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Nachrichten „Denen soll ich vergeben?“
Umland Wunstorf Nachrichten „Denen soll ich vergeben?“
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14:45 31.12.2014
Von Sven Sokoll
Der 72-jährige Hauseigentümer zeigt die frischen Aufbruchspuren an der Terrassentür.
Der 72-jährige Hauseigentümer zeigt die frischen Aufbruchspuren an der Terrassentür. Quelle: Sven Sokoll
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Wunstorf

Die Einbruchzahlen sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen - doch wer selbst nicht davon betroffen war, für den ist das vielleicht einfach nur eine Statistik. Aber: Wenn auch die materiellen Schäden sich meist regulieren lassen, bleiben doch die psychischen Folgen für die Betroffenen.

Ein Ehepaar aus der Kernstadt hat sich jetzt entschieden, darüber öffentlich zu reden - als Möglichkeit, das Geschehene zu verarbeiten. Und als Appell an die Mitmenschen, sorgsamer achtzugeben, damit sich solche Fälle nicht so häufig wiederholen. „Es ist ein Unwohlsein, das einen dann immer wieder befällt - und eine Hilflosigkeit, die man spürt“, sagt der 72-jährige Ehemann.

Seit 1978 wohnen die beiden in ihrem Haus und sind in dieser Zeit dreimal zum Opfer von Einbrechern geworden. Drei oder vier Jahre nach dem Einzug kamen Einbrecher durch das Schlafzimmerfenster, als die beiden gerade mit Gästen im Wohnzimmer saßen. Die Diebe nahmen Schmuck mit. Ebenfalls in den achtziger Jahren bohrte jemand ein Türschloss auf, gelangte aber nicht ins Haus.

Die Täter wurden nie gefasst. Nach und nach taten die beiden Wunstorfer viel dafür, dass nicht noch einmal ungebetene Gäste ins Heim, ihre „Burg“, eindringen konnten: Ein schwerer Riegel kam vor die Kellertür, Fenster erhielten abschließbare Griffe, und Bewegungsmelder wurden installiert. Doch im Dezember kamen wieder Einbrecher, an einem Nachmittag, und sie fanden eine Schwachstelle: die Terrassentür, wie so oft. Die Unbekannten durchsuchten die Räume in Erdgeschoss und Keller und fanden Geld, das sie mitnahmen.

„Wir wollen nicht spekulieren, was für eine Tätergruppe das wohl war“, sagt der Hauseigentümer. Fest stehen aber die Folgen, die dieses Eindringen in den privaten Bereich mit sich gebracht hat: „Ich musste danach erst einmal alles ordentlich sauber machen“, sagt die 67-jährige Ehefrau - Ekelgefühle verursacht es oft, wenn Fremde in den eigenen Sachen gewühlt haben.

Nachts schreckt sie jetzt bei jedem Knacken hoch. Menschen, die sie nicht kennt, betrachtet sie auf der Straße misstrauisch. „Und zu Weihnachten in der Kirche, als von Vergebung und Frieden die Rede war, hat mich ein Hassgefühl befallen: Denen soll ich vergeben?“

Die Terrassentür wird nun demnächst erneuert. „Die Tischlerei hat uns eine verstärkte Version empfohlen - die werden wir auf jeden Fall nehmen. Wollen wir hoffen, dass die Versicherung das auch übernimmt“, sagt der 72-Jährige. Sie kostet rund das Doppelte.

Weil auch Familien in der Nachbarschaft in letzter Zeit zu Einbruchsopfern geworden sind, ist das im Viertel insgesamt ein großes Gesprächsthema. Gedanken an eigene Streifen als Bürgerwehr etwa seien aber unter den Nachbarn noch nicht aufgekommen. Zumindest haben sie registriert, dass die Polizei sich schon einmal mehr auf der Straße hat blicken lassen - auch wenn Betroffene sich natürlich immer wünschen, dass das noch häufiger passieren könnte.

Die Hoffnung, dass die Ermittler ihnen irgendwann einen Täter zur jüngsten Tat präsentieren, ist nicht sehr groß. Immerhin hat die Polizei wohl einen fremden Fingerabdruck gefunden.

Beratung: Die Polizei kommt nach Hause

Die Polizeidirektion hat in Hannover eine Beratungsstelle zur technischen Prävention gegen Einbrüche eingerichtet. Die Beamten bieten an, vor Ort konkrete Vorschläge zu machen, wie das jeweilige Haus sich besser sichern lässt. Durch das Netzwerk „Zuhause sicher“ können sie Handwerker benennen, die Umbauten entsprechend umsetzen. Allerdings ist vor einem Besuch der Polizeibeamten zu Hause mit Wartezeiten zu rechnen.

Die Beratungsstelle ist unter Telefon (0511) 1091114 zu erreichen. Das Netzwerk gibt auf der Internetseite zuhause-sicher.de weitere Informationen. In Wunstorf beteiligen sich unter anderem die Stadtverwaltung, die Feuerwehr und die Stadtsparkasse.

Sven Sokoll 30.12.2014
Sven Sokoll 01.01.2015