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Nachrichten Meyer: Johanniter brauchen Zeit um Loveparade-Erlebnisse zu verarbeiten
Umland Wunstorf Nachrichten Meyer: Johanniter brauchen Zeit um Loveparade-Erlebnisse zu verarbeiten
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09:20 27.07.2010

Über den Einsatz der sieben Wunstorfer Johanniter in Duisburg ist am Sonntagnachmittag gesprochen worden. Ziel war es, dass die Beteiligten die Tragödie gut verarbeiten. Vier von ihnen waren als erste Rettungskräfte am Unglücksort. Meyer, der die Runde leitete, teilt die Einschätzung von Timo Brüning, Chef der Wunstorfer Schnelleinsatzgruppe (SEG). Brüning hatte ihm schon während des Einsatzes mitgeteilt, dass „seine Leute klarkommen“. „Die Gruppe ist sehr stabil. Das ist nicht nur eine SEG, das ist eine Familie. Sie haben sich gleich danach zusammengesetzt und gesprochen. Vorbildlich“, sagte Meyer. Das sei für ihn eine sehr gute Ausgangsposition.

Er habe zunächst die gesicherten Fakten des Verlaufs der Tragödie berichtet, sagte Meyer. Einsatzkräfte hätten eine ganz andere Wahrnehmung. Sie seien sich nicht klar darüber gewesen, in welch großer Gefahr sie schwebten. „Durch die Lage erhalten sie ein Maß, an dem sie sich orientieren können.“ Bei einem Massenunfall gelten andere Regeln als bei einem Einzelunfall.

Wer keinen Puls mehr habe, sei tot. Die Hilfe müsse jenen Schwerstverletzten gelten, die noch eine Chance haben. „So etwas zu entscheiden ist immer schwierig und wird noch härter, während Angehörige dich anschreien, andere Opfer hinzukommen, die Hilfe verlangen – das ist eine sehr belastende Situation.“ Hinzu komme, dass für die Helfer während einer längeren Phase die Gefahr bestand, von der Masse erdrückt zu werden. Das belegten Aufzeichnungen. „Sie haben das gar nicht mitbekommen“, sagte Meyer.

Ein Helfer habe ein Mädchen reanimiert, das von der eigenen Handtasche stranguliert worden ist. „Er wird im Krankenhaus anrufen. Das verschafft Klarheit, verhindert Grübeleien“, erläutert der Fachmann. Und die Helfer müssen wissen, was auf sie zukommt. Menschen seien gut im Verdrängen, aber nachts melde sich das Unterbewusstsein. Albträume, Schlaflosigkeit seien die Folge. Bluthochdruck, Herzrasen oder sogar Rückblenden am Tage können auftreten. Die könnten so stark sein, dass die Betroffenen wieder die Gerüche am Unfallort wahrnehmen oder der Tastsinn aktiviert werde. „Sie fühlen den Menschen erneut, den sie wiederbeleben wollten“, erläutert Meyer.

Die Johanniter werden sich in nächster Zeit beobachten, auf Veränderungen im Verhalten achten und Kontakt zu den Familien halten: Ziehen sich lebhafte Kollegen zurück, wirkt jemand müde, zeigt er Interesselosigkeit? Das sind Warnzeichen.

Jörg Rocktäschel