Einsatz Tag und Nacht

Die „Feuerwehr-Pflegerin“: Wie schafft sie es, anderen rund um die Uhr zu helfen?

Anna-Christiana Dunkel arbeitet als Pflegedienstleiterin im Seniorenquartier Heiligenhafen (links). Nach Feierabend engagiert sie sich in der Freiwilligen Feuerwehr Lensahnerhof.

Lensahn. Der schrille Alarm des Funkmelders reißt Anna-Christiana Dunkel aus dem Schlaf. Es ist 23.30 Uhr. Mülltonnen brennen in der Eutiner Straße in Lensahn, einer 5000 Einwohner großen Gemeinde im östlichen Winkel Schleswig-Holsteins nahe der Ostsee. Für die 29‑Jährige ist es ein Routineeinsatz: Brände wie dieser sind der häufigste Grund, warum sie und ihre Kameradinnen und Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr Lensahnerhof ausrücken müssen.

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Ein solcher Einsatz mitten in der Nacht kommt jedoch nur sehr selten vor. In diesem Jahr ist es der erste. Entsprechend nervös ist Dunkel, als sie sich in dieser Januarnacht auf den Weg zur Wache macht. Aufregung gehöre dazu, berichtet sie später. Schließlich wisse man nie, was einen vor Ort erwartet. Wie groß ist der Brand? Wie hoch ist der bereits entstandene Schaden? Sind Menschen in Gefahr – oder sogar die Feuerwehrleute selbst, wenn sie sich den Flammen nähern?

Auf der Wache zieht sie schnell ihre dunkelblaue Uniform an und setzt einen Helm auf, der ihre brustlangen blonden Haare bedeckt. Mit dem Löschfahrzeug geht es zum Einsatzort, dem Gelände des Jugendhilfehauses Ostholstein. Gerade einmal zwei Minuten Fahrzeit von der Feuerwehrwache entfernt. Als sie dort eintrifft, sind es nicht nur Mülltonnen, die sie in Brand stehen sieht. Der Wind hat das Feuer so stark angefacht, dass es auf die Holz­verkleidung und den Dachstuhl des leer stehenden Jugendhilfehauses übergesprungen ist.

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Feuerwehrfrau bei Nacht, Pflegedienstleiterin am Tag

Rund 70 Feuerwehrleute aus den umliegenden Gemeinden kämpfen in dieser Nacht darum, dass der Funkenflug nicht benachbarte Gebäude in Brand setzt. Für Dunkel, die die ganze Zeit ein Atemschutzgerät trägt, wird es ein Einsatz bis in die frühen Morgenstunden. Um 6.30 Uhr sei sie wieder zu Hause gewesen. Keine Zeit mehr, zu schlafen. „Ich habe nur noch schnell geduscht, etwas gegessen und bin dann ins Seniorenquartier gefahren“, sagt sie.

Denn bei der Feuerwehr ist die junge Frau nur ehrenamtlich tätig, ihr Geld verdient sie als Pflegedienstleiterin im Seniorenquartier Heiligenhafen, ein Haus der Emvia Living Gruppe. Dienstbeginn: 7.30 Uhr.

Auch dort braucht Dunkel volle Konzentration – an diesem Tag, nach einer siebenstündigen Feuerwehrnachtschicht, ein rares Gut. Sie muss Dienstpläne erstellen und überarbeiten, die Qualität der Pflege kontrollieren, beantwortet Fragen von Angehörigen, führt Beratungs­gespräche, leitet die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an, schaut bei Bewohnerinnen und Bewohnern vorbei. „Wenn die Hütte brennt, springe ich auch bei der Pflege mit ein, mache Frühdienst und Nachtschichten“, erzählt sie.

Dunkel ist eine von zwei Frauen im Feuerwehrtrupp

Anderen Menschen zu helfen liegt ihr einfach im Blut, wie sie selbst sagt. Mit 15 Jahren macht Dunkel ein Praktikum im örtlichen Pflegeheim – mehr aus wahllosem Interesse als aus emsigem Streben nach ihrem Traumberuf. „Ich wusste überhaupt nicht, was ich machen wollte von Beruf.“ Ihre Klassenkameradinnen wollen Kinder betreuen, Dunkel weiß von vornherein, dass das nichts für sie ist. Ihr gefällt stattdessen die Arbeit mit den Seniorinnen und Senioren – und ihr ist schnell klar: Das ist es, was sie zukünftig machen will. Älteren Menschen zur Seite stehen, ihnen bei alltäglichen Herausforderungen unter die Arme greifen, sie bis zum Schluss begleiten. „Keiner soll alleine sterben.“

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Mit 17 Jahren entdeckt sie dann die Feuerwehr für sich. Es sind ihr Vater und ihr Bruder, die sie zu einer Mitgliedschaft bei der Freiwilligen Feuerwehr Lensahnerhof überreden. Beide sind selbst aktive Mitglieder im Feuerwehrtrupp. Dunkel wird eine von zwei Frauen der 16‑köpfigen Kameradschaft. Sie macht Ausbildungen in Atemschutz, Sprechfunk und Truppführung, ist ein Jahr als Kassenwartin tätig, wird später Schriftführerin.

Seniorenquartier ist „das etwas andere Altenheim“

Immer wieder muss sie den Spagat zwischen Feuerwehr und Pflege meistern. Ihre Ausbildung in der Altenpflege vor zwölf Jahren gelingt noch problemlos, bei der Weiterbildung zur Pflegedienstleitung ist dann der Prüfungsstress zu groß. Die Feuerwehr muss ein Jahr pausieren. Der berufliche Werdegang geht vor. Denn auch für die Pflege schlägt ihr Herz. Wenn sie so darüber nachdenke, vielleicht sogar etwas höher und schneller als für die Feuerwehr.

Die Arbeit mit älteren Menschen ist einfach bereichernd. Sie geben einem so viel zurück.

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Dafür nimmt sie auch Wochenend- und Feiertagsschichten in Kauf. „Das gehört einfach dazu“, sagt Dunkel nüchtern. „Und die Arbeit mit älteren Menschen ist einfach bereichernd. Sie geben einem so viel zurück.“ Das Seniorenquartier Heiligenhafen nennt sie liebevoll „das etwas andere Altenheim“. Dort kennen sich viele Bewohnerinnen und Bewohnern schon aus Kindertagen („Heiligenhafen ist quasi ein Dorf“), feiern gemeinsame Feste und bekamen zuletzt sogar eine Modenschau vorgeführt. „Wir sind wie eine Familie“, erklärt die Pflege­dienstleiterin. Und in einer Familie hilft man sich bekanntlich.

Pflege und Feuerwehr kämpfen um Nachwuchs

Dass die Altenpflege der richtige Beruf für sie ist, merkt die 29‑Jährige auch, als sie sich um ihre eigenen Großeltern kümmern muss. Sie sind wie ihre Ersatzeltern, wohnen direkt neben Dunkels Elternhaus. Fast jeden Tag ist sie bei ihnen. „Ich bin bei meinen Großeltern irgendwie auch mit groß geworden.“ Als diese pflegebedürftig werden, übernimmt sie die Versorgung. Sie stellt Tabletten, legt Kompressionsverbände an. „Da habe ich gemerkt, das ist mir wahnsinnig wichtig. Und das ist auch ein schönes Gefühl, helfen zu können“, sagt sie.

Dunkel hat in der Altenpflege Erfüllung gefunden. Wenn sie über ihre Arbeit im Seniorenquartier spricht, stiehlt sich regelmäßig ein schmales Lächeln in ihr Gesicht. „Man steht öfter mal da und hat Tränen in den Augen, weil es einfach schön ist“, erklärt sie. Sie würde sich wünschen, dass noch mehr junge Menschen den Pflegeberuf für sich entdecken. Denn zurzeit gibt es einen erheblichen Personal- und Nachwuchsmangel. Problem seien die Arbeitsbedingungen, meint Dunkel. Sie seien nicht attraktiv genug.

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Ähnlich schlecht stehe es um den Feuerwehrnachwuchs: „Die Jugendlichen haben einfach keine Lust.“ Schon in der Schule sollte deshalb auf die Arbeit der Feuerwehr aufmerksam gemacht werden, schlägt Dunkel vor. „Vielen Leuten ist nicht bewusst, was die Feuerwehr alles macht.“ Dazu gehöre nicht nur retten, löschen, schützen, bergen. Man könne sich weiterbilden, Lehrgänge absolvieren. Sie selbst hat noch keine Kinder, die sie für die Feuerwehr begeistern könnte. Aber wenn, dann werde sich schon ein Weg finden, um diese für das Ehrenamt zu motivieren, sagt sie mit einem Augenzwinkern.

Feuerwehr ist Dunkels „Ruhepol“

Für die junge Frau ist es vor allem die Kameradschaft, die sie an der Feuerwehr begeistert. „Meine Kameraden sind eigentlich auch wie eine zweite Familie“, sagt sie. Die Feuerwehr sei ihr „Ruhepol“ in stressigen Zeiten. Jeden ersten Freitag und dritten Mittwoch im Monat ist sie abends im Dienst. „Natürlich denkt man sich manchmal ‚Oh, heute Abend noch Dienst. Eigentlich würde ich lieber auf dem Sofa bleiben‘, aber man fährt dann trotzdem hin, weil man weiß, die Kameraden sind da.“ Auch bei den Einsätzen könne sie sich blind auf ihre Kolleginnen und Kollegen verlassen.

Es ist dieses Miteinander, das Dunkel an der Feuerwehr festhalten lässt. Noch nie habe sie daran gedacht, ihren Kameradinnen und Kameraden den Rücken zuzukehren, um sich voll und ganz auf die Pflege zu konzentrieren. Sie will diesen beruflichen und privaten Spagat beibehalten. Aber funktioniert das auf Dauer? Auch in ein paar Jahren noch zu nächtlichen Feuerwehreinsätzen auszurücken und am nächsten Morgen pünktlich im Seniorenquartier zu arbeiten? Ihre Antwort ist kurz und direkt: „Ja.“

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