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Wennigsen Inklusion einmal anders: Behinderte unterrichten Nichtbehinderte
Umland Wennigsen

Wennigsen: Musicon-Buchbinderei produziert neue Seiten der Inklusion

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19:00 08.08.2019
Die Jugendlichen aus Hannover produzieren im Papier-Atelier des Vereins Musicon mit Unterstützung der betreuten Mitarbeiter Hannes (34, links) und Laura (33, Vierte von rechts) kleine Notizbücher. Quelle: Ingo Rodriguez
Wennigsen

Das gute alte Handwerk der Buchbinderei ist gar nicht so schwer – wenn man erst einmal weiß, welche einzelnen Arbeitsschritte notwendig sind, um ein kleines Notizbuch zu binden. „Das Nähen um das Heftband herum ist etwas schwierig, aber das ist auch zu schaffen“, sagt die elfjährige Laura aus Hannover.

Die 13-jährige Leonie ist einen Schritt weiter – beim Leimen. Die beiden Jugendlichen und zwei weitere Mädchen aus Hannover sowie zwei erwachsene Frauen sind Teilnehmer eines Buchbindekurses im Papier-Atelier des Vereins Musicon. Dort haben sie in den vergangenen drei Tagen von Hannes (34) und Laura (33) gelernt, wie ein kleines Buch nach alter Handwerkskunst hergestellt wird.

Das Besondere an dem Kurs: Die beiden Kursleiter Hannes und Laura sind zwei von insgesamt sieben betreuten Mitarbeitern einer früheren Behindertenwerkstatt. Aber trotz verschiedener Beeinträchtigungen bringen sie nun Menschen ohne Behinderungen das Buchbinden bei.

Verein nutzt neues Teilhabegesetz

Dass im Papier-Atelier des Vereins Musicon an der Albert-Einstein-Straße in Wennigsen seit etwa einem halben Jahr buchstäblich seitenweise Material für ein ganz neues Kapitel der Inklusion produziert wird, ist dem Vereinsgründer und Vorsitzenden Kurt Eschmann sowie seiner Stellvertreterin Christiane Maiwald zu verdanken. Bis zum vergangenen Dezember haben die beiden mit Musicon eine anthroposophisch orientierte Werkstatt für 35 Behinderte betrieben.

30 Jahre nach der Vereinsgründung hatte Musicon die Vereinswerkstatt dann Ende 2018 aber an die gemeinnützige GmbH Triskele abgegeben – um mit weniger betreuten Beschäftigten sowie anderen Angeboten im Bereich der Erwachsenenbildung weiter zu machen.

Möglich sei dies durch das neue Bundesteilhabegesetz geworden, sagt der 68-jährige Pädagoge Eschmann. Für Menschen mit Behinderung und Anspruch auf eine Aufnahme in eine Behindertenwerkstatt sei jetzt eine Alternative zur beruflichen Bildung und Beschäftigung in Werkstätten geschaffen worden.

Betreute Mitarbeiter leiten Menschen ohne Behinderung an

Eschmann, Maiwald und ihre Mitarbeiterin Antje Eixner nutzen diese Möglichkeit: Eine Etage über der von Triskele übernommenen Behindertenwerkstatt beschäftigt der Verein Musicon sieben der bereits zuvor in der früheren Vereinswerkstatt betreuten Menschen nun in der hauseigenen Weberei und in der Buchbinderei.

Dort werden nicht nur individuelle Kunstwerke und Waren für Basare oder Flohmärkte produziert. Die sieben mit öffentlichen Geldern geförderten Angestellten sind auch als Kursleiter tätig. Sie bringen etwa einmal im Monat interessierten Teilnehmer ohne Behinderungen in Kleingruppen die Grundlagen des Webens und des Buchbindens bei. „Zu den Teilnehmern gehören Gruppen aus Kindergärten, Schulen und Vereinen, aber auch andere Interessierte“, sagt Eschmann. Musicon beteiligt sich mit seinen Kursen auch am Ferienprogramm der Gemeinde Wennigsen.

Wertschätzung ist ein Ergebnis der neuen Inklusionsform

Der Vorsitzende Eschmann hebt den übergeordneten Sinn dieser tiefgehenden Inklusionsform hervor. „Bei den betreuten Angestellten steigt das Selbstwertgefühl, wenn sie sogenannten ,normalen’ Menschen Dinge beibringen können“, sagt Eschmann. Diese Form von gesellschaftlicher Integration und Teilhabe sei natürlich in kleinen Kreisen besser möglich als in einer Werkstatt mit 35 betreuten Mitarbeitern.

Von der Teilnehmerin Lilia Flat aus Hannover gibt es für den Buchbinderkurs viel Lob. „Wir haben beim Arbeiten auch viele tolle Gespräche mit den Kursleitern geführt“, sagt die Frau aus Hannover. Die Kurse seien eine vorbildliche Form der Inklusion: „Die Menschen mit Beeinträchtigungen sind als Kursleiter mittendrin in der Gesellschaft und erhalten für eine sinnvolle Lehrtätigkeit auch viel Wertschätzung“, lobt die Hannoveranerin die Musicon-Initiative.

Fast alle Teilnehmer hatten über Bekannte von Musicon-Mitarbeitern von dem Angebot erfahren und sich dann angemeldet. „Ich möchte ein handgeschriebenes Kinderbuch aus eigener Produktion gestalten“, begründet die 49-jährige Irina Lange aus Bad Münder ihre Teilnahme. Lob gibt es auch von den Kursleitern Hannes und Laura für die Gruppe: „Die haben sich alle sehr geschickt angestellt“, sagt Laura und lächelt.

Die Jugendlichen aus Hannover produzieren im Papier-Atelier des Vereins Musicon mit Unterstützung der betreuten Mitarbeiter aus eine früheren Behindertenwerkstatt kleine Notizbücher. Quelle: Ingo Rodriguez

Von Ingo Rodriguez

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