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Nachrichten Bestürzung am Kaliberg nach tödlichem Unfall
Umland Wunstorf Nachrichten Bestürzung am Kaliberg nach tödlichem Unfall
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06:15 09.04.2012
Foto: Das Unglück ereignete sich, weil der Arbeiter mit seinem Bohrgerät eine Gasblase getroffen hatte und giftiger Schwefelwasserstoff ausgetreten war.
Das Unglück ereignete sich, weil der Arbeiter mit seinem Bohrgerät eine Gasblase getroffen hatte und giftiger Schwefelwasserstoff ausgetreten war. Quelle: Christian Burkert
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Wunstorf

Siegfried Hausmann hat die Nachricht vom Unglück am frühen Morgen im Radio gehört. Ein Bergmann tot, 34 Jahre alt, drei Kumpel verletzt und 23 Männer, die vorsorglich in Krankenhäuser gebracht wurden. Hausmann ist 60 Jahre alt, er leitet den Bergmannsverein „Glück auf“ Bokelohe und erzählt davon, wie nach dem Drama unter Tage Bergleute zu erfahren versuchten, was sich in der Nacht abgespielt hatte. Wer hatte Nachtschicht? Wer war verletzt? Traf es Bekannte? Rentner versuchten, alte Kontakte ins Werk zu nutzen. Wenn sie die Namen herausbekommen haben bei „Glück auf“, dann werden sie die Kumpel in Krankenhäusern und zu Hause besuchen. Eine weitere Pflicht wird folgen. Die Männer und Frauen vom Bergmannsverein wollen den toten Kumpel „auf seiner letzten Fahrt begleiten“, sagt Hausmann. „Das ist alles selbstverständlich.“

Seit 114 Jahren fördern Bergmänner im Wunstorfer Kaliwerk Sigmundshall unter Tage Salz. Doch noch nie hat sich in den Stollen ein Unfall zugetragen, wie er in der Nacht zu Donnerstag passiert ist. In all diesen Jahren sind die Kumpel bei ihren Bohrungen noch nie auf Gasblasen im Gestein gestoßen. „Das ist ein absoluter Einzelfall“, sagt Wolfgang Lampe von der zuständigen Bergaufsicht, die mit der Aufklärung des Unglücks befasst ist.

Noch können die Bergbau-Experten nicht viel zu den Vorgängen in 1200 Metern Tiefe sagen. Der Stollen, in dem der Bergmann ums Leben kam, ist nicht freigegeben. „Die Grubenwehr ist noch immer damit beschäftigt, das gesamte Bergwerk zu belüften und Messungen durchzuführen“, sagt Lampe. Erst wenn die Fahrt zur Unglücksstelle als unbedenklich gilt, können die Ermittlungen der Bergaufsicht beginnen.

Bislang steht so viel fest: Der 34-Jährige war gegen 23.20 Uhr mit Bohrungen befasst, um diesen Stollen in Kürze weiter voran zu treiben. Der Bergmann hatte den Auftrag, ein Loch mit einem Durchmesser von 250 Millimetern sieben Meter tief in den Fels zu bohren. „Dabei muss er auf die Gasblase gestoßen sein“, vermutet Lampe. Sofort strömte hochgiftiger Schwefelwasserstoff in den Stollen. Der 34-Jährige hatte keine Chance, den ätzenden Dämpfen zu entkommen. Er brach bewusstlos zusammen.

Nur ein Zufall half bei seiner Entdeckung. Die Aufsicht der Nachtschicht war gerade in den Stollen eingefahren, um nach dem Fortgang der Bohrungen zu sehen. Dabei stieß der Bergmann auf seinen am Boden liegenden Kumpel. Er schlug Alarm. Sofort eilten insgesamt 26 Bergarbeiter dem Verunglückten zu Hilfe. Drei von ihnen erlitten Verletzungen an den Atemwegen und mussten im Krankenhaus versorgt werden. Die übrigen 23 Männer wurden vorsorglich in eine Klinik gebracht. Für den 34-Jährigen kam jede Hilfe zu spät. Der Notarzt konnte nur den Tod des Bergmannes feststellen. Die tödliche Dosis Schwefelwasserstoff liegt bereits bei fünf ppm (parts per million).

Derzeit liegt das gesamte Werk Sigmundshall still. Vor dem Werkstor deutet nur eine auf halbmast geflaggte Deutschlandfahne auf das Unglück hin. Gleich neben dem Bergwerk liegt eine kleine Siedlung. Vor einem Häuschen steht eine Plastikfigur: Ein lustiger Maulwurf mit blauem Bergmannshelm schiebt eine schwarze Lore. Manche Bewohner sehen direkt auf eine riesenhafte Abraumhalde, „Kalimandscharo“ heißt sie hier. Als ein Mann vorbeikommt, erzählt er, wie er in der Nacht Rettungswagen sah, die aufs Gelände fuhren. „Ist ja schon der zweite Tote dieses Jahr.“ Er sagt es, als gehöre Gefahr eben zum Beruf. Im Februar wurde ein Arbeiter von einem tonnenschweren Salzblock verschüttet.

Die Untersuchungen der Bergaufsicht beginnen nach den Ostertagen. „Es ist ein geologisches Problem, das wir zu lösen haben“, sagt Lampe, „nicht mehr und nicht weniger.“

Stichwort: Sigmundshall

Am 2. Mai 1898 begannen im Werk Sigmundshall die sogenannten Teufarbeiten, also die Herstellung der ersten Schächte für die Erschließung des Bergs. Zu dieser Zeit hatten die Bohrmaschinen noch Handkurbeln. Heute gilt das Kaliwerk als das einzige aktive Niedersachsens. Bundesweit existieren noch vier aktive Kaliwerke und drei Salzwerke. Derzeit arbeiten rund 850 Beschäftigte bei K+S in Wunstorf-Bokeloh. 500 davon sind als Bergleute tätig. Die Grube, aus der Salz gefördert wird, erstreckt sich auf einer Fläche von 16 Quadratkilometern in Tiefen von 400 bis 1300 Meter. Das dort geförderte Salz wird im angegliederten Werk zu Düngemittel, zu Kali, verarbeitet. Insgesamt drei Schächte führen in den Berg: der Förderschacht bei Bokeloh, der Belüftungsschacht bei Kolenfeld und der Schacht Weser am Steinhuder Meer für die abziehende Luft. Mit der Zeit ist unter Tage ein Streckennetz von 300 Kilometern Länge entstanden. Das Unternehmen hat deshalb einen großen Fuhrpark in die Stollen geschafft. Um die Flotte von 230 Fahrzeugen und Maschinen unterschiedlichster Art warten zu können, gibt es unter Tage auf der 940-Meter-Sohle eine eigene Werkstatt. Auf der tiefsten Sohle, 1300 Meter unter der Erde, herrschen Temperaturen von um die 60 Grad. Es ist der tiefste erreichbare Punkt der Region. Nach Schätzungen des Konzerns kann in Bokeloh noch bis etwa ins Jahr 2020 Salz gefördert werden.

Gunnar Menkens und Tobias Morchner