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Wunstorf Syrischer Abend in der Abtei: Wie erklärt man ein Land im Krieg?
Umland Wunstorf

Wunstorf Syrischer Abend in der Abtei: Wie erklärt man ein Land im Krieg?

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18:53 27.09.2019
Der syrische Abend in der Abtei war der Auftakt zu einer ganzen Reihe von „Länderabenden“, die von der Stadt und mehreren Sozialvereinen organisiert werden. Quelle: Mario Moers
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Wunstorf

Jawdat Al Barmawi will lieber für sein Fachabitur lernen, als im syrischen Bürgerkrieg Menschen zu erschießen. Deshalb ist er vor drei Jahren nach Deutschland geflohen, und darum plant er auch sein weiteres Leben in Wunstorf, nicht in Syrien. „Wenn ich zurückgehe, muss ich immer damit rechnen, zum Militärdienst eingezogen zu werden“, sagt der 21-jährige Berufsschüler aus Kolenfeld ganz offen.

Gastfreundschaft und Giftgas

Rund 70 Besucher kamen zum syrischen Abend in die Abtei. Quelle: Mario Moers

Während er und sein Bruder Feras am Donnerstag vor 70 Besuchern des syrischen Abends in der Abtei von ihrem Land und Leben berichten, gibt der US-Außenminister Michael Pompei der internationalen Presse in New York ein Kriegs-Update. „Heute gebe ich bekannt, dass unseren Untersuchungen zufolge das Assad-Regime am 19. Mai Chlorgas als chemische Waffe eingesetzt hat“, berichtet Pompeo der britischen Tageszeitung „The Guardian“. „Würdet ihr nach dem Kriegsende in euer Land zurückgehen und beim Wiederaufbau helfen?“, fragt ein älterer Herr in der Abtei die beiden Männer, die gerade auf dem Beamer zerbombte Sehenswürdigkeiten ihrer Heimat präsentieren.

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Der syrische Abend, organisiert von der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Wunstorf, Sandra Werner, beginnt mit einer Fragerunde. Es sind vor allem ältere Männer, die sich melden. Wie der Staat die hoheitlichen Aufgaben finanziere, will einer wissen. Welche theologische Auffassung die muslimische Mehrheitsgesellschaft gegenüber den Alawiten vertritt, ein anderer. AfD-Ratsherr Andreas Niepel fragt als Erster. „Wie viele Schafe werden denn am Opferfest für die Armen geschlachtet? Eins für das ganze Land, oder was?“, fragt er. Der Erkenntnisgewinn aus diesem ersten Teil ist überschaubar. Wie soll man auch ein Land erklären, das als eine Wiege der Menschheit gilt und sich seit bald neun Jahren im Kriegszustand befindet?

Beim syrischen Abend entsteht Nähe

In Syrien ist Weißmehl derzeit rar. Die Regierung versucht es auf dem internationalen Markt gegen überschüssiges Hartweizenmehl zu tauschen. Quelle: Mario Moers

Dann wird Syrien tatsächlich lebendig, als Roaa Obaid zu tanzen beginnt. Das Old-Damaskus-Duo (Ahed Nofal und Hadi Andywi) spielt orientalische Musik auf traditionellen Instrumenten. Der Takt wird schneller, der Schellenkanz lauter. Zuerst sind es junge Syrerinnen im Publikum, die mitsingen, bald klatschen alle laut im Takt. „Am besten gefallen hat mir heute Abend diese Spontanität, das solche authentischen Situationen entstehen wie gerade“, sagt die Gleichstellungsbeauftragte erfreut. Die gute Laune verbindet die Besucher. Am Büfett unterhalten sich auch Leute, die sich vor zwei Stunden noch nicht kannten – Syrer und Alteingesessene.

In Wunstorf leben derzeit 213 Syrer

Impressionen aus der Abtei zum syrischen Abend. Quelle: Mario Moers

213 Syrer leben derzeit in Wunstorf (Stand Juli 2019). Auf dem Länderabend haben einige davon ihren neuen Nachbarn leckere Spezialitäten aus der Heimat gebacken – Atayef bi Ashta (gefüllte arabische Pfannkuchen) zum Beispiel. In Syrien ist derweil das Weißmehl knapp. In dieser Woche scheiterte ein erneuter Versuch der Assad-Regierung, überflüssiges Hartweizenmehl auf dem internationalen Markt gegen dringend benötigtes Weißmehl zu tauschen. Weite Teile des Landes befinden sich weiter im Kriegszustand.

Den nächsten „Länderabend“ soll es im Februar 2020 geben. Um welches Land es dann geht, steht noch nicht fest. Die Gleichstellungsbeauftragte freut sich über Vorschläge und Vortragende. Kein Land wird ausgeschlossen.

Zum Weiterlesen:

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Von Mario Moers