Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Nachrichten Mimi und Dolly müssen nach Holland umziehen
Umland Wedemark Nachrichten Mimi und Dolly müssen nach Holland umziehen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:18 23.10.2014
Von Gunnar Menkens
„Können Sie nicht ein Fernseher kaufen, so vor die Gitterstäbe, dass die Abwechslung haben?“: Weil die Behörden die Liaison von Georg Marwitz, Mimi und Dolly nicht mehr dulden, ziehen die Affen jetzt nach Holland. Quelle: Jan Philipp Eberstein
Resse

Die Geschichte mit dem Fernseher für die Schimpansen Mimi und Dolly ist wohl nur ein Grund, warum Georg Marwitz endgültig, wie er sagt, „die Schnauze voll hat von dem ganzen Theater“. 80 Jahre ist er alt, seit einem halben Jahrhundert führt er seine Gärtnerei in Resse in der Wedemark, und 47 Jahre davon leben zwei Affen in einem kleinen Gehege hinterm Büro. Zufrieden, wie er meint. Jetzt müssen die Tiere weg, in eine Art Auffanglager. Und wenn Marwitz erzählt, wie es dazu kam, dann wird klar, wie er die Rollen verteilt sieht: Ein aufrechter Mann verliert den Kampf gegen verrückte Tierschützer.

Eines Tages also betrat eine Bedienstete des Veterinäramtes der Region Hannover seinen Betrieb, um die Lebensumstände der Tiere zu begutachten. Marwitz weiß es noch wie heute. Er steht vor seinem holzhüttenähnlichen Büro, Kappe auf, die Sonne scheint, Blumen und Pflanzen, so weit das Auge reicht. „Die kam her und sagte, können Sie da nicht einen Fernseher hinstellen, so vors Gitter, dass die mal Abwechslung haben? Ich sag’, das sind ja nun zwei Affen, da müsst‘ ich ja zwei Fernseher kaufen, wenn einer mal ein anderes Programm gucken will. Ich sag’ zu der Dame, machen Sie sich mal nicht lächerlich und sehen zu, dass sie verschwinden.“ Hohn und Verachtung gegen die Amtsperson führten ihm das Wort.

Vor 47 Jahren holte der junge Georg Marwitz die Tiere aus einem Zirkus

Georg Marwitz glaubt: Diese Begegnung war der Urknall im Streit mit der Region. Seitdem herrsche dort der feste Wille, ihm die Tiere nach all den Jahrzehnten wegzunehmen. Zwei extrem unbequem aussehende Holzkisten stehen schon bereit, um die Tiere ins benachbarte Holland zu transportieren und dort in die Auffangstation AAP. Der Plan der Menschen ist, dass Mimi und Dolly gemeinsam mit einem Männchen ihren Lebensabend verbringen, falls die Tiere darin übereinkommen. Marwitz hat seinen Widerstand aufgegeben und der Übersiedelung zugestimmt. Freiwillig, eher weniger als mehr: Die Region hatte ein Haltungsverbot schon vorbereitet.

Vor 47 Jahren holte der junge Georg Marwitz die Tiere aus einem Zirkus, sie waren für Dressuren nicht mehr nützlich. Er zog sie groß in dem selbst gezimmerten Gehege, in dem sie seither leben. Jeder in Resse wusste, dass man in der Gärtnerei Affen gucken kann. Wie im Zoo. Sie leben in einem Freigehege, das laut Region 24 Quadratmeter misst, und in Schlafboxen, neun Quadratmeter groß. Manchmal werfen Mimi und Dolly durchs Gitter Obst auf Zaungäste, was immer ein großer Spaß ist.

Könnte man die intelligenten Tiere doch nur selbst fragen nach dem Glück. Ist es besser, in beengter, aber vertrauter Umgebung bis zum Tod zu leben? Oder sollte man im Alter den Sprung ins Ungewisse wagen, mit der Chance, etwas Besseres zu finden?

Exotische Tiere hielt sich Marwitz schon immer. Geparden, Schlangen, seltene Papageien, Waschbären und Löwen. Einer hieß Kimba. Ein Freund entdeckte das Jungtier anlässlich eines Besuchs in der Hallerstraße in Hannover. „Im Puff“, sagt Marwitz, „wie der da so ein Ahrberg-Würstchen hat.“ Bald war der Löwe nach Resse geschafft. Marwitz schnitt ihm alle drei bis vier Monate die Krallen, kontrollierte die Zähne und freute sich an dem Löwen. „Handzahm war der, wie ein Hund.“ Fleisch gab es genug, man lebte auf dem Lande. Bauern brachten tote Pferde und Kälber vorbei, Förster Zivilisationsopfer, überfahrene Rehe etwa. Kimba ist nun schon etliche Jahre tot. Heutzutage ist es wesentlich schwieriger, Raubkatzen zu halten. Für Löwen fordert das aktuelle Säugetiergutachten unter anderem „geruchliche Reize, wie zum Beispiel Kot von verschiedenen Huftieren“. Den gibt es auch nicht an jeder Ecke.

47 Jahre lang hielt
 Georg Marwitz in seiner
 Wedemärker Gärtnerei 
zwei Schimpansen. 
Jetzt muss er sie 
abgeben, weil er 
ihnen kein Gehege 
bieten kann, das 
vorschriftsgemäß wäre. Ein Besuch.

Für Mimi und Dolly jedenfalls besitzt Georg Marwitz eine Haltungserlaubnis, seit 1989 garantierte ihm das Oberverwaltungsgericht Lüneburg Bestandsschutz. Daran hielten sich die Behörden. Bis die Tierschutzorganisation Peta Ende 2012 bei der Region Hannover die Zustände reklamierte. Die hatte, ebenso wie zuvor der Landkreis, mehr als 20 Jahre die Rechtslage akzeptiert, sah sich aber nun, nach der Peta-Intervention, zu einem Verwaltungsakt veranlasst. Warum erst jetzt? „Die Situation wurde neu bewertet“, erklärt Sprecher Nils Meyer. Marwitz wurde angewiesen, das Außengehege auf mindestens 50 Quadratmeter und vier Meter Höhe auszubauen. Maßstab: das Säugetiergutachten. Mehr Klettergerät musste in den Käfig, Marwitz wurde verpflichtet, den Umgang mit seinen Schimpansen zu dokumentieren. Jeden Tag führt er seither Buch. „Chef, 12.20. Sp T+F“. Was bedeutet, dass Georg Marwitz um 12.20 Uhr mit den Tieren spielte und ihnen Trinken und Futter brachte. Vier Einträge pro Tag, manchmal kommt Käfigsäuberung dazu.

An die Auflage, das Gehege zu vergrößern, hat sich der Gärtner allerdings nicht gehalten. Machte 1000 Euro Geldstrafe, verhängt vom Amtsgericht Hannover. Inzwischen ist das Säugetiergutachten noch einmal verschärft worden. Jetzt stünden Mimi und Dolly von Rechts wegen nicht nur 50, sondern 200 Quadratmeter zu. Es würde immer teurer werden, die Tiere zu halten. Marwitz hat überschlagen, dass er 100 000 Euro ausgeben müsste, um solch einen Lebensraum anzulegen. Was er nicht einsieht, vom Geld mal abgesehen. Mimi klettere sowieso nicht mehr so hoch in ihrem Alter. Und wohlgefühlt hätten sie sich bei ihm, eine enge Bindung aufgebaut, auch ohne all die Vorschriften.

Das sind so Argumente, auf die Tierrechtler gerade warten. Peter Höffken, bei Peta „Kampagnenleiter für Tiere in Unterhaltungsbranchen“, hört diesen Einwand von der emotionalen Nähe zwischen Halter und Tier ständig, immer dann, wenn sie Besitzern weggenommen gehörten. Er lässt es nicht gelten. „Der Mensch kann kein Ersatz sein. Schimpansen arrangieren sich natürlich mit der Situation, aber sie brauchen Gruppen ab drei Tieren. Da kann der Halter nicht sagen: Ich bin der Dritte im Bunde, selbst wenn er es glauben mag. Experten von AAP sagen, es ist besser, wenn sie dort leben.“

Im November ist mit der Affenhaltung Schluss

Peta verschärfte vor ein paar Wochen den Druck auf Marwitz. Sie stellte Fotos und Texte ins Internet, und beides zusammen vermittelte den Eindruck, als litten die Affen in einer Art Vorhölle. Nicht einmal Tierärzte der plötzlich streng gewordenen Region hatten indes am Zustand der Tiere etwas auszusetzen. Die Behörde erreichten laut Höffken unterdessen 25 000 von Peta vorformulierte Mails mit der Forderung, die Zustände in Resse abzustellen. Der Ort erlebte vor Kurzem sogar eine Demonstration, als ein paar Tierfreunde zur Gärtnerei zogen. Sie hielten Plakate hoch mit der Aufschrift „We fight for you“. Marwitz war gar nicht da, eine Angestellte stellte fest: alles Ortsfremde.

Aber woher wusste Peta überhaupt von Mimi und Dolly? „Whistleblower“, sagt Höffken, „und eigene Recherchen.“ Viermal seien Mitglieder von Peta und der befreundeten Organisation animal public vor Ort gewesen, undercover, dabei seien die Fotos entstanden. Der Kampagnenleiter spricht nicht von einem Gehege, er sagt „verdreckter Gartenverschlag“. Auf ihrer Homepage erklärte Peta den Käfig zu „Deutschlands schlimmster Schimpansenhaltung“.

Im November ist damit Schluss. Mimi und Dolly müssen Abschied nehmen von Georg Marwitz. Und umgekehrt. Noch bevor die Region das Verbot der Affenhaltung zustellen konnte, erklärte er sich bereit, die Tiere in die Auffangstation AAP abzugeben. Dort erwarten sie Auslauf, Abwechslung und das Männchen. Marwitz glaubt, dass es seinen Tieren dort gut gehen wird. Dass er selbst nicht jünger wird und er ein kranker Mann ist, hat ihm die Entscheidung wohl leichter gemacht. Ein wenig zweifelt ja sogar die Region, ob der Umzug nach all den Jahrzehnten das Beste für die Tiere ist. Da Marwitz das Gehege jedoch nicht den Vorschriften entsprechend vergrößern wollte, blieb es aber beim Verbot.

Womöglich steht für diesen Vollzug eine kleine Belohnung ins Haus. Im vergangenen Jahr hatte Peta das Veterinäramt der Region zu den fünf tierfreundlichsten Behörden Deutschlands erklärt, auch, weil es gegen Marwitz etwas unternahm. Da geht noch was, sollte man meinen.

Wer darf wilde Tiere halten?

Die Gefahrtierverordnung: In Niedersachsen ist es im Grundsatz jedem Bürger gestattet, wilde Tiere zu halten. Das Nähere regelt die Gefahrtierverordnung. Darin ist festgehalten, dass eine Genehmigung eingeholt werden muss, die Behörde jedoch gehalten ist, diese Erlaubnis zu erteilen, wenn die gefährlichen Tiere die öffentliche Sicherheit nicht gefährden. Die Verordnung gilt zum Beispiel für Löwen, Tiger, Geparden, Affen, Braunbären und Krokodile. Im sogenannten Säugetiergutachten ist auf mehr als 230 Seiten beschrieben, unter welchen Bedingungen diese Tiere gehalten werden dürfen. Die aktuelle Version des Bundesamtes für Ernährung und Forsten stammt aus dem Mai 2014 und nennt detaillierte Anforderungen an Gehege, Ernährung, Pflege und medizinische Betreuung. Löwen und Tiger haben Anspruch auf ein Außengehege von mindestens 200 Quadratmetern pro Tier oder Paar. Es braucht Äste oder Baumstämme zum Klettern, Kratzen und Herumliegen. Das Innengehege muss mindestens 20 Quadratmeter groß sein. Damit die Tiere nicht entkommen, schreibt das Gutachten Sicherungen vor: glatte Wände oder Gitter mit Überhang oder Elektrosicherung, für Löwen und Tiger mit einer Höhe von mindestens vier Metern.

Mehr zum Thema

Die Schimpansen Mimi und Dolly werden Resse nach 47 Jahren verlassen. Halter Georg Marwitz gibt die Tiere zu AAP, einer Auffangstation für exotische Tiere in den Niederlanden – nicht ganz freiwillig.

Roman Rose 07.10.2014

Ob Robby ahnt, dass er Konfliktstoff bietet? 40 Jahre alt ist das stattliche Exemplar eines Schimpansenmännchens, seit 36 Jahren gehört er zum Circus Belly. Vor fünf Jahren, so sagt Zirkuschef Klaus Köhler, habe es erstmals Proteste gegen Robbys Haltungsform gegeben.

05.09.2014

Ein Wedemärker hält Schimpansen seit Jahrzehnten in einem neun Quadratmeter großen Verschlag. Nun will das Veterinäramt der Region einschreiten - nachdem Tierschützer im Internet gegen dem Mann vorgegangen waren. Der 80-Jährige sieht sich dagegen als Tierretter.

07.09.2014

Genau 6351 Euro haben die Resser Grundschüler bei ihrem Sponsorenlauf eingenommen. Eine Hälfte des Geldes wird für ein Schulprojekt verwendet, die andere erhielt am Montag das Moorinformationszentrum (Mooriz) im Ort.

Roman Rose 20.10.2014

Eine Woche Hip-Hop: 150 Jungen und Mädchen der Grundschule Brelingen ließen sich von einer Profi-Trainerin in die Geheimnisse der Musik einweihen. Am Freitag zeigten sie in der Schulturnhalle vor Freunden, Lehrern und Eltern die eingeübte Kurzchoreografie.

Ursula Kallenbach 17.10.2014

Ein kleines Schmuckstück mitten in Bissendorf, aber lange nichts daran gemacht: Die Gemeinde will das Amtshaus sanieren und hat auch Pläne für neue Nutzungen. In den nächsten Tagen werden diese Pläne bei zwei Gelegenheiten öffentlich diskutiert.

Roman Rose 15.10.2014