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Lieferung nach Hause

Carsharing per Fernsteuerung – das besondere Konzept von Elmo

Das Steuer fest in der Hand, aber dennoch etwas unsicher – auf langsamer Fahrt „im“ Nissan über das Außengelände der IST in Toulouse.

Der Mobilitätskongress IST, der in diesem Jahr in Frankreichs Hightech-Hub Toulouse stattfand, ist eine Leistungsschau der unterschiedlichsten Zukunftsmodelle für nachhaltige Transportlösungen. Ein Thema vieler Firmen ist die sogenannte letzte Meile – das Überbrücken von Verkehrslücken zwischen Nahverkehr und/oder Carsharingstationen mit nachhaltigen Methoden. Das Unternehmen Elmo Rent aus Estland, das ein elektrisches Carsharing in Tallinn und Tartu, den beiden Metropolen des Landes, betreibt, arbeitet an einem sehr kundenfreundlichen Konzept. Die Fahrzeuge sollen ihren Weg künftig zum Kunden beziehungsweise zur Kundin finden – per Fernsteuerung.

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Was erst mal nach absurder Science-Fiction klingt, entpuppt sich im Selbstversuch als durchaus praktikables Konzept. Freunde von spannenden Computerracingdramen wie Grand Theft Auto mögen sich beim Anblick der Steuerung des Nissan gleich heimisch fühlen. Ein riesiger geschwungener Monitor, ein Lenkrad, Gas, Bremse – der Traum eines jeden Konsolen-Junkies. Doch hier geht es nicht um realistische Fahranimationen, hier geht es darum, einen Nissan Leaf zu steuern, der ein paar Hundert Meter weiter auf einer großen Freifläche steht.

Im Unterschied zum Computerspiel geht es sehr, sehr langsam zu im Fahrersitz. Denn der Blick aus dem Cockpit fällt nur auf Monitore. Vom Fahrzeug selbst ist naturgemäß nichts zu sehen. Die Elmo-Rent-Mitarbeitenden animieren und motivieren mit kurzen Zwischenrufen wie „Gas geben“, „jetzt scharf links“ oder „Vorsicht, da sind Fußgänger“. Das Hauptproblem ist, dass es hier nicht um eine Simulation geht. Mit einer falschen Reaktion meinerseits könnte ich real Menschen in Gefahr bringen.

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Wie ein Computerspiel – und doch fahrerische Realität. Die Steuerung der ferngelenkten Elmo-Fahrzeuge aus der Messehalle in Toulouse.

Wie ein Computerspiel – und doch fahrerische Realität. Die Steuerung der ferngelenkten Elmo-Fahrzeuge aus der Messehalle in Toulouse.

Zumindest theoretisch, denn für den Fall der Fälle sitzt während der Tests noch ein Elmo-Rent-Kollege auf dem Beifahrersitz, um schlimmstenfalls das Auto anhalten zu können. Ein veritables Fahrschulgefühl stellt sich ein. Mit rauschhaften sechs Stundenkilometern geht es in die Kurve, Tempo 12 km/h fühlt sich anfangs an wie eine verwegene Jagd. Und der Elektro-Leaf folgt exakt den Anweisungen seines Fahrers – sofern der sich nicht zu ängstlich anstellt, falsch reagiert und so mehrfach das Fahrzeug zum Stillstand bringt – zwar nicht durch den Notbremser im Auto selbst, aber durch die Elektronik des Wagens.

Nach ein paar Minuten fühlt sich das Fahren schon besser an, Distanzen auf dem Monitor lassen sich besser abschätzen, das Kurvenverhalten nähert sich langsam dem normalen Fahren an – nur das Tempo, das bleibt, schon aus Sicherheitsgründen, unter 20 km/h. Aber es geht Elmo hier ja auch nicht um die Aufstellung irgendwelcher Bestzeiten, sondern um den Nachweis der Verlässlichkeit ihres Systems. Und verlässlich lässt sich der Leaf in der Tat über den Parcours steuern. Am Ende des Selbstversuchs wird sogar keck rückwärts eingeparkt.

Noch im Juni sollen 20 ferngesteuerte Autos durch Tallinn fahren

Bereits in diesem Monat sollen die ersten 20 Autos ferngesteuert durch Estlands Hauptstadt Tallinn zuckeln. Mit normaler Geschwindigkeit. Die größte Hürde für das Unternehmen liegt bisher noch in der Rechtsprechung, die das autonome Fahren auf öffentlichen Straßen – mit der Ausnahme deutscher Autobahnen bis Tempo 60 im Stau – verbietet. Doch Enn Laansoo, Gründer von Elmo, ist zuversichtlich. „Wir haben ja mit autonomem Fahren nichts zu tun, wir bewegen das Auto mit einem Fahrer, ganz normal. Und das Gesetz schreibt nicht vor, von wo ein Fahrzeuglenker seinen Wagen steuert, er muss bloß stets in der Lage sein, die Kontrolle über das Auto zu gewährleisten.“

Damit das funktioniert, haben Laansoo und seine Mitarbeitenden ein Softwaresystem mit sechs Kameras und 4G-Übertragung entwickelt – drei vorn, eine hinten und je eine an den Außenspiegeln. „Pro Auto“, und das ist die eigentliche Sensation an dem estnischen Produkt, „wird der Einbausatz etwa 3000 Euro kosten“, sagt Laansoo dem RND. „Estland war eines der ersten Länder, das ein flächendeckendes Netz von Ladesäulen installiert hat“, sagt Laansoo. „Aber das System war von Nissan und Mitsubishi – Chademo. Das ist jetzt praktisch nutzlos. Also müssen wir die Infrastruktur wieder entwickeln.“

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Die Mietpreise pro Minute beginnen bei Elmo Rent übrigens bei 9 Cent. Und sie steigen gestaffelt, so liegt der Preis eines Tesla 3 bei 25 Cent die Minute. Ob es Aufschläge für die Lieferung nach Hause geben wird, ist noch nicht klar.

Elmo Rent ist aber in der Lage, mit der größten E-Flotte des Landes für den nötigen Innovationsdruck zu sorgen. Das Unternehmen fährt im kleinen Estland jeden Monat 250.000 Kilometer rein elektrisch. „Allerdings dürfen wir nicht vergessen, dass wir in einer Gegend leben, in der sechs Monate im Jahr recht batteriefeindliches Wetter herrscht“, sagt Laansoo in Bezug auf den nordischen Winter. „Durch draußen Parken verliert die Batterie pro Nacht bisher 20 bis 50 Prozent, wir haben immer noch das Problem, dass viele E-Autos für südliche Gefilde gebaut sind.“

Blick in das verwaiste Cockpit des Nissan Leaf, der aus einer ein paar Hundert Metern entfernten Halle gesteuert wurde.

Blick in das verwaiste Cockpit des Nissan Leaf, der aus einer ein paar Hundert Metern entfernten Halle gesteuert wurde.

Dennoch sind die Esten, deren Unternehmen bereits 2013 von der Regierung gegründet wurde und eines der ersten E-Auto-Sharing-Firmen weltweit war, zuversichtlich, bald auch in Deutschland und Frankreich ins Geschäft zu kommen. Denn auch wenn der individuelle Lieferverkehr vor die eigene Haustüre juristisch betrachtet noch Zukunftsmusik ist, so gibt es bereits ohne vorliegende allgemeine Betriebserlaubnis in der Öffentlichkeit etliche Optionen in der freien Wirtschaft, auf großen Privatgeländen von Unternehmen etwa oder auch in militärischen Einrichtungen.

Vom Praxisbetrieb in Estland bis zu einem Start in Deutschland soll es dann nicht mehr lange dauern, sofern es nach Enn Laansoo geht. „Erste Gespräche mit einem großen deutschen Autohersteller sind bereits angebahnt”, sagt der Este. „Wir hoffen, Ende dieses Jahres in Bezug auf Deutschland mehr sagen zu können.“

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