Hildesheim

„Geschmacklose Parallelen“: Holocaust-Überlebender erschüttert über Querdenker

Guy Stern hat den Holocaust überlebt.

Guy Stern hat den Holocaust überlebt.

Hildesheim. Guy Stern, damals noch Günther Stern, konnte im Alter von 15 Jahren als einziger seiner engsten Familie vor den Nazis in die USA fliehen. Die Autobiografie des 100-jährigen jüdischen Germanistikprofessors, der im Zweiten Weltkrieg Verhörspezialist der US-Armee war, erschien kürzlich auch auf Deutsch. Am Dienstag (22. Februar) werden in Hildesheim 30 neue Stolpersteine verlegt – auch für Guy Stern, seine Eltern und seine beiden jüngeren Geschwister.

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Sie haben am 14. Januar Ihren 100. Geburtstag gefeiert. Ihre Eltern und Geschwister wurden im jungen Alter im Holocaust getötet. Wie hat sich dieser frühe Verlust auf Ihr weiteres Leben ausgewirkt?

Mal den Schmerz und das Entsetzen darüber außer Acht lassend – die größte Auswirkung hat sich im Arbeitsleben gezeigt und es hält an bis heute: Ich litt, wie so viele andere in einer vergleichbaren Position auch, an Überlebensschuld. Alle meine Liebsten tot – aber ich darf weiterleben. Warum? Warum ich? Es muss doch einen Sinn gehabt haben, dass ich davonkam. Und so – wohl zunächst unbewusst - entstand das Bedürfnis, meiner toten Familie zu zeigen, dass ich es wert war, gerettet zu werden.

Wie haben Sie das Ihrer Familie gezeigt?

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Ich musste besonders viel erreichen, in meinem beruflichen Bereich so weit kommen wie möglich, um meiner Familie Ehre zu erweisen. Hätten sie die Möglichkeit, einen Blick auf mein Leben zu werfen, sollten sie stolz sein auf mich. Dieser Arbeitsdrang, ja, -zwang, hält an bis heute: Noch immer gehe ich meiner regulären Arbeit nach als Direktor des Internationalen Instituts für Altruismusforschung am Zekelman Holocaust Center in Farmington Hills, fünf Tage in der Woche. Bis vor kurzem war ich auch an den Sonntagen da, habe das aber aufgegeben. Ich hoffe, es ist mir vergönnt, bis zum Lebensende arbeiten zu können.

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Ihre Eltern Julius und Hedwig Stern, Ihr damals 15-jähriger Bruder Werner und Ihre achtjährige Schwester Eleonore wurden 1942 festgenommen und wenig später ermordet, weil sie Juden waren. Was bedeutet es für Sie, wenn jetzt, 80 Jahre später, Stolpersteine zum Gedenken an Ihre Familie verlegt werden?

Es ist eine sehr schöne Geste – spät kommt sie, doch sie kommt. Diese ganze Idee mit den Stolpersteinen ist zu Herzen gehend und sehr gut gemeint. Leider wurden schon Steine herausgerissen, habe ich gehört. Natürlich wäre mir am liebsten, sie wären gar nicht nötig, weil der Holocaust nie stattgefunden hätte. Ich frage mich manchmal auch, was das mit den Passanten macht, die auf solche Steine treten beziehungsweise sie sehen – hoffentlich nicht stolpern! Da es mittlerweile so viele Stolpersteine gibt – lassen sie noch innehalten? Regen sie zum Nachdenken an? Gehören sie zum Straßenbild wie Laternen oder Briefkästen? Ich jedenfalls spüre die Ehrung für meine Familie sehr stark, es ist ein winziges, eigentlich recht hilfloses, aber kreatives „Wiedergutmachen“, das mich rührt. Ich hoffe, ich habe irgendwann noch einmal die Gelegenheit, nach Hildesheim zu kommen und diese Steine zu sehen.

Guy Stern (rechts im Bild) als Abräumkellner im Picadilly Room des Melbourne Hotels, St. Louis, Missouri (undatierte Aufnahme aus dem Jahr 1939). Der in Hildesheim aufgewachsene jüdische Günther Stern flüchtete 1937 vor den Nazis in die USA, 1943 wird er eingebürgert als Guy Stern.

Guy Stern (rechts im Bild) als Abräumkellner im Picadilly Room des Melbourne Hotels, St. Louis, Missouri (undatierte Aufnahme aus dem Jahr 1939). Der in Hildesheim aufgewachsene jüdische Günther Stern flüchtete 1937 vor den Nazis in die USA, 1943 wird er eingebürgert als Guy Stern.

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Sie sind ein Jahrhundertzeuge. Wie blicken Sie mit Ihrem Erfahrungsschatz auf die Gegenwart?

Die aktuelle Lage macht mir sehr große Sorgen. Nach dem, was mir als Zeitzeuge alles widerfahren ist, kann ich nicht begreifen, wie einerseits selbstverständlich Menschen damit umgehen, in einer Demokratie zu leben und wie andererseits leichtfertig all die Errungenschaften einer Demokratie aufs Spiel gesetzt werden. Die Pandemie hat das gut vor Augen geführt. Allein das Tragen einer Maske hier in den USA ist nicht mehr in erster Linie ein Zeichen von geimpft oder nicht geimpft sein, sondern ein politisches Statement. Die sogenannten Freiheitskämpfe von Querdenkern, in denen sogar völlig geschmacklos Parallelen zur Nazizeit gezogen werden, sind für mich erschütternd. Die meisten dieser Menschen leben in Demokratien und genießen deren oft hart errungenen Vorzüge. Es wurde so wenig aus der Geschichte gelernt.

Was ist Ihr Rat an die Jugend?

Wenn ich Lesungen halte oder Vorträge vor Schülern, gemahne ich sie immer, für sich selbst zu denken, sich nicht von den sogenannten sozialen Medien beeinflussen zu lassen. Sie sollen sich breitflächig informieren, um zu einer eigenen Meinung zu kommen. Öfter das Gehirn als das IPhone anschalten! Eine Demokratie ist ein zartes Pflänzchen, das jederzeit eingehen kann, wenn es nicht genügend gehegt wird. Wir können derzeit gut beobachten, was sich weltweit abspielt in Ländern, in denen – oft demokratisch gewählt – „starke Männer“ ihren Machtradius immer mehr erweitern und die Freiheiten ihres Volkes immer mehr einschränken.

Zur Person: Der Literaturwissenschaftler Guy Stern lehrte nach dem Krieg an amerikanischen und deutschen Universitäten. Er ist unter anderem Direktor eines Instituts am Holocaust-Museum in Detroit und Präsident des PEN Zentrums ausländischer Autoren im Ausland. Für sein Engagement gegen Antisemitismus und für Demokratie wurde er vielfach ausgezeichnet. Stern lebt mit seiner Ehefrau, der Schriftstellerin Susanna Piontek, in Michigan.

Von RND/dpa

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