Virologe Drosten hält Lockerungen frühestens nach Ostern für realistisch

Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité Berlin, äußert sich in der Bundes­presse­konferenz zur aktuellen Corona-Lage.

Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité Berlin, äußert sich in der Bundes­presse­konferenz zur aktuellen Corona-Lage.

Dass es in Deutschland zeitnah nennenswerte Lockerungen der Corona-Maßnahmen wie in England oder Dänemark gibt, hält Christian Drosten für unwahrscheinlich – und unklug. „Es gibt eine Sache, die sich nicht verändert hat: Und das ist die Impflücke in Deutschland“, sagt der Virologe am Dienstag in der neuen Folge des NDR-Podcasts „Das Coronavirus-Update“. Der Experte blickt gen Ostern, in diesem Jahr fallen die Feiertage auf Mitte April. Dann werde es allmählich wärmer, und durch die Osterferien würden „Übertragungs­netzwerke“ in den Schulen durchbrochen. Außerdem sei um Ostern herum wahrscheinlich der neue, aufgefrischte Omikron-Impfstoff einsatzbereit.

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Besonders problematisch an der Impflücke: Bei den über 60-Jährigen sei noch gut jeder Zehnte ungeimpft. Momentan sei das Virus in dieser Altersgruppe zwar verhältnismäßig wenig vertreten – aber was nicht ist, könne noch werden. „Das Virus hat noch ein bis zwei Wintermonate Zeit, sich in die höheren Altersgruppen vorzuarbeiten. Und das wird es tun“, gibt Drosten zu bedenken.

Was BA.2 unter der Motorhaube hat

Ebenfalls Thema im Podcast: die Omikron-Subtypen BA.1 und BA.2. Um zu erklären, wie sie zueinander im Verhältnis stehen, wagt sich Drosten wieder auf die Straße. „Der eine Mercedes sieht ganz spießig aus, und der andere Mercedes hat Spoiler dran – aber es ist immer noch der gleiche Mercedes und das gleiche Modell. So ungefähr“, sagt der Virologe. Nun komme es eben darauf an, was unter der Motorhaube zu finden sei.

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Um eine „Omikron-Familie“ handele es sich bei den Varianten BA.1 und BA.2 nicht: „Der Begriff ist komplett falsch. Man sollte ihn auf keinen Fall benutzen.“ Und was verrät der Blick unter die Motorhaube? Erste Studien, darunter eine aus Dänemark, suggerierten, dass BA.2 leichter übertragbar sei. Um beim Bild des Autos zu bleiben: Es habe ein paar mehr PS vorzuweisen. Dass es schwerer krank machen könnte, dafür gebe es aktuell keine Hinweise. BA.1 dagegen könnte der Immun­antwort des Körpers wahrscheinlich leichter ausweichen. Deshalb verbreite sich die Variante wohl so schnell.

Omikron-Infektion als Ungeimpfter? Schlechte Idee

Allerdings: Für ungeimpfte Personen, die sich mittels einer Omikron-Infektion immunisieren wollen, hat Drosten schlechte Nachrichten. Denn Omikron sei im Gegensatz zu Alpha oder Delta ein neuer Serotyp. Die Konsequenz: Eine Infektion mit Omikron biete ohne eine Grund­immunisierung mittels Impfung so gut wie keinen nennenswerten Schutz gegen Delta und die anderen bekannten Varianten. Andersherum führe die vollständige Impfung aber zu einer Grundimmunität, die auch einer schweren Omikron-Infektion gut vorbeuge.

Drosten zitiert in diesem Kontext aus einem Interview, das das Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND) Anfang des Jahres mit Karl Lauterbach geführt hat. Darin sagte der Bundes­gesundheits­minister: „Omikron als schmutzige Impfung ist keine Alternative zur Impfpflicht.“

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Drosten und die PCR-Test-Kapazitäten

Auch zur Berichterstattung über die PCR-Test-Kapazitäten äußert der Virologe sich. Für die Labore sei es wirtschaftlich nicht rentabel, nun die Kapazitäten aufzustocken wegen eines „kurzen Inzidenzpeaks“ von vielleicht zwei Monaten. Das sei „unvernünftig“. Es gebe andere Möglichkeiten, an valide Daten zu kommen, die das Robert Koch-Institut auch ausschöpfe. Testen, um Infektionsketten nachzuverfolgen, habe im Endeffekt nicht funktioniert, weil sich das Virus so schnell verbreite. Das müsse man sich eingestehen.

PCR-Tests als Indikator, wie und wo das Virus in der Bevölkerung gerade zirkuliere, funktionerten dagegen schon. Sie seien aber nicht mehr zwingend notwendig. „Das können wir auch einfacher haben, indem wir die Surveillancesysteme nutzen, die in Kraft sind“, sagt Drosten. Antigenschnelltests seien dagegen im Privaten noch sehr relevant – für die tägliche Entscheidungs­findung, etwa, um Großeltern nicht versehentlich anzustecken.

Schleimhautimmunität aufbauen

Wie sich das Coronavirus bis zum Herbst dieses Jahres entwickele, sei immer auch mit Spekulation verbunden. „Evolution kann man nur bedingt vorhersagen“, erklärt der Experte. Ist bis dahin das Entstehen eines dritten Serotyps möglich? Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Allerdings bewege sich die Bevölkerungsimmunität in eine Richtung. „Sie wird immer besser.“

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Je mehr Menschen eine sogenannte Schleimhaut­immunität aufbauten, desto schlechter übertrage sich das Virus. Diese baue man auf, indem man dreimal geimpft, also vollständig immunisiert ist und das Virus dann irgendwann als normale Infektion durchmacht.

Vor allem komme es aber darauf an, spätestens bis zum kommenden Herbst die Impflücke zu schließen. Also, dass sich möglichst viele Menschen, die noch kein Vakzin gegen das Coronavirus verabreicht bekommen haben, impfen lassen. Das lässt Interviewerin Korinna Hennig nicht unkommentiert: „Kommt mir so vor, als hätte ich das schon einmal gehört im vergangenen Jahr. Aber die Hoffnung stirbt ja zuletzt.“

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