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Uetze Kein Containern bei Edeka: Supermarkt-Chef Cramer setzt auf die Tafel
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Burgdorf Burgwedel Lehrte Uetze Langenhagen: Cramer setzt auf die Tafel – und nicht das Containern

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17:24 19.07.2019
Unternehmer Sebastian Cramer hat derzeit acht Märkte in der Region. Er will die Kunden besser aufklären, wie sie die Verschwendung von Lebensmitteln vermeiden können. Quelle: Antje Bismark
Burgdorf

„Wir leben vom Verkauf der Lebensmittel, nicht davon, dass wir sie wegschmeißen“: Mit diesem Satz fasst Sebastian Cramer die Unternehmensphilosophie des gleichnamigen Familienunternehmens zusammen. Gemeinsam mit seinem Vater Jürgen und seiner Schwester Inga Ali führt er die Handelskette in der Edeka-Gruppe mit derzeit acht Märkten und 750 Mitarbeitern. Im September öffnet in Langenhagen der neunte Markt, dann kommen weitere 100 Beschäftigte dazu.

Deutlich unter einem Prozent beim Gesamtumsatz liege deshalb der Verlust, der dem Unternehmen wegen Diebstahls oder weggeworfener Lebensmittel entstehe. „Diese Zahl ist in den vergangenen Jahren stetig zurückgegangen“, sagt der Geschäftsführer und fügt hinzu, dass sich die Entwicklung unter anderem aus einer immer besser justierten, abgabegerechten Bestellung ergebe. „Darin spiegelt sich die Erfahrung unserer Mitarbeiter wider, die genau wissen, welcher Bedarf wann besteht.“ Gleichwohl: Es gebe keine Bestellung, die zu 100 Prozent passe: „Mitunter reichen Temperaturschwankungen, die sich beispielsweise auf die Nachfrage nach Grillfleisch auswirken.“

Cramer-Kette arbeitet mit lokalen Tafeln zusammen

In der Mülltonne oder dem Container landen diese Lebensmittel dennoch zum großen Teil nicht. Cramer räumt dem Containern – also der Suche nach verwertbaren Nahrungsmitteln im Abfall – keine Chance in seinem Unternehmen ein. Denn alle Märkte arbeiten mit den lokalen Tafeln zusammen, deren ehrenamtliche Mitarbeiter das Essen jeden Tag abholen. Das gelte beispielsweise für Molkereiprodukte, die zwei Tage vor dem Ablaufdatum an die Tafel übergeben würden. „Wir sortieren vor, dann kommen die Lebensmittel zur Tafel und werden noch einmal geprüft“, sagt er. Erst dann gingen sie zu den Menschen, die bedürftig seien. „Was bei dieser Prüfung durchfällt, ist wirklich nicht mehr genießbar“, sagt der Unternehmer.

Damit sei das Containern de facto ausgeschlossen, ebenso wie das von Aktivisten geforderte Regal zum Foodsharing, also dem unentgeltlichen Teilen der Nahrung, um Lebensmittelverschwendung zu vermeiden. Dabei spielten unterschiedliche Aspekte eine Rolle: „Wer diesen Weg geht, nimmt Menschen, die eine Unterstützung benötigen, diese Hilfe weg“, sagt er. Zudem sehe er die Gefahr, dass Lebensmittel mit einem öffentlichen Zugang mögliche Parasiten anlockten. Deshalb schicke sein Unternehmen an jedem Markt die Reste durch eine Presse, dann werde der Abfall komplett verschlossen. Und nicht zuletzt stelle sich die Frage der Haftung, wenn sich jemand beim Containern verletze, weil er beispielsweise in eine Scherbe gegriffen habe.

Über die Verschwendung von Lebensmitteln im Handel und in Privathaushalten spricht der Unternehmer Sebastian Cramer. Quelle: Antje Bismark

„Mindesthaltbarkeitsdatum ist nicht das Verfallsdatum“

Aus seiner Sicht gebe es deutlich bessere Ansätze, dem Verschwenden von Lebensmitteln zu begegnen, als das Containern oder Foodsharing, sagt Cramer. An erster Stelle sieht er die Verantwortung der Kunden, weil etwa 70 Prozent der weggeworfenen Waren aus Privathaushalten stammen. „Wir versuchen die Verbraucher aufzuklären – unter anderem, dass das Mindesthaltbarkeitsdatum nicht das Verfallsdatum ist.“

Mit Tabea Lampe hat Cramer eigens eine Diätassistentin eingestellt, die die Kunden in den Märkten aufklärt, wie sie sensorisch feststellen, ob der Apfel oder der Joghurt noch genießbar ist. „Wir wollen die Kunden nicht belehren, aber ihnen zeigen, wie sie Reste weiterverarbeiten können.“ Denn der Trend gehe dahin, dass die Verbraucher seltener einkaufen und damit für mehrere Tage den Kühlschrank füllen. „Manches wird dann nicht gleich gegessen oder gekocht und dann zu schnell in den Müll geworfen“, sagt Cramer und plädiert dafür, dieses Thema auch verstärkt im Unterricht an den Schulen anzusiedeln.

Fokus mehr auf regionale und saisonale Produkte legen

Dazu gehöre dann auch die Frage, ob alle Bedürfnisse jederzeit gedeckt werden müssen – oder mit anderen Worten: Müssen Himbeeren an 365 Tagen im Jahr im Regal stehen? „Wir bieten viel Regionalität und Saisonware, aber auch darüber müssen wir mit den Kunden sprechen“, sagt der Unternehmer und betont, es gehe nicht um eine Bevormundung, sondern um das Bewusstsein: „Wie ernähre ich mich gesund?“

Jeder Deutsche schmeißt im Schnitt 82 Kilo Lebensmittel jährlich weg

Obwohl niemand gern Essen verschwendet, wird nach Angaben des Bundesumweltamtes in deutschen Haushalten jedes achte Lebensmittelprodukt weggeworfen. So landen jährlich in den Mülltonnen der Privathaushalte 6,7 Millionen Tonnen Nahrungsmittel. Das entspricht pro Person zwei vollgepackte Einkaufswagen mit einem Warenwert von 234 Euro und etwa 82 Kilogramm. Im Außer-Haus-Verzehr entstehen etwa 1,9 Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle, im Handel gut 550.000 Tonnen, in der Industrie 1,85 Millionen Tonnen.

Weltweit geht jährlich etwa ein Drittel der Lebensmittel auf dem Weg vom Feld bis zum Teller verloren, während gleichzeitig etwa 800 Millionen Menschen unter Hunger leiden. Und: Die Verschwendung belastet die Umwelt. Jährlich entstehen dadurch mehr als 38 Millionen Tonnen Treibhausgase, gut 43.000 Quadratkilometer landwirtschaftliche Fläche werden genutzt sowie 216 Millionen Kubikmeter Wasser verbraucht. Hinzu kommt der Energieverbrauch für die Herstellung und den Transport der Lebensmittel. Eine weitere Belastung entsteht durch Pflanzenschutzmittel, Mineral- und Wirtschaftsdünger.

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Von Antje Bismark

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