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10:32 29.08.2013
„Ich komme jetzt öfter": Olivia Jones ergreift das Wort vor dem Ortsrat. Quelle: Andreas Zimmer
Springe

Fünf Stunden stand Springe am Mittwoch Kopf: Die Travestiekünstlerin aus Hamburg, die am Deister aufwuchs, kam zwar zur Ortsratssitzung mit mehr als 200 Zuhörern im Schulzentrum Süd fünf Minuten zu spät, aber rechtzeitig zu ihrem Tagesordnungspunkt. Ehrenbürgerin ist sie (noch) nicht. Ortsbürgermeister Carsten Marock (SPD) listete zahlreiche Verdienste auf, unter anderem der Einsatz für Gleichberechtigung. Jörg Gassl (SPD) sagte: „Eine ehrbare Bürgerin, aber keine Ehrenbürgerin.“ Der Ortsrat wollte dem Verwaltungsvorschlag zur Botschafterin folgen, doch Ulrich Kalinowski (CDU) setzte sich mit der Bezeichnung Ehrenbotschafterin durch. Nach dem Votum, Katrin Kreipe und Marita Kürsten (beide SPD) stimmten dagegen, gab es Bravo-Rufe der Zuhörer. Jones ging an den Rednerpult und dankte: „Ich komme jetzt öfter.“ Am Rande der Sitzung räumte sie ein, sie habe damit gerechnet, dass sie kein Amt bekomme. Doch der Ortsrat habe ihr einen „Köder hingeworfen“, an der Ehrenbürgerin werde sie nun arbeiten. Zu den Gegenstimmen sagte sie: „Spaßbremsen gibt es überall.“

Begleitet von einem Pulk von Fans, Journalisten und dem Bürgermeister der Stadt flaniert die Dragqueen durch ihre Heimatstadt. Am Abend debattiert der Ortsrat darüber, ob die 43-Jährige Ehrenbürgerin des Deisterstädtchens werden darf. Ein Bürger hatte das gefordert.

Den Schriftzug Ehrenbotschafterin soll nun die eigens für Jones kreierte Briefmarke tragen, die am Nachmittag vorgestellt wurde. Ein Teil des Erlöses fließt an die Springer Tafel. „Ist die Marke zum Lecken oder zum Kleben?“, fragte Jones. Selbstklebend, erklärte Citipost-Vertriebsleiter Murat Bendes. 1500 Marken seien bisher gedruckt.

Den Weg durch die Stadt zum Museum legte Jones auf Pumps zurück. „Was habt ihr denn mit meiner Lieblingsdisco gemacht?“, fragte sie enttäuscht. Das Cocoa ist heute ein Restaurant. Sie ging hinein und erinnerte sich an heiße Disconächte mit 16: „Damals wusste ich noch nicht, dass ich schwul bin und hatte eine Freundin.“

Bloß viel auffallen! Glitzer, Glanz und Glamour: Das macht Drag Queen Olivia Jones aus. Eine Bilderreise durch das Leben der Travestiekünstlerin.

In das Museum ging Jones über einen von Ute Ketelhake gewebten roten Teppich. Eine Station war der Vortragsraum, wo ihr Alexandra Schwager aus Hamelspringe eine selbst gebackene Torte in Regenbogenfarben überreichte. „Eine schwule Torte habe ich noch nie gegessen“, sagte Jones. Ernstere Töne schlug Jones beim Besuch der Tafel mit 1500 Kunden an. „Das ist gemessen an der Einwohnerzahl Springes viel.“

Olivias Sprüche

"Können wir jetzt mal anfangen. Was ist denn hier los?" (Im Schulzentrum Süd, nachdem alle gewartet haben, bis sie in der Zuhörerreihe Platz genommen hatte.)  

"Blumen für mich. Da komme ich jetzt öfter." (Am Rednerpult während der Ortsratssitzung nach der Abstimmung.)  

"Herr Ortsbürgermeister, da müssen sie sich auch Frauenkleider anziehen, dann kommen immer so viele Zuhörer." (Zur Äußerung von Ortsbürgermeister Carsten Marock, es seien heute so viele Zuhörer da wie lange nicht mehr.)

"Ob ich jetzt feiere? Ich bin Ehrenbotschafterin, habe eine eigene Briefmarke und ein Foto in der Ahnengalerie. Außerdem habe ich immer einen Grund zu feiern." (Nach der Ortsratssitzung) 

"Eine schwule Torte habe ich noch nie gegessen." (Im Museum auf dem Burghof zu der eigens für sie gebackenen Buttercremetorte.) 

Annegret Brinkmann-Thies, Kira Pieper, Tobias Lehmann und Andreas Zimmer

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