Die Fibel

Ein Buch der Leidenschaft

Zu diesen Büchern gehört auch die Fibel, das Buch, mit dem man als Kind Lesen und Schreiben gelernt hat und das an die ersten Schuljahre erinnert. Ein Buch, das mit Liebe bedacht ist.
 
"Zur Fibel besteht ein enger emotionaler Kontakt", sagt Gabriele Holzmann von der Grundschulredaktion des Klett Verlages in Leipzig. "Da steckt auch von unserer Seite viel Leidenschaft drin." In der Tat ist die Ausstattung von Fibeln im Vergleich zu zahlreichen anderen Schulbüchern besonders hochwertig. Festeinbände und anspruchsvolle Illustrationen sind die Regel.
 
Doch auch das Bild der Fibel verändert sich – und wurde dem multikulturellen Umfeld der Kinder in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr gerecht. Kinder aus anderen Ländern, ihre Feste, ihre Lebens- und Essensgewohnheiten oder auch ausländische Begrüßungsformeln finden sich in vielen Fibeln wieder. Schließlich soll sie die Lebensrealität der Kinder spiegeln, sodass sie sich mit ihrer Lernwelt identifizieren können.
 
Doch nicht nur inhaltlich, auch unter didaktischen Gesichtspunkten hat sich die Fibel verändert. Hat sie früher ein relativ enges, starres Konzept vorgegeben, wann welcher Buchstabe zu lernen ist, so nehmen moderne Lese- und Schreiblernwerke von diesem klassischen Buchstabenlauf Abschied. "Kinder haben heute innerhalb einer Klasse Entwicklungsunterschiede von bis zu vier Jahren, da macht es wenig Sinn, starre Konzepte aufrechtzuerhalten", sagt Gabriele Holzmann. Immer mehr Lehrer ließen die Kinder deshalb selbst aussuchen, welche Buchstaben sie zuerst lernen möchten, zum Beispiel die ihres Namens.
 
Bereits in den achtziger Jahren ist der sogenannte Fibel-Dadaismus in die Kritik geraten. Typische Texte für Erstklässler sahen damals so aus: "Fara ruft Fu. Ralf ruft Fara. Uta holt Fu." "Es ist eben schwierig, sinnvolle Texte aus nur so wenigen Buchstaben zu bilden", sagt Holzmann. Heute sprechen Grundschulbuchredakteure lieber von Erstlesewerken als von Fibeln. Das klinge nicht so antiquiert. Das neueste Werk von Klett heißt "Zebra"; es handelt sich um einzweiteiliges Werk, Lese- und Sprachbuch. Die dadaistisch anmutenden Elemente, die typisch sind für das Erlernen der Buchstaben und Worte, sind zwar bei Zebra nicht völlig verschwunden, werden aber durch vernünftige Lesetexte ergänzt.
 
Auch die Lehrer der Johanna-Friesen-Schule in Hannovers Oststadt verzichten auf eine Fibel. Sie verwenden stattdessen ein Sprachbuch und viel Kinderliteratur. "Wir binden die Rechtschreibung und Grammatik ein in Lesegeschichten mit aktuellem Bezug, jetzt zum Beispiel alles zum Thema Frühling", sagt Rektorin Monika Schilling.
 
An Möglichkeiten, Lesen und Schreiben zu lernen, mangelt es nicht. An manchen Schulen erstellen sich die Kinder ihr erstes Lernwerk selbst, indem sie etwa Buchstaben aus Zeitungen ausschneiden. Beliebt ist die Silbenmethode: Die Kinder zerlegen zum besseren Verständnis die Worte in Silben wie Eu-ro. Oder sie lernen die Laut-Buchstaben-Zuordnung über eine "Anlauttabelle".

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Diese zeigt das Alphabet und typische Laute und ordnet ihnen Bilder zu, zum Beispiel einen Apfel für das A oder ein Auto für Au. Bekannt ist auch die Methode „Lesen durch Schreiben“ von Jürgen Reiche, die die Freude am Schreiben und die Kreativität der Kinder in den Vordergrund rückt. Das Lesen ist bei dieser Methode eine Art Begleitprodukt. Die Fibel weckt seit Generationen Emotionen – Fu und Fara auch. Doch Lesen und Schreiben lernen Grundschüler mittlerweile auf vielen Wegen.

von Julia Pennigsdorf

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