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20:41 21.01.2015
Foto: Nach 20 Jahren ist Schluss: Kerstin Holz verlässt aus Protest den SV Degersen.
Nach 20 Jahren ist Schluss: Kerstin Holz verlässt aus Protest den SV Degersen. Quelle: Ingo Rodriguez
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Wennigsen

Der Abschied fällt ihr nicht leicht, aber die 48-Jährige hat ihre Prinzipien: „Es kann einfach nicht sein, dass sich Erwachsene im Trikot ihres Heimatvereins so benehmen – das geht gar nicht“, sagt Holz und schüttelt den Kopf.

Sie spricht von den tumultartigen Szenen beim Kreisklassenspiel Degersen gegen Wennigsen im Mai. Erst ohrfeigte der Degerser Spielertrainer einen Wennigser Zuschauer, dann sprang sein Mitspieler dem Besucher mit gestrecktem Bein gegen die Brust. Ein Kung-Fu-Tritt auf dem Sportplatz? Das ließ sich der Verein nicht bieten: sofortiger Ausschluss. Der Spielertrainer kam einem Rauswurf nur zuvor und verließ den SV von sich aus.

Und jetzt? Alles Schnee von gestern. Noch vor seiner Verurteilung wegen Körperverletzung war der 19-Jährige zum Verein zurückgekehrt, inzwischen ist auch der frühere Spielertrainer wieder für Degersen am Ball. Mit ihrer Empörung über die Rückkehr und das Verhalten des Vorstands steht die scheidende Jugendwartin aber nicht allein da. Spartenleiter Jan Wohlann war bereits im Dezember zurückgetreten.

Holz geht es auch nicht um die beiden Kicker. Nach dem Skandalspiel habe es aber einen Vorstandsbeschluss gegeben. Der Tenor: Spieler, die sich so benehmen, sollen nicht für den Verein spielen. Mit diesem Beschluss im Rücken habe sie als Jugendwartin besorgte Eltern beruhigt. Viele hätten sich gefragt: Sollen ihre Kinder in einem Verein spielen, in dem sich Herrenspieler so verhalten? Sie habe bei den Eltern im Wort gestanden, trotzdem seien die Schläger wieder da. Deshalb ihre Konsequenz: Rücktritt von allen Posten.

Doch damit nicht genug: Auch Ehemann Peter - ehrenamtlicher Jugendtrainer der einzigen Nachwuchsmannschaft - kehrt dem Verein den Rücken. Und mit ihm die gesamte G-Jugend. Damit steht der SV Degersen künftig ohne Jugendabteilung da. „Wir spielen wegen der Kinder noch die Hallenrunde, zur Rückserie wird abgemeldet“, sagt Holz. Offenbar sucht die Gruppe gemeinsam eine neue Lösung.

Für den SV Degersen bedeutet die Entwicklung einen weiteren Verlust: Seit drei Jahren bewirtschaftet das Ehepaar Holz an Trainings- und Spieltagen auch das Clubheim. Am Wochenende wird ausgeräumt, dann will Holz ihren Schlüssel abgeben. Versuche sie zu halten, hat es offenbar nicht geben. „Wir hatten im Verein eine tolle Zeit, jetzt ist Schluss“, sagt sie.

Die Diskussion

In der Diskussion um die Rückkehr der beiden gewalttätigen Spieler gibt es auch Stimmen, die vermuten, dass der Club offenbar niemanden dauerhaft ausschließen will. Die beiden Vorsitzenden waren in den vergangenen zwei Tagen für eine Stellungnahme jedoch nicht zu erreichen. Das Prinzip einer zweiten Chance halte er aber für richtig, sagt Ulf Meldau, zweiter Vorsitzender des Regionssportbundes, auf Anfrage. Er sagt weiter: „Eine Strafe muss es natürlich geben. Nach einer gewissen Zeit muss man sich aber auch wieder an einen Tisch setzen.“

Meldau, der auch Vorsitzender des SV 06 Lehrte ist, meint: Ohne dass er die genauen Umstände beim SV Degersen kenne – viele Vereine hätten ähnliche Probleme. Integration sei wichtig, betont er. „Es bringt nichts, einfach nur die Tür zuzumachen.“ Die beiden Fußballer sind wegen Körperverletzung zu einer Geldstrafe beziehungsweise zu gemeinnütziger Arbeit verurteilt worden. In der Verhandlung entschuldigten sie sich für die Attacken.

Von Ingo Rodriguez und Robert Lasser

Robert Lasser 20.01.2015
Robert Lasser 19.01.2015
Ingo Rodriguez 18.01.2015