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Umland ICE erfasst Bahn-Mitarbeiter beim Winterdienst
Umland ICE erfasst Bahn-Mitarbeiter beim Winterdienst
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21:54 21.12.2010

Es ist einer der folgenschwersten Bahnunfälle der vergangenen Jahre in Hannover. Am Dienstagvormittag wurde ein 56-jähriger Mitarbeiter der Deutschen Bahn AG in Wunstorf von einem ICE, der in Richtung Hannover unterwegs war, erfasst und tödlich verletzt. Das Opfer war gerade damit beschäftigt, gemeinsam mit seinem zwei Jahre älteren Kollegen die Weiche Nummer 101, die sich etwa 200 Meter vor dem Bahnhof befindet, vom Schnee zu befreien. Die genauen Umstände des Unglücks sind noch unklar. Fest steht bislang nur, dass der Zug den 56-Jährigen mit Tempo 160 erfasste. Der Bahnmitarbeiter war sofort tot. Der mit 60 Reisenden besetzte ICE kam trotz Vollbremsung erst 1000 Meter hinter dem Bahnhof zum Stehen.

Der Kollege des Verunglückten blieb körperlich unversehrt. Allerdings erlitt er, wie der Zugführer des ICE, einen Schock. Die Männer mussten vor Ort von einem Notfallseelsorger betreut werden. Zunächst hatte die Polizei die Bahnstrecke nach dem Überlebenden des Unglücks absuchen müssen. „Wahrscheinlich ist er aufgrund des Schockzustandes ziellos in der Gegend umhergeirrt“, sagte Bundespolizeisprecher Detlef Lenger.

Die Polizei prüft jetzt, ob die beiden Mitarbeiter während des Winterdienstes an der Weiche ordnungsgemäß abgesichert waren. Die Deutsche Bahn wollte sich gestern nicht dazu äußern, welche Sicherheitsvorkehrungen grundsätzlich bei derartigen Arbeiten zu treffen sind. „Das hängt immer vom Regelwerk und den örtlichen Gegebenheiten ab“, sagte Bahnsprecher Hans-Georg Zimmermann. In jedem Fall müssen sich die Mitarbeiter beim Fahrdienstleiter vor der Arbeitsaufnahme anmelden. Dann besteht nach den Vorschriften der Bahn die Möglichkeit, die betroffene Strecke komplett zu sperren oder die Züge mit reduzierter Geschwindigkeit durchfahren zu lassen, wobei ein Sicherungsposten die Arbeiter vor den heranfahrenden Zügen per akustischem Signal warnt. Nach Angaben der Bundespolizei gab es am Dienstag in Wunstorf keinen Sicherungsposten auf der Strecke. Unklar ist, ob der Fahrdienstleiter über den Eiseinsatz an der Weiche informiert war. Nach Angaben der Ermittler sollte zum Unfallzeitpunkt eigentlich ein Interregio den Wunstorfer Bahnhof passieren. Warum die Bahn an diesem Vormittag außerplanmäßig einen schnelleren ICE einsetzte, ist Teil der Untersuchungen.

Wegen des Unglücks war die Strecke zwischen Wunstorf und Hannover bis gegen 13.30 Uhr voll gesperrt. Davon waren vor allem die Fernzüge betroffen. Die Bahn leitete die Züge zwar über die Deister-Strecke, also über Haste, um. Doch weil diese Strecke nicht mit so hohen Geschwindigkeiten befahren werden kann, kam es zu Verzögerungen. Teilweise mussten Reisende auf der viel befahrenen West-Ost-Strecke Verspätungen von bis zu zwei Stunden in Kauf nehmen. Erst am frühen Abend normalisierte sich der Bahnverkehr.

Das Unglück von Wunstorf ist nicht das erste in diesem Winter. In der Nacht zu Dienstag wurden in Köln zwei weitere Mitarbeiter des Winterdienstes von einer Regionalbahn überrollt. Für Oliver Kaufhold, Sprecher der Bahngewerkschaft EVG, sind die Ursachen für die Häufung der tragischen Unfälle auch in der derzeitigen Arbeitsbelastung des Personals zu suchen: „Alle arbeiten an der Kante, in den Zügen und auf der Strecke“, sagte er. Die Situation sei dermaßen angespannt, dass sich jetzt auch bei Abläufen, die millionenfach erprobt seien wie die Sicherungsvorkehrungen auf den Gleisen unter Umständen Fehler einschlichen, die nicht passieren dürfen, so Kaufhold weiter.

Tobias Morchner

Dieser Artikel wurde erneut aktualisiert.