„Wir befinden uns in einem Wettlauf gegen die Zeit“

Durch Corona: Expertenkommission warnt vor „Krebsepidemie“ in Europa

Eine Krankenpflegerin in Schutzkleidung im Krankenzimmer auf einer Intensivstation. Aktuell werden im Kreis Segeberg 17 Menschen im Krankenhaus behandelt, einer davon intensiv.

Die hohe Belastung der Krankenhäuser, vor allem zu Beginn der Corona-Pandemie, hat sich nachteilig auf die Versorgung von Krebspatientinnen und Krebspatienten ausgewirkt.

Schätzungsweise eine Million Krebsfälle in Europa könnten in den vergangenen zwei Jahren unentdeckt geblieben sein. Ursächlich dafür war die Corona-Pandemie. Davon gehen zumindest 47 Fachleute aus, die sich zu einer neuen „Lancet Oncology Commission“ zusammengeschlossen haben. In ihrem ersten Bericht, der Dienstagnacht in besagtem Fachmagazin veröffentlicht wurde, warnen sie, dass die Pandemie die Erfolge gegen Krebs um fast ein Jahrzehnt zurückwerfen könnte. Schon bevor sich das Coronavirus ausbreitete, war Krebs eine der Haupttodesursachen weltweit.

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„Wir befinden uns in einem Wettlauf gegen die Zeit, um diese unentdeckten Krebsfälle zu finden“, sagte der Kommissionsvorsitzende, Mark Lawler von der Queen’s University Belfast. Dass Labore im Zuge der Pandemie schließen mussten und sich klinische Studien verzögerten, habe zudem die Forschung zu Krebs stark beeinträchtigt. „Wir befürchten, dass Europa im nächsten Jahrzehnt auf eine Krebsepidemie zusteuert, wenn den Gesundheitssystemen für Krebs und der Krebsforschung nicht dringend Priorität eingeräumt wird.“

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Operationen verschoben, Vorsorgemaßnahmen nicht wahrgenommen

Die Zahlen, die die Kommission in ihrem Bericht nennt, sind alarmierend. Allein im ersten Jahr der Pandemie seien ein bis fünf Millionen Krebspatientinnen und Krebspatienten weniger behandelt worden. Jeder zweite Erkrankte sei nicht rechtzeitig operiert oder chemotherapiert worden. Grund dafür dürfte die hohe Auslastung der Krankenhäuser gewesen sein. Gerade zu Beginn der Pandemie entwickelten viele Corona-Infizierte, vor allem Ältere, schwere Krankheitsverläufe, sodass sie in den Kliniken versorgt werden mussten. Das brachte viele Einrichtungen an ihre Grenzen, es gab Kapazitäts- und Bettenengpässe, planbare Operationen mussten vielerorts verschoben werden – zum Leidwesen von Krebskranken.

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Die Situation müsse jedoch länderspezifisch betrachtet werden, merkte Thomas Seufferlein im Gespräch mit dem RND an. Er ist ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin am Universitätsklinikum Ulm und Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG). „In Deutschland sind wir verhältnismäßig gut durch die Pandemie gekommen, deshalb war die Versorgungslage hierzulande auch weniger dramatisch als andernorts. Wir hatten auch Einbrüche bei den Tumoroperationen zu den Gipfeln der Pandemie, einiges konnte aber aufgeholt werden.“ Dennoch sieht auch er die Gefahr, dass die Zahl der Menschen, die unter Krebs leiden, künftig weiter steigen könnte. Denn die Gesellschaft werde immer älter, und im Alter ist das Krebsrisiko generell größer.

Erschwerend hinzu kommt noch, dass auch die Krebsfrüherkennung unter der Pandemie gelitten hat. Circa 100 Millionen präventive Untersuchungen seien nach Angaben der Kommission versäumt worden. „Wir können im Moment noch nicht abschätzen, wie stark sich das auswirken wird“, sagte Seufferlein. „Aber es wird sich auswirken.“ Auch er hat beobachtet, dass Patientinnen und Patienten in den vergangenen beiden Jahren Vorsorgeuntersuchungen nicht wahrgenommen haben.

Forschungsinvestitionen sind zu gering

Dabei sind die Heilungschancen bei Krebs umso größer, je eher bösartige Tumore entdeckt werden. „Wir brauchen mehr Forschung, um zu verstehen, warum die Menschen in Europa nicht an Krebsfrüherkennungsprogrammen teilnehmen“, sagte Kommissionsmitglied Anna Schmutz von der französischen International Agency for Research on Cancer. Dafür brauchte es auch mehr finanzielle Mittel. Die Krebspräventionsforschung werde noch nicht so gefördert, wie sie es verdient, argumentiert die Kommission.

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Doch das Problem der Finanzierung reicht noch weiter: Laut des Kommissionsberichts beliefen sich die Investitionen in die europäische Krebsforschung in den Jahren 2010 bis 2019 auf etwa 20 bis 22 Milliarden Euro – ohne die Beiträge des privaten Sektors wie der pharmazeutischen Industrie. Das entspricht einem Anteil von 26 Euro pro Kopf. Zum Vergleich: In den USA sind die Investitionen wesentlich höher. Dort sind es 234 Euro pro Kopf. Deshalb fordern die Expertinnen und Experten, das europäische Krebsforschungsbudget auf 50 Euro pro Kopf bis 2030 zu verdoppeln.

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Was die Kommission noch fordert

Doch das ist nicht die einzige Forderung der Kommission. Gleich zwölf Ziele finden sich in ihrem Bericht – darunter:

  • Die Forschungsaktivitäten bis 2024 verdoppeln. Während in den vergangenen Jahren in Westeuropa kontinuierlich neue Studien zum Thema Krebs veröffentlicht wurden, stagniert die Forschungsarbeit in osteuropäischen Ländern geradezu.

Der Krieg Russlands gegen die Ukraine dürfte die Situation noch weiter verschärfen. Zumal beide Länder zu den weltweit größten Beitragszahlern zur klinischen Krebsforschung gehören. An vielen ukrainischen klinischen Krebsstudien seien Krebszentren in mittel- und osteuropäischen Ländern beteiligt, heißt es im Bericht der Kommission. Wegen der kritischen Lage im Land könnten sich diese Studien nun verzögern oder gar nicht erst durchgeführt werden. „Während über die russische Invasion in der Ukraine viel berichtet wurde, blieben die tiefgreifenden und anhaltenden Auswirkungen auf die klinische Krebsforschung weitgehend unerwähnt“, sagte Andreas Charalambous, Präsident der Europäischen Krebsorganisation.

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  • Großbritannien an der europäischen Krebsforschung beteiligen. Die Auswirkungen des Brexit, mit dem sich das Vereinigte Königreich von Europa distanziert hat, müssten abgefedert werden, erklärt die Kommission. Das bedeutet auch, die Zusammenarbeit mit den europäischen Partnern aufrechtzuerhalten. Wenn dies nicht geschieht, würden letzten Endes die Krebspatientinnen und Krebspatienten den Preis dafür zahlen, sagte Lawler.
  • Die Geschlechtergleichstellung in der Krebsforschung fördern. Nur 33 Prozent der Krebsforschenden seien zurzeit weiblich, hält der Kommissionsbericht fest. Bis 2027 müsse die Rate auf 45 Prozent erhöht werden.
  • Krebszentren zur Forschung und Therapie einrichten. Nach Angaben der Deutschen Krebsgesellschaft gibt es in Europa mehr als 1700 zertifizierte Krebszentren. Wo sich diese befinden, lässt sich auf der sogenannten „OncoMap“ einsehen.
  • Ein Daten-Dashboard bis 2023 erstellen, um die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Krebs genauer nachzuverfolgen.
  • Einen „European Cancer Survivorship Research Plan“ bis 2023 erarbeiten. Ziel ist es, die Überlebenschancen der Krebspatientinnen und Krebspatienten zu steigern. Egal, wo sie leben, müssten sie von den Forschungsfortschritten profitieren, fordert die Kommission.

DKG-Chef: Überlebenschance lässt sich steigern

„Wir haben die einmalige Chance, die Krebsforschung und ihre Umsetzung neu zu gestalten, um unsere 70:35-Vision zu erreichen“, sagte Kommissionsvorsitzender Lawler. 70:35-Vision bedeutet: Bis 2035 sollen 70 Prozent der Krebspatientinnen und Krebspatienten in Europa eine 10-Jahres-Überlebensrate haben.

Das ist ein relativ ehrgeiziges Ziel. Zwar ist die Überlebensrate in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegen, allerdings gibt es nicht bei allen Krebsarten derartige Fortschritte. Zurzeit würde ungefähr die Hälfte aller Krebspatientinnen und Krebspatienten zehn Jahre oder länger leben, heißt es in einer Bekanntmachung des Bundesministeriums für Forschung und Bildung von Juni dieses Jahres.

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DKG-Präsident Seufferlein hält es durchaus für realistisch, dass die Überlebensrate in fortgeschrittenen Tumorstadien weiter steigen wird. Therapien seien zunehmend personalisiert, es gebe mehr individuelle Tumorsequenzierungen und Tumorcharakterisierungen. „Wir haben bereits jetzt für einige und in Zukunft noch für viel mehr Patientinnen und Patienten nebenwirkungsärmere und deutlich effektivere Therapien“, sagte der Mediziner. „Das wird sich positiv auf die Überlebensrate auswirken.“

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