Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Umland Ende der Angst
Umland Ende der Angst
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:48 31.01.2015
Mohammad Anil Atrafi (links) und sein Cousin Jamrad Azar spielen mit dem neun Monate jungen Jasoor. Quelle: Gleue
Anzeige
Hannover

Jamrad und Mohammad haben zwar noch keinen deutschen Pass, aber sie fühlen sich in der Region Hannover gut aufgehoben. „Hier geht es uns gut, hier in Neustadt sind wir in Sicherheit“, sagt Mohammad. Zu Hause waren sie das nicht mehr. Weil sie, wie die Taliban das sehen, dem Feind geholfen haben. Der Feind war die Bundeswehr.

Der 27-jährige Afghane Mohammad und sein zwei Jahre jüngerer Cousin haben ihre Heimat verlassen, weil die Taliban ihnen nach dem Leben trachten. Die beiden jungen Männer erhielten Morddrohungen, als den Taliban bekannt wurde, dass Jamrad und Mohammad in Kundus für die Bundeswehr übersetzt haben. Beide sprechen perfekt Englisch. Den deutschen Soldaten waren sie damit als Dolmetscher eine wichtige Hilfe - innerhalb und außerhalb der Feldlager im Norden Afghanistans, auch bei Gefechten mit den Taliban. Fünf Jahre lang verdienten sie ihren Lebensunterhalt als sogenannte Ortskräfte bei der Schutztruppe Isaf. Deswegen gelten sie den Taliban als Kollaborateure.

Anzeige

Irgendwann im Jahr 2013 häuften sich die Drohanrufe derart, dass die beiden Männer sich kaum noch auf die Straße oder den Basar trauen konnten.Sie wandten sich an ihre deutschen Chefs. Wie viele andere sogenannte Ortskräfte auch baten sie um besonderen Schutz und die Erlaubnis, nach Deutschland ausreisen zu dürfen. Die deutschen Offiziere in Kundus und Masar-i-Scharif spürten, wie massiv ihre afghanischen Helfer unter Druck gesetzt wurden. Also richteten sie einen Hilferuf an die Botschaft in Kabul. Doch bis sich die Bundesregierung bereit fand, ein Rettungsprogramm für die verängstigten Afghanen aufzulegen, dauerte es Monate. Mit bürokratischer Gründlichkeit wurde schließlich in Berlin ein Verfahren entwickelt, das den bedrohten Bundeswehr-Helfern noch immer viel Geduld abverlangt. Immerhin: Fast 1000 Afghanen hat es inzwischen den Weg nach Deutschland geebnet.

Die Cousins haben fast ein halbes Jahr warten müssen, bis sie die Ausreiseerlaubnis in den Händen hielten. Vor fast genau einem Jahr, Mitte Februar 2014, stiegen sie in Masar-i-Scharif ins Flugzeug und flogen über Istanbul nach Hannover. „Mit 25 Kilogramm Gepäck wie bei einem Urlaubsflug“, sagt Mohammad, der seine Heimat gemeinsam mit seiner Frau Onaba und seinem ein Jahr alten Sohn Jasoor verlassen hat. Auch Jamrad brach gemeinsam mit seiner Frau Bershua zum Neustart in Deutschland auf. Die Flucht vor den Taliban endete für sie in Neustadt.

Dabei war es nicht so, dass die Familien eine Auswahl gehabt oder ihr Reiseziel überhaupt gekannt hätten. Dass es sie nach Neustadt am Rübenberge verschlug, war reiner Zufall. Ein Zufall, mit dem sie gut leben können. „Hier sind gute Leute, hier haben wir keinen Stress, hier geht es uns prima“, sagt Mohammad. Sein Cousin Jamrad und dessen Ehefrau Bershua beziehen in der Stadt an der Leine gerade eine neue Wohnung. Die erste ist demnächst zu klein für sie, denn für April hat sich ihr erstes Baby angekündigt.

Eine afghanische Familie, die schon seit 25 Jahren in Deutschland lebt, steht den Neuankömmlingen in Neustadt jederzeit mit Rat und Tat zur Seite. „Rahima Sahlei ist wie eine Mutter zu uns“, sagt Mohammad, „sie hat uns beim Start in Deutschland wirklich perfekt unterstützt.“ Im Sozialamt gibt es zudem eine feste Ansprechpartnerin, Brigitte Scheele. Das Jobcenter bezahlt den Lebensunterhalt (358 Euro pro Monat für jeden Erwachsenen), das Kindergeld, die Beiträge an die AOK und die Mieten für die Wohnungen.

Langeweile scheinen die beiden Männer nicht zu kennen. In den vergangenen Monaten haben sie in der Volkshochschule mit gutem Erfolg Deutsch gelernt. „Wir kommen jetzt gut klar in Neustadt. Unsere Lehrer haben tolle Arbeit geleistet“, sagt Jamrad. In den nächsten Tagen steht die Abschlussprüfung an. „Da gibt es vorher viel zu üben.“ Als nächstes steht bis Ende März ein Integrationskurs auf dem täglichen Unterrichtsprogramm. Mohammad hat bereits die deutsche Führerscheinprüfung bestanden.

Ihren Ehrgeiz, in Deutschland Fuß zu fassen und nicht länger vom Geld aus dem Jobcenter abhängig zu sein, geben die beiden Afghanen fast ständig zu erkennen. Mohammad, der in Afghanistan ein Literatur-Studium mit dem Bachelor-Zeugnis beendet hat, sucht genauso nach einem festen Arbeitsplatz wie sein Cousin, der ein Diplom als Englischlehrer vorweisen kann. „Einen Halbtagsjob könnten wir schon übernehmen“, sagen sie. Gern würden sie in Neustadt bleiben, doch ob es dort einen geeigneten Ganztagsjob für sie gibt, bezweifeln die Männer einstweilen. „Da müssen wir Glück haben“, sagt Jamrad.

Ein Zurück nach Afghanistan kommt für die beiden Männer nicht infrage. Durch Telefongespräche und Skypen mit ihren Angehörigen erfahren sie fast wöchentlich, wie gefährlich das Leben in ihrer Heimatstadt Kundus geworden ist. „Da müssten wir uns wieder verstecken“, sagt Mohammad. Immerhin gebe es in Kundus jetzt einen neuen Gouverneur. „Der will aufräumen und Sicherheit schaffen“, sagt Jamrad, „ob ihm das gelingt - man wird sehen.“

Von Klaus von der Brelie

Umland Burgdorf/Lehrte/Sehnde/Uetze - Etliche Sportvereine erhalten Förderung
30.01.2015
Bernd Haase 29.01.2015