Kein Spiel für Lesemuffel

Vom Künstler zum Detektiv: „Pentiment“ im Test

Der eigenwillige Look ist die größte Stärke von „Pentiment“.

Der eigenwillige Look ist die größte Stärke von „Pentiment“.

Ein Spiel von einem US-amerikanischen Entwickler, das im Oberbayern des 16. Jahrhunderts spielt? Dazu auch noch in Form eines äußerst textlastigen Adventures ohne Sprachausgabe und mit einer Story, die sich in drei Akten über einen Zeitraum von 25 Jahren erstreckt? „Pentiment“, das neue Spiel des renommierten Studio Obisidian (bekannt für „Fallout: New Vegas“ und „Pillars of Eternity“), ist auf den ersten Blick wahrlich nichts für die breite Masse. Das will es aber auch gar nicht sein, wie Lead Designer Josh Sawyer in Interviews immer wieder betont. Stattdessen ist „Pentiment“ ein absolutes Leidenschaftsprojekt, von dem Sawyer schon seit zwei Jahrzehnten träumte. Nun ist es endlich fertiggestellt – und erweist sich als sehr spezielles, aber auch höchst interessantes und insbesondere stilsicheres Spiel.

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Gestatten: Andreas Maler. Seines Zeichens Künstler in Ausbildung, der anno 1518 in der Abtei Kiersau, das neben dem kleinen Dorf Tassing liegt, gerade an seinem Meisterstück arbeitet. Der Buchdruck ist schon seit einigen Jahren erfunden, Kiersau ist deshalb einer der letzten Orte, an denen Bücher von den Mönchen noch per Hand reproduziert werden. Baron Rothvogel, ein wohlhabender Gönner der Abtei, hat vor einiger Zeit ein solches Werk in Auftrag gegeben und will sich über den aktuellen Stand der Arbeit informieren, kommt bei seinem Besuch jedoch auf brutale Weise zu Tode. Sofort ist der eigentlich friedliche Bruder Piero, ein enger Freund von Andreas, als mutmaßlicher Mörder ausgemacht. Um ihn zu entlasten, wird Andreas vom Künstler zum Detektiv.

Im Zuge der Ermittlungen steht vor allem eines auf der Tagesordnung: reden.

Im Zuge der Ermittlungen steht vor allem eines auf der Tagesordnung: reden.

Kein Spiel für Lesemuffel

Im Zuge der Ermittlungen steht vor allem eines auf der Tagesordnung: reden. „Pentiment“ besteht zu gut drei Vierteln aus Dialogen mit den Dorf- und Abtei-Bewohnern, und da es keine Vertonung bietet, ist es definitiv kein Spiel für Lesemuffel. Allerdings: Die Texte sind fluffig und überwiegend interessant geschrieben, die Entwickler gehen zudem auf clevere und kreative Weise mit ihnen um. So werden die Sätze von Bauern in einfacher Handschrift dargestellt, während bei gebildeten Figuren wesentlich aufwendigere Schriftarten zum Einsatz kommen und beim örtlichen Buchdrucker die Lettern stilecht in die Sprechblasen gepresst werden.

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Ohnehin ist der eigenwillige Look die größte Stärke von „Pentiment“: Obsidian hat hier eine wunderschöne Synthese aus der damaligen zeitgenössischen Kunst und modernen Elementen erschaffen, alles wirkt rustikal und wie von Hand gezeichnet, die Menüs erscheinen in Form eines aufgeklappten Buches, und je älter und gebrechlicher die Figuren werden, desto mehr verblassen die Farben in ihren Modellen.

Gute Gründe für einen zweiten Durchgang

Denn auch das ist eine Eigenheit von „Pentiment“: Die Geschichte spielt sich in drei Akten über einen Zeitraum von 25 Jahren ab. Auf diese Weise knüpft man umso engere Verbindungen zu den Figuren, begleitet sie auf ihrem Lebensweg und sieht, wie sich anfängliche Entscheidungen auf ihre Zukunft auswirken. Der Rollenspielanteil, für den Obsidian bekannt ist, fällt in „Pentiment“ zwar deutlich kleiner aus, ist aber noch immer vorhanden: Die Spieler entscheidet etwa, welche Fremdsprachen Andreas Maler beherrscht, was ihm das Lesen manch wichtiger Dokument erlaubt oder eben nicht, und treffen immer wieder kleine und große Entscheidungen, die letztlich darüber bestimmen, wer überlebt und wer vor den Henker geführt wird.

Kleine Rätsel und Minispielchen gibt es ebenfalls, allerdings hätten es hier noch deutlich mehr sein können, um das Geschehen weiter aufzulockern. Dass die ein oder andere Dialogoption zu unvorhersehbaren, unerwünschten Resultaten führt, ist ebenfalls nicht optimal, da „Pentiment“ in entscheidenden Momenten gern nur eine Dialogoption bietet. Und auch das Zeitsystem hätte etwas großzügiger sein können, denn für die Ermittlungen bleibt nie genug Zeit, um wirklich allen Hinweisen nachzugehen. Dafür muss dann ein zweiter Durchgang herhalten, für den es dank der Vielzahl an Entscheidungen aber ohnehin genug Gründe gibt.

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„Pentiment“ ist ein anspruchsvolles und bisweilen auch zähes Spiel, aber auch eines mit vielen herausstechenden Qualitäten: Da sind die toll geschriebenen Figuren, der überragende Stil, die historische Authentizität (in den rund 20 Stunden lernt man mehr über das Leben im spätmittelalterlichen Bayern als in einem Jahr Geschichtsunterricht). Vor allem aber ist an jeder Ecke die unbedingte Leidenschaft zu spüren, die in dieses Projekt geflossen ist.

USK: ab 12 Jahren

Plattform: PC, Xbox Series X/S, Xbox One

Entwickler: Obsidian

Publisher: Microsoft

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Release: 15. November 2022

Preis: Ca. 20 Euro, enthalten im Game Pass

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