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Wedemark Mathea braucht einen Therapiehund – und die Fußballer helfen
Umland Wedemark

Spendenaktion für Therapiehund in der Wedemark: Fußballer helfen Mathea

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17:08 24.01.2020
Dorothea Abubakari und ihre Tochter Mathea haben mit „Oma Agathe“ im Bilderbuch viel Spaß. Quelle: Rebekka Neander
Hellendorf

Mathea ist ein Profi. Die Zweijährige stapft in dicker Wintermontur und Stiefelchen im Flur umher. Doch Mama sagt, die Mütze soll vom Kopf. Klack, klack, fliegen zwei weiße Plastikknöpfe durch die Luft – die Überträger der Geräuschimpulse für ihr im Kopf implantiertes Hörgerät. Das kleine Mädchen kann ohne sie nichts hören. Wo diese auf den wuscheligen Haaren vorher saßen, muss die Zweijährige nicht lang suchen. Ihre kleinen Hände fliegen im Nu dorthin, ziehen an den feinen Verbindungskabeln. Schwubs, ist der Weg für die Mütze frei, die mit einem gezielten Ruck vom Kopf gezerrt gen Fußboden segelt. Ein Strahlen fegt durchs Gesicht. Gibt es ein Problem?

Nun, normalerweise käme jetzt der Part mit dem „Die-Mütze-soll-nicht-auf-dem-Boden-landen“. Und wahrscheinlich würde Mutter Dorothea Abubakari dies jetzt auch sagen. Aber in diesem Moment steht Besuch im Flur. Der staunt über das fröhliche Selbstverständnis dieses Kindes, bleibt mit den Augen an den Kabeln und den blinkenden, am Kleidersaum festgeklemmten Sendern des Hörgeräts, der Cochlear-Implantate, hängen – dabei sind die doch nun wirklich das kleinste Problem.

Die weißen Knöpfe am Kopf des kleinen Mädchens übermitteln die Impulse an das Hörgerät, das Mathea im Frühsommer 2018 bei einer Operation implantiert wurde. Feine Kabel führen von den Knöpfen zur Stromversorgung, die am Rücken am Kleid befestigt sind. Quelle: Rebekka Neander

Fußballteams sammeln Spenden für Therapiehund

Denn rund um die Familie Abubakari in ihrer Wohnung am Rande Hellendorfs ist in den vergangenen Monaten einiges in Bewegung gekommen. Buchstäblich gilt dies für die Fußballer des 1. FC Brelingen. Für die ist Vater Issah Abubakari nach einer Verletzung vom aktiven Spieler zum Jugendtrainer avanciert, seine Frau Dorothea hat früher für Mellendorf gekickt. Nun wollen die für Brelingen startenden Damen- und Herrenteams Ende Januar zu einem Benefizturnier einladen. Sämtliche Einnahmen fließen auf ein Spendenkonto, das die Stiftung für Behinderte in der Wedemark eröffnet hat. Das monetäre Ziel: die Finanzierung eines Therapiehundes für Mathea.

Denn bekommt Mathea nicht alle zwei bis drei Stunden etwas zu essen, droht sie durch Unterzuckerung lebensbedrohlich zu erkranken. Die Symptome einer Unterzuckerung zeigen sich bei dem Kind allerdings nicht sofort. „Manchmal sinkt der Blutzuckerspiegel jedoch unvermutet schnell, einfach weil es beispielsweise warm ist“, sagt Dorothea Abubakari. Ein speziell ausgebildeter Therapiehund kann solche Situationen rechtzeitig spüren, Alarm schlagen und gegebenenfalls Hilfe holen. „Es nützt bei Mathea auch ein permanent angesetztes Messgerät nichts, da dieses im Ernstfall nur piept. Und das kann sie nachts ohne Hörgerät nicht wahrnehmen.“ Obwohl Mathea zu 100 Prozent als Schwerbehinderte eingestuft ist, übernehmen Krankenkassen nur in großen Ausnahmen die Finanzierung von Therapie- oder Assistenzhunden.

Taubheit ist das kleinste Problem des Mädchens

Die Taubheit des Mädchens, das im April seinen dritten Geburtstag feiert, ist tatsächlich vielleicht das kleinste Problem, wie Dorothea Abubakari für ihren Besuch mit hörbar zurückgewonnener Kraft in Erinnerung ruft. Alles beginnt mit drei Tagen, die im Sommer 2017 die Welt der kleinen Familie in kürzester Zeit auf den Kopf stellten. „Beim Neugeborenen-Hörscreening war bereits aufgefallen, dass Mathea offenbar nicht gut hören kann“, erzählt die Mutter, während sie ihrer Tochter den so charmant wie unnachgiebig eingeforderten Mond aufs Papier malt.

„Organisch war offenbar alles angelegt. Und auch das Trommelfell schien zu schwingen bei den Kontrolluntersuchungen.“ Die Familie landet schließlich im Hörzentrum der Medizinischen Hochschule in Hannover. Weitere Untersuchungen, zum Teil unter Vollnarkose, folgen. „Am Ende aber half das alles nichts: Mathea ist komplett taub.“

Ein Therapiehund könnte Kind und Familie rechtzeitig alarmieren, wenn Matheas Blutzucker unter eine bedrohliche Schwelle sinkt. Quelle: Rebekka Neander

Kinderarzt schickt Familie ins Kinderkrankenhaus

Parallel aber schwant dem Kinderarzt noch mehr Unheil. „Bei einer der Vorsorgeuntersuchungen fiel ihm auf, dass Matheas Bauch eine merkwürdige Form aufwies.“ Das Kind zeigt jedoch keine weiteren Symptome. „Wir warteten auf den nächsten Impftermin. Doch auch da zeigte der Bauch diese Form.“ Die Eltern fahren mit den Kindern (Matheas großer Bruder ist zu jener Zeit keine drei Jahre alt) ins Kinderkrankenhaus Auf der Bult – keine 24 Stunden nach der Taubheitsdiagnose.

Im Kinderkrankenhaus wird Mathea Blut abgenommen, es besteht der Verdacht einer Stoffwechselkrankheit. „Wir waren am Ende eines langen Tages gerade auf Station angekommen, ich hatte noch nicht einmal etwas ausgepackt, da stürzt eine der Schwestern ins Zimmer und sagt, wir müssten umgehend umziehen.“ Obwohl Mathea nur einen leichten Schnupfen hat, sind die Blutwerte des Kindes dermaßen alarmierend, dass die Familie in ein Isolierzimmer muss. „Wir alle mussten uns danach immer komplett in Schutzanzüge kleiden, wenn wir zu Mathea wollten. Zum Glück war mein Mann zu jener Zeit noch in Elternzeit für unseren Sohn und konnte sich um ihn zu Hause kümmern.“

Dramatische Bilanz: Taub und womöglich in Lebensgefahr

Die Bilanz dieser drei Tage hat es in sich: Mathea ist taub, die Ursache dafür ist weitgehend unbekannt. Zudem trägt sie einen Gendefekt, der eine sogenannte Glykogenose Typ 1b auslöst: Die Leber speichert Zucker, gibt ihn an den Körper aber nicht weiter. Mathea kann die meisten Zuckerarten gar nicht verarbeiten, darf außer kleinen Portionen von Beeren keinerlei Obst essen. „Wenn Mathea nicht alle zwei bis drei Stunden langkettige Kohlehydrate zu sich nimmt, unterzuckert sie sofort.“ Das gilt immer. Auch in der Nacht. Das kann – zu spät erkannt – zu Hirnschäden oder sogar dem Tod führen. Weil Mathea zudem sehr schwierige Venen hat, trägt sie seit einem lebensbedrohlichen Zwischenfall einen sogenannten Port, einen in einer Operation eingesetzten Dauerzugang. Und weil sie zudem über einen Immundefekt verfügt, wird fast jeder Infekt mit einem Antibiotikum behandelt.

Eltern wissen mehr als manche Ärzte

Ob es diese Kombination auf dieser Welt noch einmal gibt, vermag Dorothea Abubakari nicht zu sagen. Schon Glykogenose-1b-Patienten sind selten. „Vielleicht 20 oder 30 in Deutschland.“ Ihre Selbsthilfegruppe ist international. Das meiste läuft übers Internet. „Die größte Hilfe ist für mich eine Mutter in Heidelberg. Deren Sohn ist so alt wie meiner. Sie sagt mir immer, wie es weitergeht, wenn etwas Neues auftritt.“ Mit diesen Informationen versorgt Abubakari dann auch gern die Ärzte im örtlichen Umfeld. „Diese Krankheit ist so selten, nur die wenigsten wissen beispielsweise, welche Medikamente mein Kind überhaupt verträgt.“

Während der Besuch das Gehörte erst einmal zu verstehen versucht, tobt Mathea fröhlich erzählend durchs Wohnzimmer, präsentiert stolz die zu Weihnachten bescherten Spielfiguren, wechselt von Puppenstube zu Modelleisenbahn und wieder zurück. Was knapp Dreijährige eben so tun, wenn Mamas zusammenhängende Sätze mit Familienfremden wechseln wollen. Profi eben.

Fußballteams kicken für Mathea

Alle für eine: Um Geld für den Therapiehund zu sammeln, veranstaltet der 1. FC Brelingen ein Benefizhallenfußballturnier. Am Sonnabend, 25. Januar, kicken zunächst die Herren, am Sonntag, 26. Januar, dann die Damen in der großen Sporthalle in Mellendorf am Schulcampus. Beginn ist an beiden Tagen um 10 Uhr. Vater Issah Abubakari spielte früher selbst in Brelingen und ist heute dort als Trainer tätig, Mutter Dorothea spielte in Mellendorf Fußball.

Hallo ihr lieben ❤️ ich hab so kurz vor Weihnachten wahnsinnig tolle Nachrichten. Es hat geklappt 😍! Wir können mit dem...

Gepostet von Kleinigkeit für Mathea am Donnerstag, 19. Dezember 2019

Alle Einnahmen der Veranstaltung, bei der auch eine Tombola angeboten wird, fließen auf ein Spendenkonto. Dies hat die Stiftung für Behinderte der Wedemark für Mathea eingerichtet. Parallel sammelt auch der Arbeitgeber von Matheas Vater, die Zentrale Polizeidirektion Hannover, für das Kind. Die Kollegen haben einen Kontakt zur Aktion Kindertraum hergestellt.

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