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Umland Demonstranten stören Nazi-Kundgebung in Bad Nenndorf
Umland Demonstranten stören Nazi-Kundgebung in Bad Nenndorf
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19:49 15.08.2010
Von Simon Benne
„Bunt statt braun“: Mit einer Sitzblockade verzögern Demonstranten den Beginn des Nazi-Aufmarschs. Quelle: dpa
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Grau steht das Wincklerbad da. Putz platzt ab, Farbe bröckelt von den Fenstern. Ein Gebäude wie in Schwarz-Weiß. Ein Relikt aus einer anderen Zeit. Weil die Briten hier nach dem Krieg Gefangene quälten, ist das alte Badehaus heute Ziel eines „Trauermarsches“ von rund 1000 Neonazis.

Die Stadt hat sich vorbereitet: „Wir haben das Haus mit bunten Fähnchen und Luftballons geschmückt, um ein Zeichen gegen die Braunen zu setzen“, sagt eine rüstige Rentnerin, die im Vorgarten auf das wartet, was da kommen mag. Ihr Nachbar besucht derweil die Gegendemo. Etwa 1000 Menschen haben sich dort eingefunden, in einer abseits gelegenen Straße, die etwas großspurig „Hauptstraße“ heißt: „Wir sitzen hier am Katzentisch“, sagt Mitveranstalter Sebastian Wertmüller vom DGB bitter. Erst am Abend zuvor war die Gegenkundgebung erlaubt worden, für 9 Uhr morgens – auch deshalb sind weniger Protestler gekommen als erhofft. „Man kann schon den Eindruck gewinnen, Polizei und Verfassungsschutz versuchen, uns klein zu halten“, sagt Wertmüller. Viele hier kritisieren das zwischenzeitliche Verbot – und setzen doch ein Zeichen gegen die Nazis: „Bad Nenndorf steht für Weltoffenheit“, ruft Samtgemeindebürgermeister Bernd Reese beschwörend.

Danach beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel: Während die Rechtsextremisten sich am Bahnhof sammeln, versuchen linke Gruppen immer wieder, auf die von Polizisten abgeriegelte Aufmarschstrecke vorzudringen. Den Coup des Tages landen vier Linke, die sich als Polizisten verkleidet haben. In ihrem blauen Transporter, hinter der Windschutzscheibe eine Ausgabe von „Polizei heute“, werden sie an den Sperren durchgewinkt. Dann lassen sie eine hohle Betonpyramide vom Anhänger auf die Straße rutschen und ketten sich darin fest. Die echten Polizisten brauchen einige Zeit, um zu merken, dass sie geleimt wurden: „Pfiffig gemacht, die Blockade – da zolle ich denen sportlich Respekt“, raunt ein Polizist, während seine Kollegen daran arbeiten, die Protestler aus der selbst gewählten Gefangenschaft zu befreien.

„Letztes Jahr gab’s auch eine Pyramide, aber weiter hinten, die Straße runter“, sagt Kornelia Tello-Pinas. Mit Mann, Kindern und Enkeln sitzt sie auf ihrem Balkon über dem China-Restaurant: „Wir haben ja hier einen Logenplatz.“ Für viele Anwohner ist der alljährliche Nazi-Marsch durch die Vorgartenszenerie der Bahnhofstraße inzwischen ein unliebsames, aber bekanntes Schauspiel. Eine Inszenierung, deren kahlköpfige Darsteller sie nicht mögen, aber deren Aufführung sie nun einmal nicht verhindern können. Umso freudiger applaudieren sie den Sitzblockaden von Nazi-Gegnern, die den Aufmarsch verzögern. „Solange es friedlich bleibt, finde ich das okay“, sagt Kornelia Tello-Pinas.

Die Rechtsextremisten kommen erst mit deutlicher Verspätung zu ihrem Auftritt. Mit „Besatzer raus!“-Transparenten und Dreißiger-Jahre-Bekenntnisfrisuren ziehen sie schweigend Richtung Wincklerbad. Viele der meist jungen Marschierer, nur wenige Frauen finden sich unter ihnen, tragen Sonnenbrillen. Trommeln schlagen dumpf den Takt. Skurrilerweise müssen die Neonazis unter zuvor aufgehängten „Wir sind gegen Rassismus“-Transparenten hindurchmarschieren, vorbei an bunten Wimpeln.

Mit Sprechchören und Sirenenklängen stören Gegendemonstranten auch die Reden der Nazis am Wincklerbad. Der Kampf um die Deutungshoheit über die deutsche Geschichte – das ist heute vor allem ein Kampf um die akustische Dominanz auf der Bahnhofstraße von Bad Nenndorf. Der Aufmarsch wirkt wie ein Akt aus einem absurden Theaterstück, und die Reden der Nazis bilden den Text dazu.
Ein „Kamerad“ aus Dresden überbringt sächselnd „allerherzlichste Kampfesgrüße aus Mitteldeutschland“. Andere schwadronieren vom armen, geknechteten Deutschland, bejammern „Hetze gegen unser Volk“ und klagen über einen vermeintlichen „Schuldkult“, unter dem der deutsche Geist schwer zu leiden habe. Als ein Redner die Taten der Waffen-SS schönreden will, bricht die Polizei seine Rede ab. Sie spricht mit einem Megafon dazwischen und unterbricht die Veranstaltung.

Dann müssen die Rechtsextremisten zurück dorthin, wo sie hergekommen sind. Erst einmal zum Bahnhof, wieder mit Schweigen und Getrommel. Auf der Terrasse des „Café Parkhotel“ strecken Gäste ihnen das Hinterteil entgegen und singen tanzend das „Lied der Schlümpfe“. Die Glatzköpfigen marschieren schweigend an den Sängern vorbei. Das Einheitsweiß der Hemden, die ganze martialische Aufzug wirkt plötzlich sehr lächerlich.

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