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Wedemark Richtet die Gemeinde bald ein Archiv ein?
Umland Wedemark Richtet die Gemeinde bald ein Archiv ein?
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16:58 26.03.2019
Nach derzeitigen Planungen soll ein Gemeinde-Archiv im Mehrgenerationenhaus in Mellendorf eingerichtet werden.
Nach derzeitigen Planungen soll ein Gemeinde-Archiv im Mehrgenerationenhaus in Mellendorf eingerichtet werden. Quelle: Ursula Kallenbach (Archiv)
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Wedemark

In der Gemeinde Wedemark gibt es seit deren Gründung im Jahr 1974 kein Archiv, in dem historisches Material aus der Kommune gesammelt wird. Diesen Umstand möchte die Historische Arbeitsgemeinschaft Wedemark schnellstmöglich ändern – und hat bei der letzten Ratssitzung einen offenen Brief an Bürgermeister Helge Zychlinski überreicht.

„Wir fordern den Rat auf, endlich Initiativen zu ergreifen, die zur Einrichtung eines Archives führen“, sagte Jan Olaf Rüttgardt, Leiter der Arbeitsgemeinschaft (AG). „Zwar hat es seitens der Verwaltung mehrfach Lösungsansätze gegeben, aber letztlich ist bis heute keine Verbesserung eingetreten“, heißt es in dem Schreiben. Doch jetzt zeichnet sich eine Lösung ab: Die Kommune führt nach Angaben Zychlinskis Gespräche mit der Region Hannover.

„Sie rennen bei uns offene Türen ein“, sagte Zychlinski, nachdem er den Brief erhalten hat. „Sie haben vollkommen Recht, dass ein Archiv seit 45 Jahren fast kein Thema war.“ Die Wedemark befinde sich in „trauriger Gesellschaft mit anderen Kommunen in der Region“. Doch das Thema sei in der Vergangenheit kein einfaches gewesen. Dahinter stecke auch ein gewaltiger Aufwand, ruft der Bürgermeister in Erinnerung. Die selbstständige Einrichtung und Betreuung eines Archivs sei wirtschaftlich nicht sinnvoll. Denn einen Wermutstropfen gibt es: „Das Archiv gibt leider nicht viel her“, sagte Zychlinski. Besonders aus der Zeit vor Gründung der Gemeinde gebe es wenig Material. Deshalb habe die Gemeinde mehrere Gespräche zur Übernahme eines kommunalen Archivs geführt – doch die Idee einer Kooperation mit dem Land Niedersachsen war im vergangenen Jahr endgültig vom Tisch.

Kooperation steht kurz bevor

Jetzt steht eine Kooperation mit der Region Hannover kurz bevor. Diese sieht nach Angaben Zychlinskis vor, dass die Region die Kommune mit Personal archivfachlich unterstützt. Die Kommune muss im Gegenzug die Räumlichkeiten für ein Archiv zur Verfügung stellen. „Wir wollen dafür vorhandene Räume im Mehrgenerationenhaus nutzen“, sagte Zychlinski. Genauer gesagt habe die Gemeinde einen Raum der auslaufenden Bethold-Otto-Schule – die Schule endet im Sommer 2020 – ins Auge gefasst – mit der Option zur Erweiterung. In diesen könne mit verhältnismäßig geringem Aufwand eine Klimatisierung, die notwendig ist, installiert werden. Dort könne es nach Absprachen Öffnungszeiten für interessierte Menschen geben, die in dem historischen Material stöbern wollen. „Das MGH ist prädestiniert“, meinte der Bürgermeister auf Nachfrage. Das Archiv an das Richard-Brandt-Heimatmuseum in Bissendorf anzugliedern sei räumlich nicht möglich, erläuterte Zychlinski. „Ein Archiv ist auch kein Publikumsmagnet“, sagte der Bürgermeister. Die meisten Besucher seien auf der Recherche nach etwas bestimmten Sachverhalt. Das Publikum sei im Museum ein anderes, als im Archiv.

AG ist mit Lösung einverstanden

„Wir sind mit der Lösung voll einverstanden – aber es ist dringlich“, sagte Jan Olaf Rüttgardt jetzt auf Nachfrage. Seit rund sieben Jahren gebe es in der Wedemark gesteigerte historische Aktivitäten, bei denen immer mehr Dinge auftauchen. Diese könnten nicht in Privatbesitz bleiben, sondern müssten an einem Ort gesammelt werden, so der Leiter der Historischen AG. „Wir freuen uns, dass es jetzt in Gang kommt.“ Die AG werde der Gemeinde beratend zur Seite stehen – „wenn man uns fragt“. Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft werden das Projekt unterstützen und fördern – „im Rahmen unserer Möglichkeiten“, betonte Rüttgardt.

Bereits für dieses Jahr ist dafür Geld im Haushalt eingeplant. Auch in den Vorjahren habe für das Vorhaben Geld zur Verfügung gestanden, dieses wurde aber nicht genutzt, sagte der Bürgermeister. Auf einen exakten Termin zur Eröffnung wollte er sich aber noch nicht festlegen. Stattdessen wählt Zychlinski die Formulierung „in absehbarer Zeit“.

Gemeinde will Geschichte weiter in Öffentlichkeit sichtbar machen

Historisches Material aus der Gemeinde Wedemark soll nicht nur hinter verschlossener Tür in einem Archiv gelagert werden, sondern die Erinnerungskultur soll auch weiterhin in der Öffentlichkeit einen Platz finden. Nach dem offiziellen Abschluss des großen Geschichtsprojekts „Die Geschichte der Wedemark von 1930 bis 1950“, an dem Historiker, Hobbyforscher und Schüler seit April 2014 gearbeitet haben, soll die Forschungsarbeit weitergehen. „Wir wollen weiter herausfinden: Was war denn eigentlich?“, sagt Bürgermeister Helge Zychlinski. Dabei stehen vor allem kleinere Themenfelder im Mittelpunkt. Die Forschungsergebnisse des großen Projekts wurden in sieben Buchbänden festgehalten.

Zudem soll auf dem Schulzentrum in Mellendorf eine Steele aufgestellt werden, in der ein Gedenktext und die Namen der Opfer des NS-Regimes zu lesen sein sollen, kündigt Zychlinski an. Die Steele solle Teil einer Erinnerungskultur sein. Es sei überdies geplant, regelmäßige Veranstaltungen zur Geschichte der Kommune zu organisieren und so die Erinnerung lebendig zu halten. Zudem gibt es bereits im Richard-Brandt-Heimatmuseum eine Ecke, die die Zeit des Dritten Reiches thematisiert. Wenn es weitere Forschungsergebnisse gibt, werde man gucken, was sich lohnt aufzugreifen und der Öffentlichkeit zu präsentieren, sagt Zychlinski.

Und auch die Schüler der weiterführenden Schulen sollen sich im Unterricht verstärkt mit der Geschichte der Gemeinde während der Nazizeit befassen: Im Frühjahr will die Gemeinde nach Angaben des Bürgermeisters mit dem Verteilen des erschienenen Sonderbands über Elze beginnen. Jede Schule bekomme einen Klassensatz.

Von Julia Polley