„Deltacron“: Wie wahrscheinlich sind Rekombinationen von Corona-Varianten – und wie gefährlich?

Das Corona-Virus verändert den Alltag. Experten erklären, wie man mit den meisten Herausforderungen nun umgeht.

In Corona-Proben hatten Forschende aus Japan ein neue Virusvariante entdeckt, bestehend aus Erbgutbestandteilen von Delta und Alpha.

Die Virusvariante Omikron verdrängt ihre Vorgängerin Delta zunehmend. Das Robert Koch-Institut (RKI) gibt den Anteil von Omikron an den bundesweiten positiven Corona-Proben in seinem aktuellen Wochenbericht mit 89,3 Prozent an; bei Delta sind es nur noch 10 Prozent. Deutschland ist also gerade in einer Pandemiephase, in der unterschiedliche Virusvarianten zeitgleich in der Bevölkerung zirkulieren. Sogar Infektionen mit der Variante Alpha verzeichnet das RKI noch ab und an. Ihr Anteil lag aber zuletzt bei gerade einmal 0,1 Prozent.

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Dass sich mehrere Corona-Varianten gleichzeitig ausbreiten, beeinflusst nicht nur die Dynamik des Infektionsgeschehens, sondern kann auch für die Evolution des Coronavirus eine Rolle spielen. Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Berliner Charité, sieht etwa die Gefahr, dass es zu einer Rekombination kommen könnte. Es sei möglich, dass sich Genome der Varianten Omikron und Delta zusammentun, gab er am Wochenende in einem Interview mit dem Deutschlandfunk zu bedenken. Eine solche sogenannte rekombinante Viruslinie könne beispielsweise das Spike-Protein vom Omikron-Virus tragen, „um weiterhin diesen Immunvorteil zu genießen, aber den Rest des Genoms vom Delta-Virus“ haben. Somit würden „aus beiden Serotypen dann die stärksten Eigenschaften zusammenkommen“.

Doch wie wahrscheinlich ist eine solche Rekombination unterschiedlicher Virusvarianten? Und was würde sie für den weiteren Verlauf der Pandemie bedeuten?

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Rekombination ist ein „Zufallsereignis“

Eine Rekombination ist zunächst einmal ein normaler evolutiver Prozess bei Viren wie Sars-CoV-2. Allerdings müssen dafür bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein: Unterschiedliche Virusvarianten müssen die gleiche Person infizieren und auch die gleichen Körperzellen. Entsprechend selten kommt es zu einer Rekombination. Die Wahrscheinlichkeit für ein solches Ereignis nimmt aber zu, wenn die Virusvarianten zeitgleich im gleichen geografischen Gebiet viele Infektion verursachen. Und auch die hohe „Fehlerrate“ beim Vermehrungszyklus von Coronaviren erhöhe das Risiko, sagt Prof. Uwe G. Liebert, emeritierter Direktor des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Leipzig. „Dies trifft besonders zu, wenn die Viruslast einer infizierten Person sehr hoch ist und die Infektion lange andauert, was am häufigsten auf immungeschwächte Personen oder Nichtgeimpfte zutrifft.“

Doch was passiert dabei genau im menschlichen Körper? „Ist ein Patient mit zwei verschiedenen Varianten von Sars-CoV-2 infiziert, so könnten diese genetisches Material untereinander austauschen“, erklärte Prof. Ulf Dittmer, Direktor des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Essen. „Es entsteht ein rekombinantes Virus, das Eigenschaften beider Varianten vereint.“ Welche Eigenschaften sich dabei am Ende durchsetzen, lasse sich im Vorfeld nicht sagen. „Das ist ein Zufallsereignis.“ Die entscheidende Frage sei, ob sich ein rekombinantes Virus gegen die aktuell zirkulierende Omikron-Variante behaupten kann. „Wenn es wie Delta wieder das tiefere Lungengewebe infizieren würde, glaube ich das nicht“, sagte Dittmer. „Das wäre bei der Verbreitung ein Nachteil.“

Virologe: „Deltacron“ nicht besonders wahrscheinlich

Ein Forscherteam um den Molekularbiologen und Virologen Leondios Kostrikis von der Universität Zypern hatte Anfang des Jahres mit einer vermeintlichen Entdeckung namens „Deltacron“ für Aufsehen gesorgt. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hatten über eine neue Virusvariante berichtet, die die Erbsubstanzen von Omikron und Delta kombiniere.

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Fachkolleginnen und Fachkollegen hatten jedoch schnell bezweifelt, dass es sich tatsächlich um Co-Infektionen handelt. Sie hatten stattdessen eine Verunreinigung der Laborproben als Ursprung von „Deltacron“ angesehen. „Es ist zwar durchaus möglich, dass es Rekombinanten gibt, aber bislang wurden keine größeren Ausbrüche mit solchen Varianten beobachtet“, hatte Richard Neher von der Universität Basel (Schweiz), führender Experte für Virusvarianten, gegenüber der Deutschen Presse-Agentur erklärt. „Diese Genome aus Zypern sind vermutlich keine Rekombinanten.“

„Nach meinem Dafürhalten ist eine Rekombination zwischen Delta- und Omikron-Sars-CoV-2 nicht besonders wahrscheinlich, jedoch nicht ausgeschlossen“, sagte Virologe Liebert. Nicht alles, was theoretisch möglich ist, müsse auch eintreten.

Impfung kann Risiko für Rekombinationen reduzieren

Auch Forscherinnen und Forscher aus Japan hatten über eine neuartige Rekombinationsvariante berichtet – eine Kombination aus Delta und Alpha. Die Ergebnisse der Studie sind Anfang Oktober 2021 auf dem Preprint-Server medRXiv erschienen. Sie müssen noch von unabhängigen Expertinnen und Experten überprüft werden. „Wie frühere In-vitro-Kulturexperimente (Laborstudien mit Zellkulturen, Anm. d. Red.) vermuten ließen, kann eine solche Rekombination in der realen Welt erzeugt werden“, schrieb das Team vom Nationalen Institut für Infektionskrankheiten in Tokio. „Wir müssen solche ausgeprägten genetischen Variationen intensiv überwachen und sorgfältig untersuchen, um ihre korrekte Charakterisierung sicherzustellen.“

Die Wahrscheinlichkeit, dass früher oder später erneut ein rekombinantes Virus entdeckt wird, stufte Virologe Dittmer als „hoch“ ein. Auch sein Fachkollege Friedemann Weber von der Justus-Liebig-Universität Gießen mahnte auf Twitter: „Man sollte Viren nie unterschätzen.“ Er schrieb ferner: „Bei einer weltumspannenden Pandemie mit Reinfektionen und Tierreservoiren können auch extrem seltene Rekombinationsereignisse auftreten, wenn sie einen Selektionsvorteil darstellen.“

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Ziel jeglicher Eindämmungs- und Schutzmaßnahmen müsse deshalb sein, Rekombinationen zu verhindern, meinte Liebert. „Also weniger Infizierte, geringere Viruslasten, kürzere Infektionsdauer.“ Erreicht werden könne dies, indem ein großer Teil der Bevölkerung geimpft ist. Denn eine Impfung verhindert im besten Fall, dass sich das Coronavirus im menschlichen Körper vermehren kann – und damit senkt sie gleichzeitig das Risiko für Rekombinationen.

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