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Wunstorf Kaliwerk-Beschäftigte fördern letzte Tonne
Umland Wunstorf Kaliwerk-Beschäftigte fördern letzte Tonne
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00:52 24.12.2018
Silvio Blümlein (von links), Joachim Schmidt, Dmitri Günter, Christoph Peters und Tobias Kleine übergeben die letzte Tonne an die Kollegen aus der Fabrik. Quelle: Sven Sokoll
Bokeloh

Mit großer Geste und vielen Emotionen sind am Freitag 120 Jahre Bergbaugeschichte im Kaliwerk Sigmundshall offiziell beendet worden. Rund 550 aktuelle und schon zu anderen Standorten gewechselte Mitarbeiter nahmen an der Mettenschicht teil, der traditionellen Feier vor den Weihnachtstagen. Auf Gäste von außerhalb und Vertreter der K+S-Konzernzentrale war bewusst verzichtet worden, weil die Belegschaft den Tag unter sich begehen wollte.

Zum Ende der Frühschicht bildeten Mitarbeiter unter Tage ein Spalier für die symbolische letzte Tonne geförderten Kalisalzes, die Dmitri Günter, Tobias Kleine, Joachim Schmidt, Christoph Peters und Silvio Blümlein in einer Lore zum Schacht schoben – nicht ohne noch noch einen Zwischenstopp an der Figur der Schutzheiligen Barbara einzulegen. Sie wurden ausgewählt, weil sie die unterschiedlichen Berufszweige repräsentierten, die unter Tage gebraucht werden. Oben angekommen übergaben sie die Tonne an ein Quintett aus der Fabrik, die sich bisher um die Weiterverarbeitung gekümmert hat.

Mit der Förderung der letzten Tonne sind 120 Jahre Bergwerksgeschichte beendet.

„Wir haben in 120 Jahren 130 Millionen Tonnen gefördert, damit ihr sie aufbereiten könnt“, sagte dazu Burkhard Wernsmann, Leiter der Produktion unter Tage, zu Sascha Ahlert, seinem Pendant in der Fabrik. „Wir stehen hier voller Stolz und Dankbarkeit für diese Zeit“, antwortete der. Bei einem Umzug in strömendem Regen, der die Gesamtstimmung durchaus passend illustrierte, versammelten sich alle für ein Gruppenbild in der früheren Lohnhalle. Anschließend zogen sie durchs Werkstor, wo sich ins Spalier auch Ortsbürgermeister Matthias Waterstradt und die Landtagsabgeordnete Wiebke Osigus einreihten.

Werksleiter entschuldigt sich bei Belegschaft

In der Lagerhalle angekommen, in der der Abschluss begangen werden sollte, reihten sich Mitglieder der Grubenwehr mit Fackeln vor der Bühne auf, auf der die Lore vorüberhend aufgestellt wurde. „Wir tragen alle unsere ganz persönlichen Erinnerungen von Sigmundshall in uns, die wir heute austauschen wollen“, sagte Werksleiter Gereon Jochmaring zu der Belegschaft. „Dieser Tag ist mit Stolz, Trauer und Wehmut erfüllt.“ Er dankte den Mitarbeitern, dass sie bis zuletzt noch dem Werk die Treue gehalten haben.

Nun seien die Vorräte erschöpft und die Grenzen der Belastbarkeit beim Abbau erreicht. Ausdrücklich entschuldigte er sich dafür, dass den Mitarbeitern offenbar nicht ausreichend erläutert werden konnte, warum sie nicht schon vor dem Juli erfahren konnte, wie es mit ihnen persönlich weiter gehen wird. Stellvertretend verabschiedete er die Betriebsratsvorsitzende Annegret Brandes nach 17 Jahren, die in den Ruhestand geht. Sie wünschte den Beschäftigten viel Glück für die Zukunft.

Jochmaring hob auch hervor, dass die Mitarbeiter von Sigmundshall mit ihren viele Innovationen das Werk lange zu einem Aushängeschild des Unternehmens gemacht hätten, so wie der Bergbau auch die Region geprägt habe. Er kündigte an, dass K+S künftig auch ohne Bergbau Bokeloh zu einem innovativen Standort machen will, auch wenn die letzten Entscheidungen dazu noch ausstehen. Die letzte Tonne die am Freitag gefeiert wurde, soll in einen Plexiglas-Würfel an der Verwaltung untergebracht werden und zumindest die Bergbau-Tradition in Erinnerung halten.

Uwe Osterloh ist stellvertretender Vorsitzender des Betriebsrates. Quelle: Sven Sokoll

Betriebsrat: Abbau ist nicht sozialverträglich

Am Tag der historischen Mettenschicht hat der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Uwe Osterloh versucht, die Darstellung des Arbeitgebers über einen sozialverträglichen Personalabbau zu korrigieren. K+S hatte zuletzt die Mitarbeiterzahl mit 660 angegeben. Immerhin seien bei der Verkündung der Schließung im November vergangenen Jahres aber 730 beschäftigt gewesen, damit verlieren insgesamt gut 500 Sigmundshaller ihren Job im Werk. Künftig werden nur noch 220 Mitarbeiter benötigt, die sich um den Rückbau und den Weiterbetrieb der Rekal-Anlage kümmern. 163 wechseln in eine Transfergesellschaft, andere wechseln an andere Standorte oder in den Ruhestand.

„Wenn jetzt einer nach dem anderen hereinkommt und sagt, das war seine letzte Schicht, ist das schon sehr, sehr traurig“, beschreibt Osterloh. Der Anteil derjenigen, die an andere K+S-Standorte wechseln, ist größer als er vorher gedacht hat. „Das ist wohl eine Frage der Verbundenheit mit dem Bergbau.“ 150 tun es im offiziellen Auswahlverfahren, viele haben das aber auch schon früher im Jahr auf eigene Initiative getan.

Die Transfergesellschaft PMB, die zuvor direkt auf dem Werksgelände schon Mitarbeiter beraten hat, eröffnet für die Beschäftigten, die nicht wechseln wollen, jetzt eine Dependance an der Hagenburger Straße in Wunstorf. Auch wenn der Betriebsrat sich für PMB eingesetzt und sie in der Regel recht gute Vermittlungsquoten hat, sagt Osterloh: „Sie gibt den Kollegen keine Garantie, dass es für sie weiter geht.“ Auch deshalb vermag er die Einschätzung nicht teilen, dass ein sozialverträglicher Personalabbau geglückt sei.

Großen Respekt zollt er den Mitarbeitern, dass sie in diesem Jahr noch die geplanten Sollzahlen bei der Förderung erfüllt haben – trotz der schwierigen Bedingungen. „Das schlimmste war die Ungewissheit im Sommer“, sagt er und wirft dem Arbeitgeber vor, den Entwurf des Sozialplans zwei Monate zu spät vorgelegt zu haben. Die Kriterien bei der Sozialauswahl hat der Betriebsrat als undurchsichtig kritisiert.

Von Sven Sokoll

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