Namen und Nummern

Leben im Studentenwohnheim

Klein, aber gemütlich: Die 21-Jährige Magdalena fühlt sich im katholischen Wohnheim Clemensburse wohl.

Klein, aber gemütlich: Die 21-Jährige Magdalena fühlt sich im katholischen Wohnheim Clemensburse wohl.

Hannover. Die Glocken der Clemenskirche läuten jeden Morgen um acht Uhr. "Am Wochenende, wenn ich mal ausschlafen kann, habe ich das Ge­fühl, die Kirche steht bei mir im Zimmer", sagt Magdalena. Die 21-Jähri­ge wohnt seit einem Jahr in dem katholi­schen Wohnheim Clemensburse, in der Calenberger Neustadt, direkt neben der Kirche. Magdalena ist selbst katholisch. Doch das laute Läuten der Kirchenglocken ist das Einzige, was die Englisch- und Theologiestudentin im Wohnheimalltag vom religiösen Charakter mitbekommt.

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"Uns wurde gleich zu Beginn gesagt, dass es kein Problem ist, wenn der Freund mal zu Besuch kommt", sagt Magdalena. Außerdem leben auf den Fluren Männer und Frauen zusammen – für eine katholische Einrichtung ist das nicht selbstverständlich.

Heimleiterin Petra Büscher sagt, dass vor allem ausländische Studenten konkret nach einem katholischen Zuhause suchen. Nicht zuletzt wegen des hauseigenen Andachtsraums. "Aber wir haben auch Moslems, Buddhisten und sogar Anhänger von Naturreligionen hier. Das wichtigste ist, dass alle tolerant und offen sind."

Im Zusammenleben unter den Bewohnern spielt die Religion keine große Rolle.Man kennt sich gut untereinander, hilft sich gegenseitig bei Problemen mit dem Studium oder im Privaten. Im Flur gibt es eine große Pinnwand, auf der alle 84 Einwohner des Heims mit Namen, Foto und Studiengang aufgeführt sind. Abends trinken sie mal einen Sekt und gehen dann zusammen in die Stadt. "Zuerst war das Wohnheim für mich nur ein Zweckgebäude, aber jetzt ist es eine Gemeinschaft zum Leben in einer familiären Atmosphäre", sagt Magdalena. Das Leben im Wohnheim hatte sie sich anonymer vorgestellt.

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In der Clemensburse besteht Magdalenas persönliches Reich nun aus zwölf Quadratme­tern für rund 190 Euro monatlich. Dazu kommen Küche, Bade­zimmer und Gemeinschaftsräume, die sich die gebürtige Emsländerin mit den sechzehn Mitbewohnern ihrer Etage teilt. Dieser eingeschränkte Platz ist für Magdalena der größte Unterschied zum El­ternhaus. Doch auch, wenn der kleine Raum sie anfangs gestört hat, hat sie sich mittlerweile damit arrangiert.
Die Nachfrage nach Plätzen in der Clemensburse ist groß: Auf der Warteliste stehen bis zu 15 Studenten. Die nächsten Zimmer werden erst zum Sommersemester frei.

Ab 22.30 Uhr ist offiziell Nachtruhe, woran sich allerdings auch außerhalb der Semesterferien nicht alle halten. Das Partyvolk kommt spät vom Feiern nach Hause, die Musikstudenten spielen oft und lange Cello oder machen Gesangsübungen. Da kommt es auch schon mal zu Ärger unter den Bewohnern.

Doch der größte Konfliktpunkt ist ein anderer. "Stress gibt es vor allem wegen der Küche", sagt Magdalena. Bei sechzehn Leu­ten stapeln sich besonders in der Prüfungs­phase schnell benutzte Teller und Tassen. Die angestellten Reinigungskräfte kümmern sich lediglich um die Sanitäranlagen und wischen über Böden und Regale. Und so starten die Studenten auf Magdalenas Flur einmal im Semester eine große Putzaktion. "Für zwei bis drei Wochen ist dann alles gut", sagt Magdalena. Auch die Geschäfts­leitung des Wohn­heims schaut regelmäßig auf den Flu­ren und in den Zimmern vorbei. Extra auf­räumen tut dafür jedoch niemand. "Die achten mehr darauf, dass technisch alles in Ordnung ist", sagt Magdalena.

Bei regelmäßigen Besprechungen werden Dienste unter den Bewohnern verteilt. Der Einkaufsdienst bei­spielsweise kauft Gewürze, Zwiebeln oder Mehl für alle. Das wird aus einer Kasse fi­nanziert, in die jeder zwei Euro mo­natlich einzahlt. Ein Kärtchen an der Tür zeigt an, wer den Müll rausbringen muss. Nach der Leerung steckt er den Dienst eine Tür wei­ter. Geschummelt wird dabei nicht. Und es klaut auch niemand dem anderen sein Essen aus dem Kühlschrankfach. "Mir wurden sogar schon Sachen reingelegt, wenn Leu­te weggefahren sind und noch etwas übrig hatten."

Theresa Kruse

Die einsame Nummer 32

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Vor einem Monat ist aus Ramona Nummer 32 geworden. Die Zahl steht auf ihrem Klingelschild, am Briefkasten, an ihrer Zimmertür. Seit die 18-Jährige ihr Zimmer im Studentenwohnheim am Schneiderberg bezogen hat, bleibt ihre Privatsphäre in ihrem 15 Quadratmeter großen Zimmer verstaut. Im Flur, im Bad und der Küche, die sie sich mit neun anderen Bewohnern teilt, ist sie einfach Nummer 32. "Der Kontakt mit den anderen im Wohnheim ist sehr distanziert. Niemand hat so richtig Interesse daran, was der andere macht oder wie es ihm geht", sagt sie.

Ramona selbst weiß von den meisten Mitbewohnern auch nicht mehr als die Zimmernummer, vielleicht den Namen und – mit etwas Glück – den Studiengang.
Das Desinteresse aneinander lässt sich im Zusammenleben schwer verbergen: Mitbewohner Nummer 36 steckt den Kopf durch die Küchentür, während Ramona kocht. "Hallo, ist der Herd frei?", fragt er kurz angebunden. Ramona verneint, Nummer 36 verschwindet wieder. Kurze Zeit später kommt ein Mädchen in die Küche – Nummer 34 oder 35. Sie grüßt kurz, nimmt sich Weintrauben aus dem Kühlschrank und verlässt schnurstracks den Raum. Die Anonymität im Wohnheim stört Ramona sehr. Freunde finden? Fehlanzeige.

Nach dem Abi ist die 18-Jährige bei ihren Eltern in Rothenburg ausgezogen. Das Leben im Wohnheim hatte sich Ramona aber viel belebter und mit mehr Gemeinschaft und Gesprächen vorgestellt. Die Umstellung auf ein eigenständiges Wohnen fiel ihr nicht leicht. "Wenn ich mich nicht selbst um etwas zu essen kümmere, dann habe ich halt nichts zu essen", sagt sie. Es erwartet sie nicht mehr wie selbstverständlich eine warme Mahlzeit auf dem Mittagstisch – "Hotel Mama" ist nicht mehr. Stattdessen findet sie schmutziges Geschirr im Spülbecken, einen besetzten Herd und ihr einsames, kleines Zimmer vor. Gelegentlich hat sie Heimweh, ihr fehlt, dass immer jemand zum Reden da ist.
Wenn Ramona mit knurrendem Magen nach Hause kommt, muss sie oft warten, bis der Ofen oder die Herdplatten frei sind. Auf die Idee, mit den anderen zu kochen, damit niemand hungrig warten muss, kommen die Mitbewohner hier offenbar nicht.

"Und jetzt", sagt die Studentin, "beginnt die Geschichte der Küchenstorys." Über der Spüle hängen zwei Zettel in schnörkeliger Handschrift, offenbar von einer peniblen Mitbewohnerin, vielleicht dem wortkargen Mädchen aus Zimmer 30. Auf den Zetteln bittet sie darum, doch den Müll regelmäßiger zu entsorgen und öfter abzuwaschen. "Niemand fühlt sich so richtig verantwortlich", sagt Ramona. Die Küchengegenstände gehörten einem ja nicht wirklich, sondern sind vom Wohnheim gestellt. Ramona ärgert die mangelnde Bereitschaft. Aber Klartext reden und so vielleicht sogar einen Streit provozieren möchte niemand. Da bleibt man lieber Nummer 32, als die Nervensäge aus dem Zimmer hinten links.
Ihr eigenes Zimmer hat Ramona so persönlich eingerichtet wie möglich: An den Wänden hängen Filmplakate und Postkarten, in der Ecke steht ein gemütlicher Sessel, das Regal ist mit persönlichen Andenken gefüllt. Die 15 Quadratmeter sind ordentlich aufgeräumt. So richtig wohl fühlt sie sich in ihrem eigenen Reich dennoch nicht: "Ich bin gerade auf der Schwelle zwischen bloßem Wohnen und Leben."

Doch das Leben im Wohnheim hat auch Vorteile: Die Warmmiete kostet gerade mal 202 Euro, und wenn etwas kaputtgeht, wird es schnell repariert. Wie in der ersten Woche im neuen Zuhause: Ein lautes Krachen riss Ramona aus dem Schlaf – das Waschbecken löste sich von der Wand. In dieser Nacht fand sie keinen Schlaf mehr. Am nächsten Morgen schrieb sie sofort eine Mail an die Wohnhausleitung. Ein paar Stunden später hatte der Hausmeister das Waschbecken repariert. In einer WG hätte es vermutlich länger gedauert, bis der Vermieter sich darum kümmert.

Für Ramona ist das Wohnheim eine Übergangslösung. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, würde sie gerne in eine passende WG oder mit ihrem Freund zusammenziehen. Aber vielleicht lernt sie die anderen Bewohner ja mit der Zeit doch besser kennen – und weiß am Ende mehr als nur ihre Zimmernummer.

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Luisa Meyer

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