Im Ostharz

Neues Leben in Elend und Sorge

20 Jahre nach der Grenzöffnung sichert der Metallgitterzaun nur noch ein Freigehege für Hühner. „Damit man sich n bisschen erinnert“, scherzt Hühnerhalter Franz Rudolf. Der heute 85-Jährige war nach der Wende Bürgermeister in Elend. „Wir haben hier schnell aufgeholt“, lautet seine Bilanz.

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„Willkommen in Elend“, steht auf einem braunen Holzschild am Ortseingang. Das frühere DDR-Dorf im Sperrgebiet erinnert kaum mehr an die Zeiten, als der Ortsname noch Ausdruck des Ortsbildes zu sein schien. Das Waldbad ist renoviert, die Holzkirche – angeblich die kleinste Holzkirche Deutschlands – lockt wieder Touristen, und aus dem alten Konsum ist das schicke Café „Eli Lenti“ entstanden. Hotel Waldesruh steht zwar ebenso leer wie Hotel Waldhöhe. Aber während die beiden großen Kästen aus DDR-Zeiten vor sich gammeln, sind andere Hotels aufgebüht.

Die „Grüne Tanne“ an der Mandelholz-Talsperre zum Beispiel verfügt heute über Wintergarten und Wellnessbereich und hat die Zahl der Betten von 40 auf 50 erhöht. Das Hotel ist in der vierten Generation im Familienbesitz. Seit 1990 führt Lisgret Wewer die Geschäfte. Die Urenkelin des Gründers ist aus dem Kreis Höxter nach Elend übergesiedelt, um das Haus mit der schwarzen Holzfassade an die Bedürfnisse des modernen Fremdenverkehrs anzupassen. Mit Erfolg.

Ein Erfolgsmodell ostdeutscher Prägung ist „Kukki’s Erbsensuppe“. Jürgen Kurkiewicz, genannt Kukki, war Kulturoffizier der DDR-Grenztruppen und beglückte 20 Jahre lang die Grenzsoldaten als Musiker mit Gitarre und Gesang. Nach der Wende fuhr Kukki Taxi und übernahm in Elend die Waldbadschänke. Ostern 1991 entdeckte der Ex-Major die Gulaschkanone. Kukki stellte sich mit seiner neuen Waffe an die Straße und schenkte Erbsensuppe aus.

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Der Erfolg war so durchschlagend, dass der Gastronom aus Elend schon bald die zweite „Kanone“ in Stellung brachte. Schließlich kam er während einer USA-Reise auf die Idee, seine Suppe in Dosen abzufüllen. Heute produziert er davon jährlich bis zu 120 000, und in Kürze soll seine Harzer Spezialität aus der Nach-Wendezeit auch in Rewe-Märkten zu kaufen sein. „Die Grenze spielt für mich keine Rolle mehr“, sagt der Unternehmer, der heute zehn Leute beschäftigt und betont, dass seine Suppe weiter ohne Konservierungsstoffe in der Gulaschkanone gekocht wird.

Die Grenze könnte auch andernorts im Harz an Bedeutung verlieren. Die Harzer Schmalspurbahn, die bisher ausschließlich auf östlichem Terrain verkehrte, soll bald auch in Braunlage halten, dem niedersächsischen Nachbarort Elends. Im Gegenzug hofft die Brockengemeinde Schierke, Anschluss an die Wurmberg-Seilbahn in Braunlage zu bekommen, um mehr vom Skitourismus zu profitieren. Aber das ist Zukunftsmusik. Konkreter ist der Plan Braunlages, einen Ferienpark zu bauen – mit mehr als 1000 Betten und wetterunabhängigen Attraktionen.

Zuletzt ist vor allem östlich der Grenze investiert worden. „Während bei uns die Zonenrandförderung weggefallen ist, werden die Investoren nach wie vor mit stattlichen Zuschüssen nach drüben gelockt“, klagt Braunlages Bürgermeister Stefan Grote. „Bei uns gibt es 30 Prozent und ein paar Kilometer weiter östlich 50 Prozent Zuschuss für Tourismusprojekte. Da kann man sich vorstellen, wo das Geld hinfließt.“

Doch so reichlich sprudeln die Geldquellen auch im Osten nicht mehr. Elend zum Beispiel ist praktisch pleite. Das renovierte Waldbad ist damit ebenso von der Schließung bedroht wie die Touristeninformation in der 500-Seelen-Gemeinde. Diese Erfahrung ist für die Dorfbewohner neu. Zu DDR-Zeiten fehlte es den Menschen im Sperrgebiet zwar an Freizügigkeit, aber nicht an Geld. Der SED-Staat geizte nicht mit finanzellen Zuwendungen für seine Bürger hinter der Grenze. Entsprechend groß ist jetzt die Enttäuschung über die Sparzwänge – und der Ärger über den Neid von drüben.

Zusätzlich angeheizt werden die Reibereien zwischen Ost und West durch einen erbitterten Namensstreit. Denn elf Ostharz-Gemeinden mit den kleinen Grenzdörfern Elend und Sorge haben sich zur Stadt „Oberharz am Brocken“ zusammengeschlossen – sehr zum Leidwesen der bereits im Westharz existierenden Samtgemeinde Oberharz mit Clausthal-Zellerfeld als Zentrum.

Die Kinder bleiben von solchem Hickhack glücklicherweise verschont. Der Nachwuchs aus Braunlage besucht zum Beispiel in Elend die ganztägige Kindertagesstätte, und umgekehrt gehen Schüler aus Ostharzgemeinden ab der fünften Klasse in Braunlage zur Schule. Solch grenzüberschreitender Schulbesuch zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt ist durchaus keine Selbstverständlichkeit an der früheren innerdeutschen Grenze.

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Manche Grenzprobleme im Harz werden beim Ost-West-Stammtisch auf dem Brocken behoben, den Brockenwirt Hans Steinhoff nach der Wende ins Leben gerufen hat – auch aus eigenem Interesse. Denn Steinhoff hat von der Grenzöffnung profitiert wie kein zweiter im Harz. Noch als Russen, Grenztruppen und Stasi-Leute den Brocken bevölkerten, karrte der frühere Eisdielenmanager mit seinem Trabi Bockwurst und Gulaschsuppe auf den Gipfel und machte – ähnlich wie Kukki mit der Erbsensuppe – das Geschäft seines Lebens. Heute betreibt Steinhoff das Brockenhotel und nennt mehrere Hotels in Schierke sein eigen. Mehr als 70 Mitarbeiter sind in seinem Famlienimperium tätig. „Hat Spaß gemacht“, bilanziert der 65-Jährige.

Derzeit allerdings lassen die Geschäfte zu wünschen übrig. Flaute mitten in der sommerlichen Hochsaison – fast überall im Harz. Auch in Sorge ist die Sorge wieder groß. Detlef Tronnier hat erst vor zehn Jahren mit großem finanziellen Aufwand das Hotel Sonnenhof gebaut. Der Blick über das Bodetal ist herrlich wie eh und je, doch die Auslastung katastrophal. Nur zwei der zehn Zimmer sind vermietet. „Die Kosten und Schuldzinsen laufen weiter, aber es kommt kaum was rein“, klagt der Hotelier, der schon selbst bedient, da er sich eine Kellnerin nicht mehr leisten kann.

Der Vater des Hoteliers war von 1970 bis 2001 Bürgermeister in Sorge. „Die Grenzöffnung war gut“, sagt Rolf Tronnier. „Aber es ist nicht vorangegangen, eher rückwärts.“ Der 79-Jährige führt dies vor allem auf die Rückgabe von Alteigentum zurück. Das gesamte Unterdorf von Sorge zum Beispiel stehe leer, weil sich der neue Eigentümer im Westen nicht zu einer Renovierung entschlossen habe. „Jetzt ist er tot und keiner weiß, wie’s weitergeht.“ Auch das frühere Kurheim im Wald ist verwaist. Niederlände kauften es günstig und verloren dann angesichts der geringen Bettennachfrage das Interesse.

Um die Zukunft von Sorge ist es düster bestellt. Die Jungen ziehen weg, die Alten bleiben zurück. „Wir haben nur noch 120 Einwohner, vor der Wende waren es doppelt so viel“, sagt Bürgermeisterin Inge Winkel. „Es fehlt an Arbeit.“ Doch die Bürgermeisterin setzt auf die landschaftliche Schönheit ihres Dorfes. „Die Touristen werden zurückfinden.“

Wanderer, die vom niedersächsischen Nachbarort Hohegeiß nach Sorge kommen, werden daran erinnert, wie hermetisch die Grenze einst abgeriegelt war. Beobachtungsturm und Hundelaufanlage sind ebenso erhalten wie ein Teil des Streckmetallzauns und das Grenztor. Bald soll auch im Bahnhof von Sorge eine Grenzausstellung an die Zeit der Teilung erinnern. Eine andere Art der Vergangenheitsbewältigung drückt der „Ring der Erinnerung“ aus, ein Landschaftskunstwerk, das aus verrotenden Holzpfählen besteht. Die Botschaft: Das Neue kann erst wachsen, wenn das Alte vergangen ist.

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