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Umland Wedemark Nachrichten Werkstatt verstärkt Außer-Haus-Arbeit
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00:17 31.07.2017
Von Ursula Kallenbach
Konfektionierung ist einer der Arbeitsbereiche, den sich Bürgermeister Helge Zychlinski (rechts) von Mitarbeiter Sven Probian erläutern lässt.
Konfektionierung ist einer der Arbeitsbereiche, den sich Bürgermeister Helge Zychlinski (rechts) von Mitarbeiter Sven Probian erläutern lässt. Quelle: Kallenbach
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Mellendorf

Sie organisieren Postversand, liefern Elektro-Vormontagen, bauen und überarbeiten Möbel, füllen Lebensmittel ab, sortieren Inhalte in Informationsmappen und können sich auf viele unterschiedliche Arbeiten einstellen: In der Betriebsstätte der Pestalozzi-Stiftung an der Wedemarkstraße 50 in Mellendorf sind aktuell 34 psychisch erkrankte Menschen tätig. Die Einrichtung will sich erweitern. Noch in diesem Jahr soll dort, wo viele Wedemärker in der Nachbarschaft der Poststelle immer noch das Postverteilzentrum vermuten, in einem Anbau ein weiterer Produktionsraum entstehen. Auch drei Büroarbeitsplätze werden auf den 45 Quadratmetern Anbaufläche noch untergebracht.

Noch ein Vorhaben läuft gerade gut an in der Wedemark – ein Außer-Haus-Projekt, das Betriebsstättenleiter Martin Mahlau jetzt auch Bürgermeister Helge Zychlinski bei dessen Besuch während seiner Sommertour vorgestellt hat. „Wir bieten haushaltsnahe Dienstleistungen an, zum Beispiel Rasenmähen, Gartenarbeiten, auch Begleitungen etwa bei Friedhofsbesuchen. Wir haben Mitte des Jahres damit angefangen und wollen das verstärken“, erklärt er.

Vier der Beschäftigten sind damit schon unterwegs. Eine Konkurrenz zu gewerblichen Betrieben sei darin keinesfalls zu sehen, betont Mahlau. „Wir schaffen mit diesen kleinen Arbeiten auch Möglichkeiten, dass unsere Betreuten persönliche Kontakte zum örtlichen Umfeld bekommen. Sie werden in den Haushalten meist mit Handschlag begrüßt, und man wechselt ein paar Worte, was getan werden soll.“ Für weitere Aufträge ist die Betriebsstätte offen.

Die Einrichtung ist bereits fast fünf Jahre in dem Gebäude auf rund 500 Quadratmetern Fläche tätig und hat über zahlreiche Kooperationen mit Unternehmen und Organisationen in der Wedemark und der Region Hannover für Aufträge gesorgt. So sind beispielsweise der Industriehof in Scherenbostel und Jesco in Hellendorf verlässliche Auftraggeber. Die meisten Aufträge werden in der Pestalozzi-Werkstatt in Mellendorf abgearbeitet, aber vier der Beschäftigten sind dauerhaft auch außerhalb der Werkstatt bei Sennheiser tätig. Damit sie und die Kollegen dort am Arbeitsplatz im Betrieb gut miteinander zurechtkommen, ist zweimal in der Woche ein Sozialpädagoge vor Ort. Vier weitere Arbeitsplätze bei Sennheiser nehmen Betreute von Pestalozzi aus Burgwedel ein.

Für ihre Arbeit erhalten die Beschäftigten in der Mellendorfer Werkstatt im Schnitt 200 Euro netto im Monat, berichtet der Leiter. Die geregelte Tätigkeit bringt ihnen aber – viel mehr noch – eine Absicherung im Leben. Die Region Hannover als Kostenträger übernimmt für ein angenommenes Gehalt von knapp 2000 Euro für jeden Beschäftigten dort die Sozialversicherungsbeiträge. „So erwerben sie einen Rentenanspruch“, betont der Betriebsstättenleiter und Diplom-Sozialwirt. „Das ist ein Schritt, um aus Abhängigkeiten herauszukommen, und sie wertschätzen ihre eigene Arbeitsleistung stärker.“ Kein „echter“ Arbeitsplatz sei es, den die Beschäftigten mit chronischen seelischen Erkrankungen dort ausfüllen. „Hier geht es um ein arbeitnehmerähnliches Rechtsverhältnis“, stellt Mahlau klar. Das Ziel sei laut gesetzlichem Auftrag die „Teilhabe am Arbeitsleben“. Den Beschäftigten wird eine Tagesstruktur angeboten, und sie können Kontakte pflegen. Dies sei vom sogenannten zweiten Arbeitsmarkt aber noch ein ganzes Stück entfernt, verdeutlicht Mahlau.

34 der bisher 40 Plätze werden zurzeit in Anspruch genommen, ein Großteil von Bewohnern der Einrichtungen Schwanenwik in Mellendorf und Mohmühle in Gailhof; andere kommen per Bus aus Burgwedel zur Arbeit. Die Kooperation auch mit den Einrichtungen für seelisch Behinderte sei sehr gut, sagt der Werkstattleiter. Gearbeitet wird in der Werkstatt von 8 bis 16 Uhr mit notwendigen Pausen, freitags bis 14.30 Uhr.

In diesem Jahr werde die Einrichtung wohl mehr Neue aufnehmen, als aus Altersgründen aus dem betreuten Betrieb entlassen werden, nimmt der Leiter an – auch deshalb der Anbau, der mehr Arbeitsplätze ermöglicht. Noch ein neues Projekt ist geplant: seelisch Erkrankten eine Zuverdienst-Beschäftigung von nur drei Stunden zu ermöglichen.

Dass insgesamt der Standort der Betriebsstätte in Mellendorf ein „Riesenglücksgriff“ war, hebt auch Nico Lauerwald hervor, Geschäftsführer der Behindertenhilfe in der Pestalozzi-Stiftung Burgwedel. Die Vernetzung in der Wedemark sei sehr gut. „Wir sind mittendrin.“ Und: „Wir suchen weiterhin Betriebe zum Kooperieren.“

Der Betriebsstättenleiter in Mellendorf ist unter Telefon (05130) 6094462 sowie per E-Mail an mmahlau@pestalozzi-stiftung.de erreichbar.

Fotostrecke Wedemark: Werkstatt verstärkt Außer-Haus-Arbeit
Ursula Kallenbach 31.07.2017
Ursula Kallenbach 31.07.2017