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Umland Mord in Sarstedt war offenbar Ende einer Familienfehde
Umland Mord in Sarstedt war offenbar Ende einer Familienfehde
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10:13 03.01.2012
Tatort in Sarstedt: Tödliche Schüsse an der Ampel. Quelle: dpa
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Sarstedt

Sonntagabend, 23.15 Uhr. Ein schwarzer Golf-Kombi mit Hildesheimer Kennzeichen fährt die Giesener Straße in Sarstedt herunter in Richtung Innenstadt. Die Ampel an der Kreuzung steht auf Rot, deshalb stoppt der Fahrer seinen Wagen direkt vor dem dortigen Kiosk.

Da treten zwei Männer auf dem Bürgersteig vor dem Kiosk an das Auto heran, ziehen Pistolen und feuern mehrmals durch das Beifahrerfenster auf den 35-Jährigen. Zehn Patronenhülsen finden die Ermittler später auf dem Asphalt. Offenbar handelt es sich um Neun-Millimeter-Geschosse.

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Der Syrer sackt auf dem Fahrersitz zusammen. Die Täter flüchten laut Zeugenaussagen mit dem Auto. Nach Polizeiangaben haben zwei Passanten die Tat beobachtet, können aber das Kennzeichen des Fluchtwagens nicht wiedergeben. Einer der Zeugen ist ein Sarstedter Feuerwehrmann, der in der Nähe wohnt. Er zieht den Sterbenden aus dem Auto, legt ihn auf die Straße und fühlt seinen Puls. Der Syrer lebt noch, der Feuerwehrmann versucht, ihn zu reanimieren. Vergeblich, der 35-Jährige stirbt. Ein weiterer Brandschützer kommt aus der Pizzeria gegenüber hinzu. Auch er kann dem Opfer nicht mehr helfen.

Um 23.18 Uhr wird die Polizei alarmiert. Streifenwagen rasen heran, dazu Rettungswagen. Der Notarzt kann nur noch den Tod des Opfers feststellen. Die Polizei ermittelt schnell den Halter des Autos. Ein Polizist schlägt die Decke zurück, mit der seine Kollegen den Toten abgedeckt haben, sagt sofort: „Das ist er.“ Später bestätigen genauere Untersuchungen die Identität des Mordopfers.

Die Polizei richtet noch in der Nacht eine Mordkommission ein, Montagmorgen übernimmt die Staatsanwaltschaft Hildesheim die Führung der Ermittlungen. Auch das Bundesinnenministerium schaltet sich ein. Nachdem erst am  2. Weihnachtstag der Berliner Grünen-Politiker und syrische Oppositionelle Ferhad Ahma von Unbekannten verprügelt worden war und die Ermittler seitdem untersuchen, ob der syrische Geheimdienst in den Fall verwickelt ist, weckt ein Mord an einem syrischen Staatsbürger sofort das Interesse der Sicherheitsbehörden.

Der Verdacht erhärtet sich allerdings nicht, zumal der Fokus der Ermittler sich schnell auf die Familienfehde richtet. Am Vormittag überprüft die Polizei die Personalien einiger Syrer bei Osnabrück, setzt sie aber wieder auf freien Fuß. Im Lauf des Tages folgen Einsätze von Spezialeinsatzkommandos der Polizei, eines davon in Hildesheim. Zu Festnahmen kommt es aber nicht.

Das Ende einer Hetzjagd?

Der Mord ist offenbar der traurige Höhepunkt eines Familiendramas – und das tödliche Ende einer monatelangen Flucht vor der Selbstjustiz einer syrischen Großfamilie. Davon ist Uwe Wedekind, Geschäftsführer des Hildesheimer Asylvereins und langjähriger Bekannter des Mordopfers, überzeugt.

Der syrische Kurde Abdelkader D. ist demnach im Jahr 1994 nach Deutschland gekommen. Als Staatenloser erhält er ein Aufenthaltsrecht. Bald darauf lernt er eine ebenfalls aus Syrien nach Deutschland ausgewanderte Frau namens Neval Y. kennen. Sie heiraten in einer religiösen Zeremonie, haben sechs Kinder im Alter zwischen drei und zwölf Jahren. Das Paar kann aber zunächst nicht zusammenleben – wegen unklarer Personalien verweigern die Behörden der Frau lange den Umzug von Nordrhein-Westfalen nach Hildesheim. Abdelkader D. hat bei der Einreise zudem falsche Personalien angegeben. Als ihm die Behörden das nachweisen, legt er im Jahr 2008 schließlich einen syrischen Reisepass vor. Er verliert sein Aufenthaltsrecht. Fortan ist er offiziell wieder syrischer Staatsbürger.

„Anfang 2010 hat er einen Job gefunden, ab Mitte 2010 war der Unterhalt für ihn, seine Lebensgefährtin und die Kinder aus unserer Sicht gesichert“, erinnert sich Wedekind. Er hat den Mann – anders als Frau und Kinder – zwar als „nicht sonderlich gut integriert“ in Erinnerung. Angesichts des neuen Jobs will ihm der Asylverein aber helfen, wieder einen besseren Aufenthaltsstatus zu bekommen, und schickt einen Antrag an die Härtefallkommission des Landes.

Eine Woche später trennt sich Neval Y. Anlass ist eine neue Beziehung ihres Mannes, angeblich mit einer ebenfalls verheirateten Cousine. „Das kann ich aber nicht bestätigen, über die Frau weiß ich wenig“, sagt Uwe Wedekind. Eine Affäre zweier Verheirateter – ein übler Verstoß gegen die Familienehre.

Abdelkader D. deutet gegenüber Uwe Wedekind an, dass er sich bedroht fühlt, verschwindet schließlich für mehrere Monate aus der Gegend, möglicherweise nach Nordrhein-Westfalen zu Neval Y. „Sie ist eine eher westlich orientierte Frau, die mit dem Lebenswandel ihres Mannes nicht mehr viel anfangen konnte“, sagt Uwe Wedekind. Dass von ihrer Seite Rachegefühle aufgekommen seien, glaubt er nicht: „Sie haben sich im Guten getrennt, soweit ich weiß.“

Vor acht Wochen taucht dann Abdelkader D. wieder in der Region auf. Eine Polizeistreife hält ihn in Hannover an und schickt ihn nach Hildesheim zurück, wo er sich rechtlich betrachtet aufhalten müsste. Wenig später meldet er sich bei Uwe Wedekind. Er soll ihm berichtet haben, dass er bei Freunden in Sarstedt untergekommen sei und dass er sehr erschöpft sei von der Flucht, keine Kraft mehr habe. Sein Leben in Angst endet schließlich in der Nacht zum Montag an einer Ampel in Sarstedt.

Tarek Abu Ajamieh

Dieser Artikel wurde aktualisiert.