Reparieren, recyceln oder mieten

Wie nachhaltig ist die Elektronikbranche?

Smartphones aus zweiter Hand zu kaufen kann Ressourcen sparen (Symbolbild).

Smartphones aus zweiter Hand zu kaufen kann Ressourcen sparen (Symbolbild).

Wer hat schon einmal ein nachhaltiges Handy gekauft? Die Frage ist eine Falle. Neue Produkte sind in aller Regel das Gegenteil von nachhaltig – Herstellung, Verkauf und Nutzung verbrauchen Ressourcen schneller, als sie entstehen. Trotzdem ist „nachhaltige Elektronik“ ein ausgewiesener Trend. Die Berliner Technologiemesse Ifa machte sie Anfang September gar zu einem ihrer Themen. In der Ifa-Next-Halle saßen Fachleute wie Thea Kleinmagd von Fairphone und erklärten in einem Paneltalk einfache Wahrheiten: Das nachhaltigste Handy ist dasjenige, das wir schon in der Hosentasche tragen.

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Inmitten einer Messe für neue Elektronik, umringt von verkaufswütigen Menschen an Messeständen internationaler Start-ups, klang der Satz unerhört. Über Nachhaltigkeit wurde in Berlin viel erzählt, aber zumeist ging es dabei eher um den Verkauf neuer Indoor-Gartenlösungen oder Solarpanels.

Eine Idee: Smartphone mieten statt kaufen

Ein paar Messeteilnehmende aber wollten wirklich nichts verkaufen. „Unser Ziel ist es, nachhaltige Elektronik als Abo anzubieten“, sagte etwa Robin Angelé am Comm­own-Messestand. Er leitet das deutsche Büro der französischen Genossenschaft. „Wir sind eine gemeinnützige Organisation“, erklärte er. Commown wolle Elektronik nachhaltiger machen. Angelé übt Kritik an Handyherstellern, die ihre Geräte nach wenigen Jahren Nutzungsdauer mit „geplanter Obsoleszenz“ – also geplanter Veralterung – überflüssig machen wollten. Die Organisation will Menschen dazu verlocken, Geräte möglichst lang zu nutzen. Das Prinzip: Kunden und Kundinnen mieten Smartphones, statt sie zu kaufen. Und die Mietgebühr sinkt mit der Zeit.

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Wie gut sind gebrauchte Handys?

Ann-Katrin Fornika von der Verbraucherzentrale Niedersachsen weiß zwar, dass es auch bei Handys ein „sehr verbreitetes Problem“ mit „Fakeshops“ gebe, doch dabei geht es „primär um Neuware“. Häufige Pro­bleme mit generalüberholten Geräten hat sie bisher nicht festgestellt. Allerdings sind Informationen zum Gerätezustand bisher je nach Anbieter verschieden. „Er wird meist in verschiedene Kategorien unterteilt, jeder Shop macht dazu differenzierte Angaben“, so Fornika. Bisher fehlten rechtliche Vorgaben, die den Zustand zwischen Anbietern vergleichbar machen. Bei Back Market werden etwa Handys in „gut“, „sehr gut“ und „hervorragend“ eingeteilt, bei dem finnischen Unternehmen Swappie in „fair“, „sehr gut“ und „wie neu“. Und während der Zustand „sehr gut“ bei Back Market höchstens „feine Mikrokratzer“ erlaubt, dürfen es bei Swappie auch „gut sichtbare Gebrauchsspuren“ sein. Wer genaue Informationen über den Zustand eines Gerätes vor dem Kauf will, dem rät Fornika, „direkt bei dem Shop anzufragen“. Entspricht das Gerät nicht den Erwartungen, greife wie bei allen Onlinegeschäften ein 14-tägiges Widerrufsrecht.

„Ein Teil der Obsoleszenz ist Marketing“, erläuterte Angelé. Menschen ließen sich überzeugen, dass sie zum Neugerät greifen müssen, obwohl das alte noch funktioniere. Commown will den Spieß umdrehen und Menschen dafür belohnen, dass sie beim alten Handy bleiben. „Phone as a service“ nennt Angelé das Mietmodell. Hersteller Fairphone testet das Modell inzwischen in seinem niederländischen Heimatmarkt.

Die Genossenschaft betreut inzwischen ein paar Tausend Geräte, auch in Deutschland. Grundsätzlich soll alles vom Handy über den Kopfhörer bis zum Laptop angeboten werden. Aber die Elektronik müsse nachhaltig sein, so Angelé. Für Handys bedeutet das, dass bisher nur die Modelle von Shift­phone und Fairphone dabei sind – gezielt als umweltfreundlich vermarktete Geräte, die sich leicht reparieren lassen und den Austausch von Komponenten erlauben.

Manche Handys wie die von Fairphone bestehen aus fair gehandelten Komponenten.

Manche Handys wie die von Fairphone bestehen aus fair gehandelten Komponenten.

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Alte Geräte professionell wiederaufbereiten

Auch Handys anderer Hersteller können nachhaltiger werden. Unter dem Stichwort „Refur­bished“ wurden in den vergangenen Jahren immer mehr gebrauchte elektronische Geräte verkauft. Der Sorge vor schlappen Akkus und verkratzten Displays treten die Anbieter entgegen, indem sie die Geräte prüfen, professionell wiederaufbereiten, Garantien anbieten und je nach Zustand den Preis senken.

Einer dieser Anbieter heißt Back Market. Martin Hügli, Deutschland-Chef des Unternehmens, sagt: „Elektronik ist gerade in der Produktion ein massiver Ressourcenkiller.“ Der Abbau seltener Metalle verbrauche viel Wasser und viel Arbeitskraft. Die Produktion eines einzigen Smartphones benötige im Durchschnitt 89. 000 Liter Wasser. „Refurbishing hat im Vergleich etwa ein Zehntel des Ressourcenbedarfs“, sagt er. Hügli verfolgt eine Vision: „Ressourcenneutral werden“. Um das Ziel zu erreichen, will er auch „Hersteller in die Pflicht nehmen“. Viele Neuankündigungen zeigten zu wenig Innovation im Bereich Nachhaltigkeit. So seien viele Geräte weiterhin schwer zu reparieren.

Neben Back Market fordern mehr als 40 europäische Organisationen ein Recht auf Reparatur. Auf der Ifa gab es eine gewaltige Neuerung zu besprechen: Die EU könnte Anbieter bald zu weitreichenden Verbesserungen nötigen. Neue Energielabels für Smartphones und Tablets sollen schon Anfang 2023 verabschiedet werden. Die Richtlinie macht Vorgaben, welche Belastungen Handys aushalten müssen. Akkus müssen entweder besonders langlebig sein oder leicht austauschbar. Hersteller müssen Ersatzteile für die Reparatur anbieten.

Durchschnittliche Lebensdauer der Handys soll steigen

Karsten Schischke und seine Forschungsgruppe am Fraunhofer-Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration haben die Erkenntnisse geliefert, auf denen das neue Energielabel aufbaut. Was am Ende tatsächlich in Kraft tritt, ist noch Verhandlungssache. Doch Schischke betont, für ihn sei die Richtlinie „ein erheblicher Schritt nach vorn“. Er findet die Minimalanforderungen „recht umfassend“ und sagt, dass mit Reparierbarkeit und Haltbarkeit zwei zentrale Aspekte angesprochen würden, um etwas zu verändern. Der laufende Energieverbrauch eines Smartphones ist in seinen Augen das deutlich kleinere Problem. Der ununterbrochen eingeschaltete WLAN-Router daheim habe etwa eine „viel schlechtere Ökobilanz“. Auch Schischke mahnt an, bei Handys den Herstellungsaufwand mit einzubeziehen, denn der sei im Verhältnis zum Produktgewicht „deutlich größer als bei jedem anderen Produkt, vielleicht mit Ausnahme eines goldenen Eherings“. Die neue Richtlinie soll Hersteller dazu bringen, länger haltbare, reparierbare Handys anzubieten. Sie soll die durchschnittliche Lebensdauer der Geräte steigern.

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Schischke formuliert sein Ziel nüchtern: Es gehe um eine „Verlangsamung des Ressourcenverbrauchs“. Das klingt vielleicht weniger griffig als Idealvorstellungen von Nachhaltigkeit, aber ehrlicher. Und vielleicht ist dieses Ziel auch erreichbar.

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