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Umland Wunstorf Nachrichten Klinikum will Experimente an Kindern aufklären
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06:00 23.01.2018
Schild der Psychiatrie in Wunstorf.
Schild der Psychiatrie in Wunstorf. Quelle: HAZ
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Hannover

 Zeitzeugen und Betroffene  sollen ausdrücklich mitwirken: Das Klinikum der Region Hannover (KRH) plant für Herbst ein Symposium zum Themenkomplex Experimente an Kindern in der Psychiatrie Wunstorf. Dort haben Ärzte, wie berichtet, bis Ende der Sechzigerjahre offenbar Arzneimittel an jungen Patienten getestet. Nach Recherchen der Krefelder Pharmakologin Sylvia Wagner waren mindestens 286 Kinder von den Tests betroffen, bei denen Mediziner unter anderem Psychopharmaka verabreichten und Rückenmarkspunktionen vornahmen.

„Dass das Sozialministerium diesbezüglich jetzt eine Untersuchung startet, hat unseren Plänen für das Symposium noch einen Schub gegeben“, sagt KRH-Sprecher Steffen Ellerhoff. Das Thema solle systematisch aufgerollt werden.  Das Klinikum stehe aber auch  jetzt schon  Menschen zur Verfügung, die die Vermutung hegen, dass während eines Aufenthaltes im damaligen Landeskrankenhaus unbegründete Untersuchungen an ihnen vorgenommen wurden. „Wir können bei Interesse auch dabei helfen, in Kontakt mit Hilfeeinrichtungen zu treten“, so Ellerhoff.  Er verweist etwa an die Stiftung Anerkennung und Hilfe für Menschen, die zwischen 1949 bis 1975 in der Bundesrepublik und bis 1990 in der DDR in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe oder Psychiatrie Leid und Unrecht erfahren haben. Auch Hilfsfonds für Entschädigungen könnten unbürokratisch genutzt werden. „Wichtig ist, dass wir Menschen helfen wollen, die sich nach all den Jahren nicht mehr sicher sind, ob sie tatsächlich in der Psychiatrie Wunstorf waren“, erklärt Ellerhoff.  Die Aktenstände aus der Vergangenheit seien zwar drastisch reduziert, dafür gebe es aber noch etliche Patientenaufnahme-Bücher, „aus denen hervorgeht, wer  in Wunstorf war und ob er danach nach Hause oder in ein Heim entlassen wurde.“ Welche Tests allerdings im Einzelfall vorgenommen wurden und inwieweit  ihnen eine begründete Diagnose voranging, sei nur noch schwer nachzuvollziehen.

Fraglich ist zudem, ob die Untersuchungen mit Rückenmarkspunktionen nur bis Ende der Sechzigerjahre vollzogen wurden. Eine ehemalige Mitarbeiterin der Jugendpsychiatrie Wunstorf  erinnert sich an ihr Praktikum Mitte der Siebzigerjahre, bei dem sie Jugendliche auf dem Weg zu einer Lumbalpunktion begleiten musste.  „Es hat mich wahnsinnig berührt, mit den Jungen den brutalen Weg zum Hauptgebäude zurückzulegen“, sagt die frühere Mitarbeiterin. Sie erinnere sich an ein gekacheltes Labor, an Jungen, die im Sitzen festgehalten wurden, als ihnen die Nadel eingeführt wurde – und die Angst hatten. Das sei richtig heftig gewesen. „Ich war jung und das hat mich buchstäblich umgehauen - ich bin ohnmächtig geworden“, so die ehemalige Mitarbeiterin.  Sie möchte ihren Namen nicht in der Zeitung lesen, „wenn allerdings irgendjemand behauptet, dass das alles nicht stimmt, dann bin ich für die Öffentlichkeit bereit“, betont die Frau.

Von Susanna Bauch