Flüchtlinge in Hannover

Leitartikel: Wer sind wir noch?

Herausforderung auch in der Region Hannover: Ankunft von Flüchtlingen am Bahnhof in Lehrte im September 2015.

Herausforderung auch in der Region Hannover: Ankunft von Flüchtlingen am Bahnhof in Lehrte im September 2015.

Hannover. Der knappe Satz war fast schon vergessen – und manchem war das auch ganz recht. Das „Wir schaffen das!“ der Bundeskanzlerin ist für die einen längst selbstverständliches Motto beim praktischen Umgang mit der Zuwanderung nach Deutschland geworden. Für die anderen stand der Satz ohnehin nur für die naive Zumutung einer mit dem Thema überforderten Regierung. In beiden Fällen aber ist drei Jahre später wenig Neues mit den drei Worten anzufangen. Oder doch?

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Folgt man einmal den stets sprunghaften Gedanken des FDP-Politikers Wolfgang Kubicki, dann liegen in dem „Wir schaffen das!“ Angela Merkels die „Wurzeln“ für die Ausschreitungen in Chemnitz. So hat er es in dieser Woche gesagt. Es ist leicht, das als Unsinn abzutun. Merkels Bemerkung, damals eher trotzig als auftrumpfend vorgetragen, soll die Gewaltexzesse von rechtsradikalen Schlägern und sonstigen Dumpfdenkern verursacht haben? Das glaubt nicht einmal Kubicki – man konnte ihn aber so verstehen, das war ein Fehler. Vermutlich wohlkalkuliert, um die derzeit schlingernde FDP irgendwie mal ins Rampenlicht zu bekommen.

Aber was wäre, wenn er in anderer Weise recht hätte? Wenn diejenigen gemeint sind, die angesichts der Generationenaufgabe des Zusammenwachsens sehr unterschiedlicher Menschen in diesem Land sagen: „Das schaffen wir nicht!“? Dabei geht es nicht um Rechtsradikale oder andere, die nicht verstanden haben, dass Rechtsstaat und Demokratie nicht zur Debatte stehen. Sondern jene, die in Ost und auch West angesichts einzelner, aber schrecklicher Gewalttaten von Zuwanderern Angst bekommen. Die vielleicht nicht ihr Leben, aber doch ihre Lebensart bedroht sehen. Auch und gerade von Menschen mit einer islamisch geprägten Sicht auf die Menschen und die Gesellschaft, die sie formen. Man kann schon zusammenzucken, wenn etwa die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Chemnitz sagt: „Auch ,unsere Leute’ haben seit 2015 ganz einfach Angst.“ Sie sieht da nicht nur auf die in Sachsen erstaunlich gesellschaftsfähigen Rechtsradikalen – sondern ausdrücklich auch auf die Flüchtlinge aus dem islamischen Kulturkreis.

Schon das zeigt: Es ist nicht die beste Zeit für einfache Sätze. Selbst wenn sich viele danach sehnen und Klarheit und Verlässlichkeit zurückhaben wollen. Ob „wir“ es schaffen, Gesellschaft und Staat in den veränderten Zeiten freiheitlich zu halten und zugleich robuster zu machen, hängt auch davon ab, ob es dieses „wir“ noch gibt. Oder ob die Sorgen, Ängste oder schlichte Interessen Einzelner mit Gewalt nach vorn drängen und alles andere niedertrampeln. Die Nachkriegs-Demokratie rutscht in diesen Fragen in eine Bewährungsprobe. Es ist nicht die erste, aber die größte.

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Von Hendrik Brandt

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