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Wennigsen Erste Holocaust-Gedenkfeier: Wennigser entzünden Kerzen für Opfer und Überlebende
Umland Wennigsen

Wennigsen: Erste Holocaust-Gedenkfeier im Spritzenhaus - 30 Bürger zünden Kerzen an für Opfer und Überlebende des Holocaust

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19:17 28.01.2020
Gegen das Vergessen: Wennigsens stellvertretende Bürgermeisterin Gun Wittrien, Andreas Theuer von Triskele und Jugendbürgermeister Ole Hagen zünden bei der Gedenkveranstaltung im Spritzenhaus eine Kerze für die Opfer des Holocaust an. Quelle: Jennifer Krebs
Wennigsen

Sie kamen ohne Noten aus. Kurt Eschmann auf der Geige und Konstantin Barth am Cello improvisierten. Aus dem Moment und aus der Stimmung heraus. Beide Musiker wollten keinen Beifall, sie empfanden das als unpassend. Zur Ruhe kommen und innehalten im Gedenken an die Opfer des Holocaust. „Heute nehmen wir die Musik, um an die Opfer der NS-Zeit zu erinnern“, sagte Wennigsens Jugendbürgermeister Ole Hagen. Doch selbst die Musik sei früher von den Nazis ausgenutzt worden.

Es war das allererste Mal, dass die Gemeinde Wennigsen am 27. Januar, dem internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust, zu einer Gedenkveranstaltung einlud. Vor 75 Jahren befreite die Rote Armee Auschwitz. Etwa 30 Wennigser nahmen im Spritzenhaus an der Gedenkstunde teil. Es war ein kleiner, aber würdiger Rahmen.

Kleiner, aber würdiger Rahmen: Im Spritzenhaus findet die allererste Gedenkveranstaltung der Gemeinde Wennigsen am 27. Januar statt. Quelle: Jennifer Krebs

Viel zu wenig Wissen über Zeit des Nationalsozialismus in Wennigsen

„Wir müssen uns erinnern“, sagte Wennigsens ehrenamtliche stellvertretende Bürgermeisterin Gun Wittrien – erinnern an die Bilder, die sich den Befreiern von Auschwitz, Bergen-Belsen und anderen Konzentrationslagern geboten haben. Der Anblick ausgemergelter, gequälter Menschen. „Wir müssen uns erinnern“, sagte Wittrien – erinnern, weil die Zeitzeugen immer weniger werden und „weil wir immer noch viel zu wenig wissen“ über die Zeit des Nationalsozialismus in Wennigsen.

Sie erinnerte auch an dieverfolgte Jüdin Laya Semler und ihren Mann Adolf, die an der Neustadtstraße wohnten. „Wie viele werden noch folgen?“ fragte Wittrien. Denn nicht nur viele Leben seien von dem nationalsozialistischen Terrorregime ausgelöscht worden, sondern auch jegliche Erinnerung daran. „Die Aufarbeitung habe gerade erst begonnen“, betonte Wittrien.

Die Hoffnung nie aufgeben

Es sei ein Teil der Motivation im Jugendparlament tätig zu sein, aufmerksam politische Geschehen zu verfolgen, die eigene Position zu vertreten und sich aktiv für den Frieden und die Menschlichkeit einzusetzen, sagte Jugendbürgermeister Ole Hagen und zitierte den Theologen Dietrich Bonhoeffer, der als einer der letzten NS-Gegner, die mit dem Attentat vom 20. Juli 1944 in Verbindung gebracht wurden, auf Hitlers Befehl am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg hingerichtet wurde: „Egal, an wen oder was wir glauben, wir können getrost erwarten was kommen mag.“ „Eine Botschaft, die zeigt, dass man die Hoffnung nie aufgeben sollte“, sagte Hagen.

Gedenken: Eine Kerze für all die Opfer des Holocaust. Quelle: Jennifer Krebs

Wennigsens stellvertretende Bürgermeisterin bedankte sich beim Jugendbürgermeister, beim Verein Musicon und bei der Behindertenwerkstatt Triskele dafür, dass sie die Gedenkfeier begleiteten. Triskele hatte drei Kerzen gestaltet, die bei der Veranstaltung angezündet wurden – ein Friedenslicht, eine Kerze mit dem Titel „Gedenken“, die dritte Kerze mit dem Titel „Mahnen“. In der Behindertenwerkstatt war mehrere Tage lang an den Kerzen gearbeitet worden. Kerzen ziehen ist nicht so einfach, wie es sich anhört – und es dauert. Bei jedem Tauchgang wächst die Kerze nur um einen Millimeter. 60 bis 80 Tauchgänge seien notwendig gewesen, um solch eine Kerze zu fertigen, sagte Triskele-Mitarbeiterin Daniela Blank am Rande der Gedenkfeier.

Auch Blank hatte in Vorbereitung auf die Gedenkstunde viel über den Nationalsozialismus und das, was in dieser Zeit passiert ist, nachgedacht. Was ihr wichtig ist: Auschwitz war nicht bloß ein Konzentrationslager. „Es war ein Vernichtungslager“, sagte Blank. Sie habe vor Jahren mal das frühere Konzentrationslager in Lubmin besichtigt. „Es hat mich sprachlos gemacht.“

Kranz niedergelegt am Mahnmal

Am Mahnmal vor dem Wennigser Gemeindehaus hat die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten (VVV/BdA) am Holocaust-Gedenktag einen Kranz niedergelegt. „Es ist richtig und wichtig immer wieder an die Shoa, dieses historisch einmalige Verbrechen zu erinnern“, sagt Sprecher Hartmut Rahmer. Schon seit etwa 15 Jahren gebe es deswegen diese Kranzniederlegung in Gedenken an die Nazi-Opfer.

Rahmer findet es gut, dass die Gemeinde Wennigsen auf Beschluss des Rates endlich auch eine Gedenkveranstaltung durchführt. „Genauso wie wir uns darüber freuen, dass 75 Jahre nach der Befreiung vom Faschismus ernsthaft begonnen wird, die lokale Geschichte aufzuarbeiten“, sagt er. Dennoch bedauert die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, dass man nicht auf sie zugekommen sei, um eventuell eine gemeinsame Gedenkfeier auszurichten. Die grundsätzliche Bereitschaft dazu bestünde weiterhin, sagt Rahmer.

Bereits zur Pogromnacht am 9. November hatte es zwei getrennte Gedenkveranstaltungen gegeben.

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Von Jennifer Krebs

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