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Wunstorf Kranke Kinder in Wunstorf für Medizinversuche missbraucht
Umland Wunstorf Kranke Kinder in Wunstorf für Medizinversuche missbraucht
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19:04 15.01.2018
Im Landeskrankenhaus Wunstorf – es gehört heute zum Klinikum Region Hannover – wurden in den siebziger Jahren Tests an Kindern ohne Einiwilligung gemacht.
Im Landeskrankenhaus Wunstorf – es gehört heute zum Klinikum Region Hannover – wurden in den siebziger Jahren Tests an Kindern ohne Einiwilligung gemacht. Quelle: Archiv/Holger Hollemann
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Hannover

 In der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Wunstorf sind junge Patienten mindestens bis Ende der Sechzigerjahre offenbar für Medikamententests missbraucht worden. Nach Recherchen der Krefelder Pharmakologin Sylvia Wagner waren in diesem Zeitraum 286 Kinder von Versuchen betroffen, bei denen Ärzte unter anderem Psychopharmaka und ruhigstellende Medikamente verabreichten. Im Zuge der Tests sollen auch schmerzhafte Rückenmarkspunktionen vorgenommen worden sein. Das niedersächsische Sozialministerium hat aufgrund der Erkenntnisse Wagners eine Studie in Auftrag gegeben, um diese und andere mögliche Arzneimittelversuche an Kinder und Jugendlichen in niedersächsischen Heimen im Zeitraum von 1945 bis 1976 aufzuklären.

Konkrete Hinweise hat die Pharmakologin darauf, dass Hans Heinze senior und Hans Heinze junior, Vater und Sohn, an möglichen Medikamententets an der Wunstorfer Klinik beteiligt waren. Der Senior war von 1954 bis 1960 Leiter der Klinik, die seinerzeit als Landeskrankenhaus neu gegründet worden war. Er hat eine zweifelhafte Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus gespielt: Heinze war Gutachter eines Euthanasieprogramms – nach 1945 konnte er seine Karriere in Wunstorf fortsetzen. Sein Sohn trat den Dienst dort 1961 an. Heute gehört die Kinder- und Jugendpsychiatrie zum Klinikum Region Hannover, sie hatte diese 2007 vom Land Niedersachsen übernommen.

Zu den jungen Patienten hätten auch Heimkinder gezählt, die aus umliegenden Einrichtungen nach Wunstorf gebracht worden seien, berichtet Wagner. Offenbar seien die Tests ohne Einwilligungen der Betroffenen und vermutlich auch ohne eine Aufklärung über mögliche Nebenwirkungen gelaufen. „Es gibt keine Belege dafür, dass die Kinder und Jugendlichen oder deren Eltern zugestimmt hätten“, sagt Wagner. Die Wissenschaftlerin meint, dass wirtschaftliche Interessen der Pharmaindustrie ebenso eine Rolle gespielt haben wie der Forschungsehrgeiz der beteiligten Ärzte. Seinerzeit gab es für solche Tests weitaus weniger Hürden als heute. Erst 1978 trat ein Gesetz zur Zulassung von Arzneimitteln in Kraft. Skandalös sei es, dass ein Arzt wie Hans Heinz senior in Wunstorf zum Klinikleiter aufsteigen konnte, sagt Wagner, die in ihrer Dissertation bundesweit Arzneimittelstudien an Heimkindern bis in die Siebzigerjahre erforscht. 

Nach den Worten des Medizinhistorikers Heiko Stoff von der Medizinsichen Hochschule Hannover (MHH) ist es höchstwahrscheinlich, dass in Wunstorf auch fragwürdige Untersuchungen vorgenommen worden, die teils extrem schmerzhaft waren. Konkret geht es um die sogenannte Pneumoenzephalografie, eine Punktion im Lendenwirbelbereich, bei der Hirnwasser entzogen und Luft eingeführt wird; danach wird der Kopf des Patienten geröntgt. „Es ist Stand der Forschung, dass diese Methode bis in die späten Sechzigerjahre verbreitet war.“ Danach wurde sie von der Computertomografie abgelöst. Laut Stoff hat die Punktionsmethode auch nach dem damaligen Rechtsverständnis den „Tatbestand der Körperverletzung“ erfüllt. Ob es sich auch hier um medizinische Tests gehandelt habe, sei bisher nicht belegt: „Das ist ein Verdacht, dem man nachgehen muss.“ Auch Stoffs Kollege Christof Berger, der bis vor Kurzem an der MHH tätig war, geht davon aus, dass solche Punktionen an der Wunstorfer Klinik praktiziert wurden. In welchem Zeitraum und in welcher Zahl sei bisher aber nicht bekannt. 

Das könnte die vom Sozialministerium in Auftrag gegebene Studie erhellen. Der Forschungsauftrag mit einem Volumen von 150 000 Euro wurde an das Institut für Medizingeschichte der Robert Bosch Stiftung (IGM) in Stuttgart vergeben. Es solle „keine finanzielle Abhängigkeit vom Land“ geben, „die die Objektivität der Ergebnisse in Frage stellen könnte“, teilte das Ministerium mit. Geprüft werde, ob die Untersuchungen mit seinerzeit geltenden ethischen und rechtlichen Vorgaben konform gingen – oder ob dagegen verstoßen wurde. Auch das Schicksal der Betroffenen soll in einem solchen Rahmen erstmals beleuchtet werden. Mitte dieses Jahres werden voraussichtlich erste Ergebnisse vorliegen, Ende des Jahres soll der Abschlussbericht folgen.

Auch das Klinikum Region Hannover will zur Aufklärung beitragen. Das dürfte jedoch nicht einfach sein. Nach Auskunft von Sprecher Steffen Ellerhoff gibt es keine Patientenakten mehr aus dieser Zeit. „Bei uns lagern derzeit nur noch wenige Personalakten aus der für die Fragestellungen interessierenden Zeit“, sagt er. Ob und wie sie zugänglich gemacht werden können, werde derzeit mit dem Landesdatenschutzbeauftragten verhandelt. 

Von Juliane Kaune