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Umland Der Heldenstatus von Karl Jatho wackelt
Umland Der Heldenstatus von Karl Jatho wackelt
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20:20 20.05.2015
Von Rüdiger Meise
Karl Jatho im Pilotensitz, zwei Helfer an den Tragflächen: Hob der Pionier wirklich schon 1903 auf der Vahrenwalder Heide ab? Quelle: Günther Fischer
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Hannover

Sie ist ausgezogen, um Hannovers Flugpionier Karl Jatho endlich den ihm gebührenden Platz in der Industriegeschichte zu sichern. Die Historikerin Vanessa Erstmann will beweisen, was viele Veröffentlichungen behaupten: dass Jatho in einem Atemzug mit Otto Lilienthal und den Brüdern Wright genannt werden müsste - und lediglich an seiner Bescheidenheit scheiterte. Doch nach langen Recherchen Erstmanns sieht es so aus, als müsste Jatho in der Ruhmeshalle der Ingenieure nicht weiter vorn, sondern weiter hinten aufgestellt werden als gedacht.

Am 18. August 1903 wird auf einer holprigen Wiese in Vahrenheide Luftfahrtgeschichte geschrieben. Angeblich. Vier Monate vor dem Erstflug der Brüder Wright in den Sanddünen von Kitty Hawk soll der städtische Angestellte Karl Jatho mit einem selbst gebastelten Zweidecker in Hannover vom Boden abgehoben sein. Ein Luftsprung von 18 Metern Länge in rund einem Meter Höhe gelang, behaupten zahlreiche Veröffentlichungen - und ebenso Jatho-Fans vom hannoverschen Arbeitskreis Technik- und Industrie-Geschichte. Ist Jatho tatsächlich der erste Mensch, der je mit Motorkraft geflogen ist?

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Wie andere Forscher vor ihr findet Vanessa Erstmann in den Archiven keine belastbaren Beweise dafür, dass dieser Flug wirklich gelingt. „Jatho schafft es nicht, diesen Flug zu reproduzieren“, gibt sie zu bedenken. „Die Brüder Wright können ab 1903 tatsächlich fliegen - und zwar immer weiter, immer höher und gesteuert.“ Dem Hannoveraner sei ein echter Flug dagegen erst Jahre später gelungen - ein Rundflug sogar erst 1913.

Bislang bleiben alle modernen Flugversuche mit einem nachgebauten ­Jatho-Zweidecker erfolglos. Im Januar 2011 sperrt der Airport Hannover sogar zwei Tage lang die Startbahn Süd für ein aufwendiges Experiment des Technik-Arbeitskreises. Doch der Nachbau des Jatho-Drachens tuckert mit seinem schwachen Motor lediglich gemächlich über den Asphalt. Wer das Experiment gesehen hat, muss Zweifel haben, dass diese Maschine jemals abgehoben hat. „Wir haben gelernt, mit Enttäuschungen zu leben“, sagt Arbeitskreis-Testpilot Volker Erdmann damals. Die Historikerin Erstmann resümiert: „Jatho ist offenbar einer von vielen Flugpionieren, die in dieser Zeit experimentieren. Aber der erste Motorflieger ist er wohl nicht.“

Der Erfinder der Kampfdrohne?

Dann kommt ihr ein spannender Gedanke: Bereits 1918, gegen Ende des Ersten Weltkriegs, bastelt Jatho an ferngelenkten Flugzeugen, die Bomben auf den Feind werfen sollen. Am 31. August 1918 soll er das Patent auf einen unbemannten Bomber offiziell angemeldet haben, schreibt der Hannoversche Anzeiger - 14 Jahre vor einer ähnlichen Erfindung eines Amerikaners. Wenn Jatho also schon nicht der Erfinder des Motorflugs ist - vielleicht ist er ja der Erfinder der Kampfdrohne?

Doch erneut enttäuscht der hannoversche Flugpionier die junge Historikerin: Nirgendwo finden sich Pläne der Drohne, und im Archiv des Deutschen Patentamts in Berlin gibt es keine entsprechende Urkunde. „Die Anmeldung ist nie erfolgt“, sagt Erstmann. Jatho mag zwar an einer Drohne tüfteln. Die ersten Verweise auf seine angebliche Patentanmeldung gibt es aber erst zu Beginn der Dreißigerjahre - ausgerechnet, als gerade ein Amerikaner den ersten ferngesteuerten Bombenflieger erfindet und vorstellt.

Wie beim Wettlauf um den ersten Motorflug reklamiert Jatho, „eigentlich“ der Erfinder zu sein, der aber aufgrund mangelnder Förderung durch Wirtschaft und Behörden nicht zum Zuge kommt. Im Falle der Drohne könne er „aus finanziellen Gründen leider nicht den Patentschutz aufrechterhalten“, behauptet er. Was offensichtlich nicht stimmt. „Ich bin menschlich sehr enttäuscht vom alten Jatho“, sagt Erstmann.

Im Ersten Weltkrieg ausgemustert

Ernüchternd liest sich auch die Personalakte des Flugpioniers bei der Stadt. Jatho ist in mehreren Jahren länger als vier Monate krank und beschert dem Magistrat aufgrund schlechter Leistungen viel Ärger. Beklagt wird unter anderem fehlende Beamtendisziplin. Er sei „umständlich, weitschweifig und zu selbstständiger Arbeit nicht geeignet“. Regelmäßig werden Ärzte um objektive Befunde gebeten, weil Jatho beispielsweise einfach nicht zum Dienst erscheint.

Bei Beginn des Ersten Weltkriegs im August 1914 meldet er sich wie viele andere freiwillig zum Dienst, wird aber nach einer Woche ausgemustert. An seinem Arbeitsplatz fehlt er in dieser Zeit unentschuldigt. Und er kehrt danach auch nicht ins Büro zurück. Die Stadt droht mit einem Disziplinarverfahren. Als ihm die offenbar damals sehr geduldige Verwaltung eine Zulage streicht, beschwert sich Jatho: Für seine Arbeiten in der Flugtechnik habe er eher eine Belohnung verdient, findet er. Im gleichen Schreiben bittet er um einen Zuschuss von 10.000 Mark. „Das ist wirklich mutig“, sagt Erstmann schmunzelnd. 1924 schickt die Stadt Jatho als 51-Jährigen in den Ruhestand.

In mehreren Briefen bezeichnet sich Jatho als ersten reichsdeutschen Flugzeugkonstrukteur und behauptet, dass ihm die ganze Luftfahrtindustrie tributpflichtig wäre, wenn er seine vielen Erfindungen zum Patent angemeldet hätte. Beispielsweise das Räderfahrwerk oder den gegenläufigen Propeller. Doch nicht nur die Anerkennung, auch wirtschaftlicher Erfolg bleibt seiner Pionierarbeit verwehrt. In seinen 1913 gegründeten und chronisch finanzschwachen „Hannoverschen Flugzeugwerken“ auf der Vahrenwalder Heide geht kein Modell in die Serienfertigung. Als sich das Militär 1914 gegen einen Jatho-Flieger und stattdessen für ein Modell der Hannoverschen Waggonfabrik (HAWA) entscheidet, kommt das frühe Aus für die Fabrik. „Jatho hat zwar Ideen, aber eben auch ein Umsetzungsproblem“, diagnostiziert Erstmann.

Wie aber entsteht die Legende vom großen Flugpionier, die bis heute gern erzählt wird? Vanessa Erstmann gibt eine ganz einleuchtende Antwort: Ende der Zwanzigerjahre ist man, wie heute auch, auf der Suche nach einem hannoverschen Helden.

Zu Beginn der Dreißigerjahre versucht sich Hannover das Image einer Fliegerstadt zu geben - da erinnert man sich an den alten Jatho. Plötzlich findet der Magistrat freundliche Worte über seinen ehemals ungeliebten Angestellten, und in der NS-Zeit kommt die Geschichte vom unterschätzen deutschen Technikgenie wie gerufen. 1933 gratuliert Oberbürgermeister Arthur Menge zum 60. Geburtstag und zum 30. Jahrestag des „Fluges“. Erst jetzt erklären Zeugen schriftlich, sie hätten Jatho 1903 fliegen sehen. An der Vahrenwalder Heide wird ein Gedenkstein aufgestellt. Als Jatho im Dezember 1933 stirbt, kondoliert Reichskanzler Adolf Hitler persönlich per Telegramm.

Jathos Legende überlebt die Nazi-Zeit. Ab 1953 hält der hannoversche ­Aero-Club jährliche Gedenkfeiern ab. Bis heute schreiben viele Medien und Aufsätze Jathos angebliche Leistungen voneinander ab. „Sogar das von mir so geschätzte Stadtlexikon Hannover ist da keine Ausnahme“, sagt Erstmann. Die Wahrheit sei aber leider eine andere. Ganz weit vorn war Karl Jatho offenbar nur in einer Disziplin: beim Reklamieren, ganz weit vorn zu sein.

Die Imageexpertin

Die 29-jährige Historikerin Vanessa Erstmann hat Geschichtswissenschaft und Philosophie an der Leibniz-Universität Hannover studiert. Zurzeit schreibt sie ihre Dissertation über das Image von Hannover seit Ende des 19. Jahrhunderts und über die Bemühungen, den Ruf der Stadt zu verbessern. Die gebürtige Hannoveranerin und bekennende Sympathisantin der Stadt hält Vorträge über die Imageprobleme Hannovers und verteidigte die Stadt kürzlich in einem längeren Interview in der „taz“.

rm

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