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Umland Jugendgangs markieren ihre Reviere in der Region Hannover
Umland Jugendgangs markieren ihre Reviere in der Region Hannover
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14:53 15.09.2010
Wer regiert? Im Stadtteil Auf der Horst in Garbsen leben viele Menschen im sozialen Abseits. Die Jugendgang „Ausländer in Garbsen“ beansprucht „Kontrolle“. Quelle: Daniel Kunzfeld

In den kommenden Wochen wird wieder gefeiert – gesoffen, gepöbelt, geschlagen. Im Zuständigkeitsbereich der Polizeiinspektion Garbsen – er umfasst das gesamte Umland zwischen Neustadt im Norden und Barsinghausen im Süden – sind Dutzende Zelt- und Schützenfeste geplant. „Wir müssen davon ausgehen, dass einzelne gewaltbereite Personen die Feste stören werden. Das zeigt die Erfahrung aus den vergangenen Jahren“, sagt Jürgen Ermerling, Leiter der Polizeiinspektion Garbsen. Die Beamten sind bereits dabei, Vorsorge zu treffen. „Wir haben mehrere Betretungsverbote ausgesprochen.“ Polizeilich einschlägig bekannten Personen ist es untersagt, sich auf Festplätzen oder in deren Nähe aufzuhalten. Zudem werden die Beamten Alkoholkontrollen unter jugendlichen Festbesuchern durchführen. „Die Auswüchse beim Alkoholkonsum unter Jugendlichen und die Gewaltprävention gehören für uns zu den vordringlichsten Themen“, sagt Ermerling. Ein Streifzug durchs Revier aber macht deutlich: Das ist längst nicht alles.

Garbsen

Drei Buchstaben markieren ihr Terrain. AIG – „Ausländer in Garbsen“. Im Stadtteil Auf der Horst haben die Mitglieder der etwa 20-köpfigen Jugendgang ihn auf Dutzende Hauswände gesprüht. „Damit jeder weiß, wer hier regiert“, sagt einer. 15 Jahre ist er alt, seine Augen sind glasig, der Blick ist entrückt. Ein Bolzplatz am Saturnring dient der Gruppe als Treffpunkt. Am frühen Abend kommen die Jugendlichen auf dem „Bolzer“ an einer Tischtennisplatte zusammen. Sie schmeißen Glasflaschen gegen den Zaun, hantieren mit Klappmessern, rühmen sich für ihre Straftaten. Eine Körperverletzung oder Sachbeschädigung hat hier fast jeder schon begangen.

Die AIG ist nicht die einzige Gruppe, die Kontrolle will und Respekt einfordert. Auch die Gang ADHP („Auf Der Horst Power“) mischt mit, die Mitglieder der Gang KBB („Kurdische Blutsbrüder“) sind im Garbsener Kronsberg-Viertel unterwegs. Eine kriminologische Regionalanalyse, die die Stadt Garbsen im Jahr 2007 in Auftrag gab, hat ergeben, dass diese Jugendgruppen bei Anwohnern für große Verunsicherung sorgen. „Das betrifft in erster Linie ältere Menschen und Frauen“, sagt Polizist Günther Hirche, Kontaktbeamter in Garbsen.

Auch die beiden 15-jährigen Mädchen, die sich abends gern auf einer Bank am „Bolzer“ treffen, kennen das mulmige Gefühl. Sie fürchten weniger die Jungs von AIG. Vielmehr setzt ihnen eine Gruppe gleichaltriger Mädchen zu. „Eine hat mir mit der Faust ins Gesicht geschlagen“, erzählt eine der Schülerinnen. Um Lästereien sei es gegangen. „Sie ist einfach auf mich los. Das ist bei denen nicht außergewöhnlich. Da muss man nur mal falsch gucken“, sagt der Teenager.

Der Kontaktbeamte Hirche kennt die Jugendlichen, ihre Gangs, ihre Probleme, ihre Straftaten. „Sie wachsen unter wirklich schwierigen sozialen Bedingungen auf“, sagt Hirche. Viele haben keinen deutschen Pass, mancher wartet auf seine Abschiebung. Das Geld ist knapp, die Perspektiven sind es auch. Regelmäßig stattet Hirche den Grundschulen einen Besuch ab. Mit den Kindern bespricht er, was eine Straftat ist und wie die Konsequenzen aussehen. Er weiß, sobald die Schüler von der Grund- auf die weiterführende Schule wechseln, müssen sie die Botschaft verstanden haben. „An die Großen kommen wir nicht ran. Die machen einfach dicht.“ Der Schritt zwischen Grundschule und dem Großsein ist nicht weit. „Mit 13 geht es bei den ersten mit den Drogen los“, sagt Hirche.

Springe

Die Stadt spart – und knipst zwischen 23 Uhr und fünf Uhr morgens das Licht aus. Doch die Dunkelheit auf den Straßen belastet das Sicherheitsempfinden der Bürger. „Es ist total duster. So richtig wohl fühlt man sich da nicht“, sagt eine Anwohnerin. Inzwischen hat die Stadtverwaltung ein Kompromissangebot unterbreitet. Zumindest an die Zeiten der S-Bahn soll die Straßenbeleuchtung angepasst werden, damit späte Heimkehrer nicht wie blind durch die Nacht laufen müssen.

Wunstorf / Steinhude

Es ist ein wenig Ruhe eingekehrt in den Konflikt zwischen rechts- und linksradikalen Jugendlichen in Wunstorf. War es in der Vergangenheit immer wieder zu teilweise gewalttätigen Auseinandersetzungen mit Verletzten zwischen den Gruppierungen gekommen, verzeichnet die Polizei seit einigen Monaten keine Zwischenfälle dieser Art. „Die Leute, die der rechten Szene zugeordnet wurden, sind nicht mehr aktiv“, sagt Kriminalhauptkommissar Michael Fieber. Das liege vor allem daran, dass der Kopf der sogenannten Autonomen Nationalisten Wunstorf zwar offiziell noch in der Kleinstadt gemeldet ist, sich aber hauptsächlich in Hannover aufhält. Dort allerdings ist der junge Mann bereits auffällig geworden. In der Neujahrsnacht soll er sich an einer Prügelattacke auf einen U-Bahn-Passagier beteiligt haben.

Derzeit bereitet den Beamten die Situation rund um den Barneplatz weitaus größere Sorgen. In der Gegend, die von Hochhäusern geprägt ist, stehen viele Geschäfte leer, der Platz dient als Treffpunkt für Obdachlose, Trinker, Drogenabhängige und Großfamilien aus dem ehemaligen Jugoslawien. „Wir sind wegen der Verhältnisse dort in ständigem Austausch mit der Stadt, zeigen dort verstärkt Präsenz“, sagt der Kontaktbeamte Jürgen Schreeck.

Hemmingen

Eigentlich, so meinen viele Hemminger, haben sie kaum Anlass, kriminelle Machenschaften in ihrem Ort zu fürchten. In den vergangenen Tagen hat das Sicherheitsgefühl allerdings gelitten. Taschendiebe waren auf dem Wochenmarkt unterwegs. Reihenweise sollen sie den Passanten die Geldbörsen aus Hand- und Hosentaschen gezogen haben. „Eine Frau hat es am Blumenstand erwischt, ein Herr hat es gemerkt, als er die Kartoffeln bezahlen wollte“, berichtet eine Geschäftsfrau. Die Polizei weiß bisher nur von einer einzigen Tat, die allerdings hatte es in sich. Ein Trickdieb war im Ort. Der Täter hatte einen 87-Jährigen gebeten, eine Zwei-Euro-Münze zu wechseln. Während der Senior nach dem Kleingeld wühlte, machte sich der fingerfertige Dieb daran, die Scheine aus dem Portemonnaie seines Opfers zu ziehen. Erfolglos: Der Rentner witterte das Unrecht. In Wennigsen ereigneten sich nach Angaben der Polizei ähnliche Taten.

Barsinghausen

Es ist nur eine Frage der Zeit, dann wird in Barsinghausen wieder ein Müllcontainer in Flammen aufgehen. Allein in den vergangenen 18 Monaten gab es mehr als ein Dutzend Containerbrände. Alle ereigneten sich im Bereich des Stadtzentrums, in allen Fällen glaubt die Polizei an Brandstiftung. Von dem oder den Tätern fehlt jede Spur. Das sorgt die Anwohner kaum. „Solange nicht der eigene Container brennt, interessiert es die Leute nicht“, sagt Uwe Müller, Kontaktbeamter in Barsinghausen. Die Situation am Bahnhof bewege die Bürger deutlich mehr, wenn auch zu Unrecht, sagt Müller. „Viele Menschen fühlen sich da einfach nicht sicher, besonders in der Unterführung. Dabei kann ich mich nicht daran erinnern, dass dort einmal was passiert wäre“, sagt Müller. Auch Gerüchte über Drogengeschäften am Bahnhof kursieren unter den Anwohnern. „Das ist zum Glück sehr viel besser geworden. Vor zwei Jahren haben da ja selbst Kinder was bekommen“, sagt eine Friseurin. Im Dezember 2008 sprengte die Polizei in Barsinghausen einen großen Drogenring. „Das war ein richtiger Paukenschlag. Natürlich wird noch gedealt, aber es ist ruhiger geworden“, sagt Müller.

Alkohol und Gewalt unter Jugendlichen, das sind aus Sicht des Kontaktbeamten die vordringlichsten Probleme in der Stadt. „Dieses völlig haltlose Saufen hat es früher nicht gegeben. Die verlieren alle Hemmungen. Und dann gibt’s was auf die Nase.“

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