
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00:16 31.12.2016
Die Bestsellerautorin Nicole Jäger kommt im Januar nach Springe. Quelle: oh
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Springe

Frau Jäger, Sie wogen mal mehr als 340 Kilogramm - und haben das Gewicht stark reduziert. Wie funktioniert so was? Eine Geheimdiät?

Es gibt keine Geheimdiäten. Generell bringen Diäten mittel- und langfristig meist gar nichts und Abnehmen ist auch alles andere als ein Geheimnis. Es hat vielmehr etwas damit zu tun, sich um sich selbst zu kümmern. Körperlich wie emotional.

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Wenn Sie einen Vergleich anstellen - vor und nach der Abnahme - wie ist das Gefühl davor und danach?

Nun, ich glaube, man könnte es am besten so beschreiben: Ich bin heute eine verdammte Elfe. Okay, zugegeben, zwei Elfen (lacht).

In Ihrem Buch bezeichnen Sie sich als fette Frau. Wie schwer ist es eigentlich, sich das einzugestehen?

Ich glaube, es ist überhaupt eines der schwersten Dinge, die Wahrheit sich selbst einzugestehen. Der Rest ist dann nur noch der Weg, das Kind auch beim Namen zu nennen. Wir haben alle Angst vor dem Wort dick oder gar fett. Das sollten wir nicht haben. Es ist ein Attribut, so wie groß, klein, blond oder auch schlank. Nicht mehr, nicht weniger.

Was hat dazu geführt, dass sie sich selbst gesagt haben, dass sie abnehmen müssen?

Ich bin nicht eines morgens aufgewacht und dachte ‚Huch! Wo kommt das denn alles her?‘ Zunehmen ist ebenso wie abnehmen ein Prozess und ich war von meinem fünften Lebensjahr an ständig auf Diät, in Kuren und dergleichen. Das Resultat des ganzen Diätwahnsinns waren 340 Kilogramm. Als ich dann eines Morgens aufwachte und dachte, ich hätte einen Herzinfarkt, beschloss ich, es irgendwie anders zu machen als all die Jahre mit Hungern und Fressen. Das gab am Ende dann die Wende.

Sie treten im Januar in Springe auf. Ist es Ihr erster Besuch in der Stadt?

Ja, das ist es und ich freue mich schon sehr drauf. Bislang habe ich viel Schönes über Springe gehört und freue mich auf die Stadt und die Menschen.

Springe ist ja, wie Sie sicherlich wissen, ein Eldorado für Wanderer, Biker und Kletterer. Lockt Sie der Deister zu sportlichen Herausforderungen?

Generell ist Wandern ja ein angestrebtes Thema von mir. Ich würde gern irgendwann einmal pilgern gehen. Das mit dem Klettern allerdings lasse ich lieber (lacht).

Was erwartet das Publikum - und was erwarten Sie vom Publikum?

Das Publikum erwartet ein Abend voller Unterhaltung, sehr viel Humor, der auch mal böse ist, und der ein oder andere Denkanstoß. Es geht ums Lachen! Immerhin halte ich ja keine Ernährungsvorträge. Es geht eher um Körperlichkeit, Gesellschaft und den ganzen Wahnsinn rund um das Thema Abnehmen - dabei ist es ganz egal, was man wiegt. Von meinem Publikum erwarte ich nur eines: die Lust zu lachen.

Wie wurde Ihr Dicksein und Abnehmen von Ihrer unmittelbaren Umwelt aufgenommen?

Unterschiedlich. Generell lässt sich sagen, dass sowohl Familie als auch meine Freunde hinter mir stehen. In jeder Lebenslage und da war es auch egal, ob ich über 300 Kilo wiege oder so wie jetzt aufgestellt bin. Menschen, die einen lieben, denen sollte Gewicht generell vollkommen schnuppe sein und so ist es bei mir auch.

Es gab ja auch Zeiten, während derer Dicksein als schick galt, gerade bei Frauen. In der Zeit des Barock etwa traf eine füllige Frau voll das Schönheitsideal. Vielleicht sind Dicke heute in die falsche Zeit geboren?

Ich glaube, wir sind alle genau da, wo wir sein sollen. Die Zeiten haben sich geändert, Schönheitsideale ändern sich alle paar Jahre. In weiten Teilen der Welt ist Übergewicht ein Schönheitsideal. Bei uns ist es das nicht. Na und? Wir brauchen also keine Zeitmaschine, sondern maximal ein Flugticket. Ich habe allerdings die Erfahrung gemacht, dass das Schönheitsideal das eine sein mag, die Wahrnehmung und Akzeptanz eine ganz andere Sache ist. Das, was Menschen schön finden und was nicht, ist nur bedingt diktierbar und das ist auch gut so. Wer entspricht denn auch schon dem Ideal? Zumal niemand einem Ideal entsprechen muss. Ich muss mich selbst lieben, annehmen und respektieren. Vollkommen egal, wie viele Meter ich neben einem Ideal liege.

Stichwort Schönheitsideal: Gibt man nicht ein Stück weit seine Selbstbestimmung aus der Hand, wenn man seinen Körper so formt, wie ihn die Gesellschaft gern hätte?

Auch das Angleichen an das gesellschaftliche Ideal hat man ja immer selbst in der Hand. Wenn es eine Entscheidung ist, ist es Selbstbestimmung, wenn man nur folgt wie ein Lemming, ist es ein Problem, welches im schlimmsten Fall unglücklich macht. Sich gar nicht um sich zu kümmern oder zu bemühen, ist aber auch keine Rebellion. Am Ende geht es darum, mit sich und seinem Körper im Reinen zu sein und dabei ist es vollkommen egal, was die Waage, die Kleidergröße oder gar der BMI erzählen. All das ist irrelevant, solange man glücklich ist. Denn das ist der wichtigste Punkt: Man existiert nicht für andere und man muss auch nicht jedem gefallen. Man darf Macken und Fehler haben und einen Körper, der anders aussieht. Anders ist gut! Anders ist eben anders.

Häufig wird der Lebensmittelindustrie eine Schuld am Problem Übergewicht gegeben. Können Sie das nachvollziehen?

Kommt die Lebensmittelindustrie dann auch zu mir nach Hause und füttert mich mit einem Trichter? Solange das nicht der Fall ist, habe ich es selbst in der Hand. Es geht nicht um Schuld, es geht um Verantwortung. Ich kaufe ein, ich bereite zu, ich esse. All das mache ich selbst. Dass die Lebensmittelindustrie unter anderem auch Mist verkauft, ist klar aber deswegen muss ich es mir ja noch lange nicht in den Mund stecken. Denn neben all dem, was uns angeblich so dick macht, gibt es ja auch ein Paradies an Lebensmitteln, welche uns guttun.

Ralf T. Mischer