Offener Jugendvollzug in Göttingen

Gefangen mit der Mauer im Kopf

Foto: Fenster zur Freiheit: Die Zimmer der inhaftierten Jugendlichen im Göttinger Vollzug sind mit Tisch, Bett und Schrank eher karg ausgestattet, dafür sind sie nicht abgeschlossen.

Fenster zur Freiheit: Die Zimmer der inhaftierten Jugendlichen im Göttinger Vollzug sind mit Tisch, Bett und Schrank eher karg ausgestattet, dafür sind sie nicht abgeschlossen.

Göttingen. Mauern sind hier am südlichen Rand Göttingens nicht zu sehen. Und doch sind sie da. Wie unsichtbare Gebilde tauchen sie in Gesprächen mit den Inhaftierten auf. „Da ist immer die Mauer im Kopf, die man nie vergisst“, sagt zum Beispiel Sebastian. Er ist 20 Jahre, macht derzeit seine Ausbildung zum Metallbauer – und lebt in einem Gefängnis, das seit nun dreißig Jahren keine Eingrenzung und keine Gitter vor den Fenstern kennt.

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Auf einem Hügel der südniedersächsischen Stadt liegt der offene Jugendvollzug Göttingen. Die Gebäude mit den Wohneinheiten, Lehrräumen und Werkstätten sind über das weitläufige Gelände verteilt. Zwischen ihnen sind Bäume und Wiesen, kleine asphaltierte Wege führen von Tür zu Tür. Umgeben ist die Anstalt, die an einen Campus erinnert, von Feldern. Keine Mauern weit und breit, nur eine Schranke am Eingang. Doch nicht jeder verurteilte Jugendliche ist für diese Freiheit trotz Gefangenschaft geeignet. Die formalen Voraussetzungen: Die Täter dürfen höchstens zu dreieinhalb Jahren verurteilt worden sein, und es muss sich um die erste Haftstrafe handeln. Zusätzlich werden sie während einer zweiwöchigen Aufnahmephase nochmal vor Ort geprüft. Deswegen leben in Niedersachsen nur 22 Prozent im offenen Jugendvollzug.

Sebastian steht in der Werkstatt. Um ihn herum schleifen Inhaftierte Stahl, das laute Quietschen eines Metallbohrers dringt durch den Raum. Er schaut sich um. Vor den Fenstern sind keine Gitter, die Tür ist nicht verschlossen. „Doch es ist nicht so locker, wie es vielleicht aussieht“, erzählt er. Seit eineinhalb Jahren ist er im Vollzug. „Wir leben hier nicht in einem Jugendheim. Es ist ein Gefängnis, man braucht ein dickes Fell.“ Die Verantwortlichen brauchen dazu noch mehr: Das Vertrauen in die Jugendlichen. Denn in einem Gefängnis, das keine Sicherheitsvorkehrungen kennt, ist die Freiheit mitunter die größte Herausforderung für die Inhaftierten. „Sie müssen sich jeden Tag wieder dafür entscheiden, mitzuarbeiten und die Regeln zu akzeptieren“, sagt JVA-Sprecher Siegried Löprick. „Nur so können wir sie auf die Realität außerhalb des Vollzugs vorbereiten.“

Die Häftlinge wissen zudem, was ihnen bei einem Regelverstoß droht: Der geschlossene Jugendvollzug in Hameln. „Jeder will vermeiden, dahin zu kommen“, sagt Sebastian.

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Die Anlage ist vor dreißig Jahren auf dem Gelände des früheren Landesjugendheims eröffnet worden. Anfangs noch selbstständig, gehörte der offene Vollzug später zur JVA Rosdorf und seit 2010 zur Jugendanstalt Hameln. Für Niedersachsen Justizminister Bernd Busemann (CDU) hat sich die Göttinger Anstalt in den vergangenen Jahren zu einer bundesweit bekannten Vorzeigeeinrichtung entwickelt. „Die Vorbereitung auf das Leben außerhalb des Vollzugs und die Integration in die Gesellschaft können nirgendwo besser gelingen als im offenen Vollzug“, sagt Busemann. Die Statistik zeigt, dass etwa nur jeder Dritte der Entlassenen später wieder eine Straftat begeht - im geschlossenen Vollzug sind es bis zu 80 Prozent.

Neben der Anlage in Göttingen gibt es noch einige Plätze in Hameln sowie den offenen Jugendvollzug für junge Frauen in Vechta. Derzeit leben etwa 70 Häftlinge am Göttinger Leineberg. Dazu kommen weitere 16 Gefangene, die im Jugendarrest untergebracht sind. Längstens vier Wochen sind sie im Arrest, es ist die letzte Warnung vor einer Jugendstrafe. Und hier in den Zellen sind dann doch Gitter vor den Fenster, und dicke Stahltüren mit Sichtschutz versperren den Weg in die Freiheit. Nur die Mauer, die fehlt auch hier.

Christopher Piltz

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