Astrazeneca: Was ist aus dem „Impfstoff für die ganze Welt“ geworden?

Der Astrazeneca-Impfstoff wird in 178 Ländern verabreicht – doch in seinem Herkunftland kommt er kaum noch zum Einsatz.

Der Astrazeneca-Impfstoff wird in 178 Ländern verabreicht – doch in seinem Herkunftland kommt er kaum noch zum Einsatz.

Das Vereinigte Königreich war weltweit das erste Land, das den Impfstoff gegen Covid-19 von Astazeneca zuließ. Die Britinnen und Briten feierten Ende 2020 „ihr“ Vakzin aus heimischer Produktion, das Präparat eines britisch-schwedischen Herstellers. Mehr als ein Jahr später ist knapp die Hälfte der Bevölkerung des Inselstaates zweifach mit dem Vakzin geimpft. Jedoch nutzt die britische Gesundheitsbehörde National Health Service (NHS) den Impfstoff kaum noch: Von bislang 37 Millionen geboosterten Menschen erhielten nur 48.000 das Astrazeneca-Vakzin.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Auch in der Europäischen Union (EU), die den Impfstoff Ende Januar 2021 zugelassen hatte, wird das Vakzin namens Vaxzevria schon seit Monaten so gut wie gar nicht mehr verimpft. Zwar sind laut der von der Universität Oxford betriebenen Website „Our World in Data“ über 67 Millionen Dosen in der EU verabreicht worden. Jedoch kommt das Vakzin unter anderem in Deutschland seit Dezember nicht mehr zum Einsatz, in den USA wurde das Präparat erst gar nicht zugelassen. Dabei war es das Ziel von Astrazeneca und der Universität Oxford, die das Vakzin mitentwickelte, „einen Impfstoff für die ganze Welt herzustellen“. Das betonte Sarah Gilbert von der Oxford-Uni noch stolz im Dezember 2020. Stattdessen ist Vaxzevria seit seiner Zulassung in Europa Monat für Monat weiter in Verruf geraten.

Astrazeneca-Entwickler kritisiert EU: „Haben Ruf des Impfstoffs geschädigt“

Klar ist: Viele Ereignisse führten dazu, dass die Akzeptanz des Impfstoffs immer weiter sank. Im Vereinigten Königreich ist aufgrund einer aktuellen Dokumentation der „BBC“ eine Diskussion über die vielseitigen Gründe der Abkehr von Vaxzevria in westlichen Ländern entstanden. Der Oxford-Universitätsprofessor John Bell, der das Vakzin mitentwickelte, kritisierte dabei die Entscheidungsträger in der EU scharf: „Sie haben den Ruf des Impfstoffes in einer Art und Weise geschädigt, dass es auch in der restlichen Welt Nachklang hatte“, sagte er in der „BBC“-Doku.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Die ersten Kontroversen rund um den Impfstoff entstanden bereits vor dessen Zulassung in der EU. So empfahl die Ständige Impfkommission (Stiko) das Vakzin in Deutschland im Januar 2021 zunächst nur für unter 65-Jährige, weil zur Beurteilung der Impfeffektivität ab 65 Jahren keine ausreichenden Daten vorlagen. Das Problem: Zu dieser Zeit war diese Altersgruppe, für die das Vakzin infrage kam, im Allgemeinen noch gar nicht dran in der Impfreihenfolge. Im Nachbarland Frankreich sprach der Präsident Emmanuel Macron gar davon, dass der Impfstoff bei über 65-Jährigen „quasi unwirksam“ sei – eine Aussage, die sich nicht bewahrheitete.

Empfehlungen, Wirksamkeit, Lieferstreit: Hin und Her zwischen Astrazeneca und der EU

Erst im März durften auch über 65-Jährige das Vakzin erhalten – doch dann wurden die Impfungen mit Vaxzevria wenig später vom Paul-Ehrlich-Institut (PEI) für alle Menschen gestoppt. Auch andere Länder wie Frankreich, Italien und Österreich setzten die Impfungen zeitweise aus. Der Grund waren Fälle von sehr seltenen, aber gefährlichen Hirnvenen-Thrombosen im Zusammenhang mit der Impfung. Das Risiko war insgesamt denkbar gering, jedoch bei Menschen unter 60 Jahren erhöht. Folglich änderte die Stiko Ende März erneut ihre Empfehlung: Der Astrazeneca-Impfstoff sollte nur noch an Menschen über 60 Jahren verabreicht werden.

Zu diesem Zeitpunkt hatte der Corona-Impfstoff von Astrazeneca in Deutschland schon längst keinen guten Ruf mehr. Das lag nicht zuletzt auch daran, weil er Studien zufolge eine geringere Wirksamkeit als die zuvor zugelassenen mRNA-Vakzine von Biontech/Pfizer und Moderna aufwies. Dabei haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler immer wieder betont, dass Astrazeneca kein „Impfstoff zweiter Klasse“ ist. Auch das PEI betonte im März, dass es sich um einen wirksamen und sicheren Impfstoff handele.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Doch das Hin und Her bei den Empfehlungen sowie die Diskussionen um die Wirksamkeit und gefährliche Nebenwirkungen hatten bereits einen erheblichen negativen Einfluss auf die Akzeptanz des Impfstoffs in der EU. Hinzu kam ein Streit zwischen der EU und Astrazeneca über die Liefermengen: Die EU kritisierte den Pharmakonzern, weil im ersten Quartal des vergangenen Jahres nicht die vereinbarte Menge an Impfdosen geliefert wurde. Der Streit zog sich immer weiter in die Länge, es folgten viele Monate mit Rechtsstreitigkeiten, ehe die EU und Astrazeneca im September eine Einigung erzielten.

Astrazeneca als „britische Erfolgsgeschichte“: Wissenschaftler bemängelt „zu viel Nationalismus“

Doch das schwierige Verhältnis zwischen der EU und Astrazeneca ist nicht allein darauf zurückzuführen. Das betont Adrian Hill, Direktor des Jenner-Instituts an der Universität von Oxford, wo der Impfstoff hergestellt wurde: „Es gab zu viel Nationalismus“, sagte er in der „BBC“-Doku. Tatsächlich wurde das Vakzin anfangs als „britische Erfolgsgeschichte“ gefeiert – schließlich wurde der Impfstoff in weniger als zwölf Monaten entwickelt und an die Bevölkerung verteilt. Die britische Regierung zog es laut „BBC“ sogar in Erwägung, die britische Flagge – besser bekannt als „Union Jack“ – auf den Impfstoffspritzen zu platzieren.

Doch das wollten die Oxford-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler laut Hill nicht. Denn es handele sich um ein Virus, dass die ganze Welt betrifft – und ihr Ziel sei es gewesen, der ganzen Welt mit dem Vakzin im Kampf gegen Corona zu helfen. Doch der Nationalismus der Britinnen und Briten habe dazu geführt, dass ein Wettbewerb zwischen verschiedenen Impfstofftypen und Ländern entstand. „Das ist das letzte, was man beim Versuch, die Pandemie unter Kontrolle zu halten und die Welt mit Impfstoffen zu versorgen, haben will“, sagte Hill.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

„Ein Impfstoff für die ganze Welt“: Vaxzevria kommt weltweit zum Einsatz

Inzwischen haben Deutschland und weitere EU-Länder ihre übrigen Astrazeneca-Bestände an die Impfstoffinitiative Covax der Weltgesundheitsorganisation (WHO) übergeben. Damit wurden viele Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen mit Vaxzevria-Impfdosen versorgt. Tatsächlich ist das Präparat von Astrazeneca/Oxford trotz seines Scheiterns in der EU noch immer der Covid-19-Impfstoff, der in den meisten Ländern der Welt zum Einsatz kommt. Laut „Our World in Data“ wird das Vakzin in 178 Ländern verabreicht. Auf Platz zwei befindet sich der Impfstoff von Biontech/Pfizer, der in 146 Ländern verimpft wird. Bei dieser Statistik werden allerdings nur Länder berücksichtigt, bei denen die Anzahl der verabreichten Impfdosen bekannt ist.

Aktuell will der Pharmakonzern seinen Impfstoff an die neue Omikron-Variante anpassen. Außerdem empfiehlt der britisch-schwedische Hersteller sein Vakzin als Booster, bislang jedoch mit wenig Erfolg. Astrazeneca und die Oxford-Uni haben angesichts des Einsatzes in vielen Ländern aber immerhin nicht ihr Ziel verfehlt, „einen Impfstoff für die ganze Welt herzustellen“ – selbst wenn das Vakzin inzwischen kaum noch im eigenen Herkunftsland verimpft wird.

Der wissenschaftliche und politische Streit zwischen der EU und Astrazeneca und der dadurch geschädigte Ruf des Impfstoffes hat jedoch nach Ansicht von John Bell vielen Menschen das Leben gekostet, die ohne Impfung an oder mit Covid-19 gestorben sind. „Ich glaube, dass das schlechte Verhalten von Wissenschaftlern und Politikern wahrscheinlich Hunderttausende Menschen getötet hat – und darauf können sie nicht stolz sein“, sagte er.

Mehr aus Gesundheit regional

 
 
 
 
 
Anzeige
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen

 
 
 
 
 
 
 
 
 

Spiele entdecken