Zivilcourage

Die Sehnsucht nach dem Guten

Bald wird wohl eine Main-Brücke ihren Namen tragen. Die Stadtverordneten von Offenbach haben jetzt entschieden, den Namen der 18-jährigen Tugce auf eine entsprechende Vorschlagsliste zu setzen. Den Namen jener Studentin, die in einem Schnellimbiss dazwischenging, als Schläger zwei Mädchen belästigten. Und die dabei selbst den Tod fand. Zehntausende setzten sich bei Onlinepetitionen dafür ein, Tugce für ihre Zivilcourage posthum das Bundesverdienstkreuz zu verleihen. Auch den 21-jährigen Joey K., der sich in der vergangenen Woche in Stöcken bei einem Raubüberfall im Supermarkt dem Täter in den Weg stellte und erschossen wurde, würden viele gern mit einem Orden ehren. Es ist ein verständlicher Reflex, um diese Ungerechtigkeit irgendwie aufzufangen.

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Zivilcourage: Eine Mission für Exoten

„Unglücklich das Land, das Helden nötig hat“, heißt es bei Bertolt Brecht. Über Jahrhunderte galten ja solche Menschen als Helden, die bereit waren, in Extremsituationen das eigene Leben für eine große Idee, ihre Nation oder für andere Menschen opferbereit in die Waagschale zu werfen. Die jüngsten Fälle zeigen nun, dass wir Heldentum bis heute oft als Einsatzbereitschaft in einer einzelnen, schicksalhaften Situation verstehen. Darin liegt auch eine Gefahr: Das Eintreten gegen Unrecht erscheint schnell als eine Mission für Exoten; für besondere, geradezu auserwählte Heroen, die ganz anders sind als wir selbst. Wenn man Tugce und Joey K. zum Maßstab nimmt, wird ein Mensch zum Helden vor allem in einer ganz bestimmten Stunde und auf meist tragische Weise – weil er für die eigene Zivilcourage mit dem Leben bezahlt.

Der Mut des Einzelnen ist unerlässlich

Aus der Solidarität mit den beiden ums Leben gekommenen jungen Menschen sprechen echte Anteilnahme und ehrlicher Respekt. Doch die Verehrung zeugt auch von einer heimlichen Sehnsucht nach Helden. Von einer Bewunderung von Menschen, die mit der Stärke des Rechts gegen das Recht des Stärkeren auftreten und nicht wegschauen, wenn ihr Einsatz gefragt ist. Offenbar gibt es ein großes Verlangen nach Vorbildern, die in unübersichtlichen Zeiten Orientierung bieten. Eine Sehnsucht nach dem unzweifelhaft Guten. Dass im Fall Tugce der Tathergang noch gar nicht detailliert geklärt ist und dass die Polizei rät, gegenüber bewaffneten Räubern lieber keine riskanten Aktionen zu wagen, schmälert die Bewunderung dieser modernen Helden nicht.

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Die meisten Helden sind still und unauffällig

Natürlich ist es gut, wenn Menschen nicht aus Gleichgültigkeit oder Feigheit wegsehen, wenn andere auf der Straße drangsaliert werden. Der Mut des einzelnen ist auch in einer demokratischen Gesellschaft unerlässlich. Doch in welcher Weise ein Eingreifen sinnvoll ist, hängt stets von der Situation ab. Und prinzipiell sollten in einer Demokratie für’s Gute nicht einzelne, sondern Mehrheiten zuständig sein – all jene, die das Land im Alltag gestalten. In der Zivilgesellschaft kommt Heldentum meist leise daher. Die allermeisten Helden sind still und unauffällig. Das darf angesichts der dramatischen Fälle von Offenbach und Hannover nicht vergessen werden. Anerkennung gebührt auch jenen, die ihre Freizeit opfern, um sich für Schwächere einzusetzen – als Jugendwart im Sportverein oder Flüchtlingshelfer in der Gemeinde. Sich „zuständig fühlen“ – das ist eine Aufgabe für uns alle. Jeden Tag aufs Neue.

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