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12:19 23.09.2014
Der Hänigser Orhan Evin hat einen Hilfsgütertransport von Polen bis zu den Flüchtlingslagern in Syrien organisiert. Quelle: Jessica Schober
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Hänigsen

Eigentlich kann Orhan Evin Kleiderberge nicht leiden. Er mag es aufgeräumt. Wenn der 23-Jährige nach einem Arbeitstag in der hannoverschen Filiale des Bekleidungsgeschäfts Zara die durchwühlten Klamottenhaufen sieht, will er Ordnung schaffen.

Kürzlich hatte Evin am Istanbuler Flughafen allerdings einen Berg Kleidungsstücke vor sich, der größer war, als alles, was er zuvor sortieren musste: 50 Tonnen weiße T-Shirts, Schuhe und Jacken. Diese Menge musste auf 15 Lastwagen geladen werden, die die Kleidung quer durch die Türkei ins Grenzgebiet zu Syrien und Irak bringen sollten - Hilfe für jesidische Flüchtlinge.

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Evin ist gelernter Fremdsprachenkorrespondent. Einst hat er den Hauptschulabschluss in Uetze gemacht, heute studiert er Maschinenbau in Hannover. Seine Familie flüchtete vor 22 Jahren aus dem türkischen Besiri. Ein Großteil der Verwandten landete in Deutschland, andere blieben in Syrien und im Irak. Und so ist Evin - der als Jeside geboren wurde - betroffen. „Bei einem Familientreffen haben wir überlegt, was wir machen können, um den Leuten zu helfen“, erzählt er. Sie sammelten 30 000 Euro.

Doch Evin fragte sich: „Landet meine Hilfe wirklich dort, wo sie am meisten gebraucht wird?“ Und so kam ihm der Gedanke, seine Erfahrung in der Textilbranche einzubringen. Er schrieb dem spanischen Textilunternehmen Inditex. Am 25. August flog er kurzerhand auf eigene Kosten nach Madrid, dem Stammsitz seines Arbeitgebers. Von dort organisierte er, dass 50 Tonnen Textilien mit leichten Nähfehlern von einem polnischen Werk aus auf die Reise in die Türkei gingen. In Posen verluden Helfer die Kleidung zunächst auf Lastwagen und dann in ein Frachtflugzeug. In der Zwischenzeit flog Evin von Madrid nach Istanbul. Dort erlebte er eine Odyssee.

„Ich bin Kurde und noch dazu Jeside, hatte nicht alle Papiere dabei und nur einen Hinflug gebucht - das war verdächtig“, berichtet der 23-Jährige. Die türkischen Zollbeamten hätten ihn viele Stunden am Flughafen festgehalten, auch mit der Auslieferung der Ware gab es Schwierigkeiten.

Überprüfen lassen sich die Erzählungen des jungen Hänigsers nicht. Aber auf seinem Facebook-Profil hat er die Hilfsaktion dokumentiert. Wie er mehrere Nächte im Flughafen schlief und mit anderen Helfern bis zur Erschöpfung T-Shirt-Pakete sortierte. Denn als er den riesigen Textilhaufen sah, wusste er: „Da müssen wir Ordnung reinbringen.“ Auf einige der weißen Pakete hat Evin auf Kurdisch geschrieben: Silawê germ, was schöne Grüße heißt, und darunter die Namen seiner Verwandten.

Inzwischen haben die 15 Transporter die Türkei durchquert und sind in einem Flüchtlingscamps in Syrien angekommen. „Die ersten Sachen wurden bereits verteilt“, berichtete Evin vor zwei Tagen. Er wäre selbst gern mitgefahren bis zur Grenze. Aber es war zu riskant. So flog er nach Hause.

Die Hilfsaktion hat ihn privat rund 3800 Euro gekostet. Evin hat akribisch Protokoll geführt. Insgesamt hat er Waren im Wert von 500 000 Euro bewegt. Hinzu kommen die Frachtkosten von noch einmal 250 000 Euro, die jedoch größtenteils von den Fluggesellschaften übernommen wurden. „Wenn man etwas in der dieser Größenordnung organisiert, muss das schon professionell sein“, sagt der selbstbewusste junge Mann.

Doch die Reise hat ihn auch nachdenklich gemacht: „Wenn ich mir angucke, wie voll mein Kleiderschrank zuhause ist und wie wenig die Flüchtlinge haben.“

Von Jessica Schober

Jesiden gründen Jugendorganisation

Seitdem Anfang August die Greueltaten gegen Jesiden im Nordirak bekannt wurden, versuchen die Kurden in Burgdorf und Uetze ihre Glaubensbrüder und -schwestern zu unterstützen. An mehreren Orten sammeln sie Kleidung, Decken, Zelte und Babynahrung. Die Fußballspieler unter ihnen organisierten Benefizspiele. Vor zwei Wochen fuhr ein vollbeladener Lastwagen von Lehrte nach Hamburg, um von dort mit der Fähre in die Türkei zu gelangen.

Das jesidische Kulturzentrum in Celle versucht den Überblick über die einzelnen Hilfsaktionen zu behalten. „Es fehlen Zelte und Decken, aber am dringendsten werden Ärzte benötigt“, sagt Kudrit Duran. Sie ist ehrenamtliche Mitarbeiterin im Zentrum.

Auch Kemal Baran engagiert sich für die Sache. Der Burgdorfer ist seit 21 Jahren in der Ortsfeuerwehr aktiv und betreibt einen Handwerksbetrieb für Sanitär- und Heizungstechnik in der Stadt. „Wenn man die Bilder im Fernsehen sieht, wie Menschen wie Tiere abgeschlachtet werden, ist das unerträglich“, sagt Baran, der kurdischer Jeside ist.

Generell gebe es eine große Bereitschaft hier in Deutschland zu helfen. Aufgefallen sei ihm auch, dass immer mehr jesidische Jugendliche sich an den Hilfsaktionen beteiligten. „Viele knien sich da richtig rein, bauen Stände auf und sammeln Spenden“, berichtet Baran. Deshalb hat er nun eine Organisation mitgegründet, die es den jesidischen Jugendlichen leichter machen soll, Gleichgesinnte zu finden. Sie hat inzwischen rund 500 Mitglieder vor allem aus Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen: „Unsere Hauptaufgabe ist es momentan, die Flüchtlingen aus dem Nordirak zu unterstützen“, sagt Baran.

„Doch langfristig möchten wir den jesidischen Jugendlichen zeigen, dass Anpassung nicht gleich den Verlust der Religion, Muttersprache oder Kultur bedeutet“, skizziert der Burgdorfer das Ziel. Man wolle mit anderen Jugendorganisationen zusammenarbeiten. Auf diese Weise sollen die jungen Jesiden auch ermuntert werden, sich aktiv in gemeinnützigen Vereinen und Verbänden, wie Feuerwehr und THW zu engagieren.

Anette Wulf-Dettmer 10.09.2014
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