Der Iran ist mit dem Impfen gegen Corona spät dran – und kommt dennoch gut voran

Iran, Teheran: Menschen mit Mund-Nasen-Schutz sitzen in einem Bus.

Teheran. Während die Infektionszahlen in vielen Teilen der Welt in die Höhe schnellen, können sich die Menschen im Iran im Moment über einen Hauch von Normalität freuen. Nach zwei von Angst und Ungewissheit geprägten Jahren zeigt die vom neuen Präsidenten vorangetriebene Impfkampagne Wirkung. Bislang gibt es in dem wirtschaftlich isolierten Land auch erst wenige Ansteckungen mit der Omikron-Variante. Gerade deswegen warnen Expertinnen und Experten aber davor, sich in falscher Sicherheit zu wähnen. Die Krankenhäuser machen sich aufs Schlimmste gefasst.

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Anders als in den westlichen Ländern, in denen die Massenimpfung gegen das Coronavirus vor etwa einem Jahr begann, haben die meisten Iraner erst kürzlich ihre ersten Spritzen bekommen. Die Immunität der Bevölkerung scheint daher recht gut zu sein. „Viele Menschen sind bereits infiziert gewesen und ein großer Teil der Impfungen wurde in den vergangenen paar Monaten verabreicht“, sagt Moajed Alawian von den iranischen Gesundheitsbehörden.

Land im Nahen Osten mit meisten Corona-Toten

Seit Beginn der Pandemie sind im Iran mehr als 132.000 Menschen nach einer Ansteckung mit dem Coronavirus gestorben, mehr als in jedem anderen Land im Nahen Osten. Zuletzt gingen die Zahlen jedoch stark zurück, was dem lange Zeit überlasteten Gesundheitssystem eine Atempause verschafft hat. Zumindest teilweise gilt dies als Erfolg des ultrakonservativen Präsidenten Ebrahim Raisi, der nach seinem Amtsantritt im August den Import von ausländischen Impfstoffen beschleunigte.

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Die Regierung des gemäßigten Vorgängers Hassan Ruhani war in ihrer Handlungsfähigkeit durch politische Machtkämpfe mitunter eingeschränkt gewesen. Nun, da die Hardliner das Land wieder weitgehend unter ihrer Kontrolle haben, läuft der Kampf gegen Corona offenbar effektiver. Und der Unterschied wird von vielen Iranern positiv zur Kenntnis genommen.

Aufkündigung des Atomabkommens

„Ich weiß nicht, was genau passiert ist“, sagt Resa Ghasemi, ein Taxifahrer in der Hauptstadt Teheran. Aber „plötzlich, nachdem Raisi sein Amt übernommen hatte, wurde in großem Umfang und zügig geimpft“. Dafür sei er dankbar. Die zunächst wenig erfolgreiche iranische Reaktion auf die Ausbreitung des Virus hatte für viel Kritik gesorgt. „Wir haben die Impfungen wegen politischer Querelen aufgeschoben“, sagte im September der reformistische Abgeordnete Massud Peseschkian.

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Die Entscheidung des früheren US-Präsidenten Donald Trump, das internationale Atomabkommen mit dem Iran aufzukündigen, hatte Ruhani im eigenen Land geschwächt. Dass die Gespräche über eine Wiederaufnahme des Deals im vergangenen Jahr nicht wesentlich vorankamen und damit die Hoffnungen auf ein baldiges Ende der Sanktionen enttäuscht wurden, verstärkte bei vielen Iranern und Iranerinnen das Misstrauen gegenüber dem Westen.

Bevölkerung reist zum Impfen ins Nachbarland

In dieser Stimmungslage untersagte der Oberste Führer Ajatollah Ali Chamenei im vergangenen Jahr den Import von westlichen Impfstoffen. Hardliner im Parlament wetterten vor allem gegen die in den USA hergestellten Mittel, obwohl die Zahl der Corona-Toten im Land immer neue Rekorde erreichte. Um eine Infektionswelle in den Griff zu bekommen, die im Sommer viele Kliniken an ihre Grenzen brachte, forderten die Behörden die Bevölkerung auf, sich eines der im eigenen Land produzierten Mittel verabreichen zu lassen.

Die Impfkampagne unter Ruhani litt allerdings daran, dass es oft widersprüchliche Angaben gab. Informationen der Regierung wurden immer wieder von offizieller Seite bestritten. Am Ende wurden bis zum Machtwechsel zudem nur etwa fünf Millionen Dosen verteilt. Viele Iraner und Iranerinnen reisten ins Nachbarland Armenien, um dort eine Impfung zu erhalten.

Nun hohe Impfquote im Iran

Inzwischen ist das Bild ein ganz anderes. Die Zahl der täglichen Infektionen, die vor nur wenigen Monaten noch bei etwa 40.000 lag, ist auf etwa 7000 gesunken. Die Zahl der Toten lag in diesem Monat bei etwa 20 pro Tag, nachdem es zeitweise mehr als 700 pro Tag gewesen waren. Insgesamt hat die Regierung von Raisi seit August 180 Millionen Impfdosen zur Verfügung gestellt. Mehr als 88 Prozent derer, für die eine Impfung infrage kommt, haben eine bekommen. Etwa 20 Prozent der Bevölkerung sind bereits geboostert. Vergangene Woche kündigte die Regierung an, auch Personen unter 18 Jahren eine Impfung zu ermöglichen.

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Ähnlich wie viele andere Länder mit mittlerem Einkommen setzt der Iran bei seiner nationalen Impfkampagne vor allem auf das chinesische Mittel Sinopharm. Daneben stehen den Iranern und Iranerinnen das russische Sputnik V, das indische Covaxin und das heimische Coviran Barekat zur Wahl. Auch der Impfstoff des britisch-schwedischen Unternehmens Astrazeneca kommt inzwischen in größerem Umfang zum Einsatz. Die Mittel von Moderna sowie von Pfizer und Biontech sind zwar weiterhin verboten. Berichten zufolge gibt es für diese aber einen florierenden Schwarzmarkt.

Trotz Fake News nur wenige Impfgegner

Während Raisi für diese Entwicklung sehr gelobt wird, betonen Expertinnen und Experten, dass die Grundlagen dafür bereits unter Ruhani geschaffen worden seien. Und obwohl auch in den von Iranern und Iranerinnen genutzten Sozialen Medien viele Falschinformationen zum Thema verbreitet werden, gibt es im Land nur recht wenige Menschen, die eine Impfung ablehnen.

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Bezüglich der zur Eindämmung der Pandemie empfohlenen Schutzmaßnahmen lässt die Disziplin vieler Iraner und Iranerinnen inzwischen aber nach. Teils wurden die Vorgaben von offizieller Seite gelockert, teils halten die Menschen sie angesichts der hohen Impfquote auch einfach nicht mehr für notwendig. „Ich denke, die Krankheit ist vorbei“, sagt Massud Nawabi, ein unmaskierter Lieferant im Zentrum von Teheran, wo auch in den Cafés, auf Märkten und in Metrostationen nur noch wenige Menschen eine Maske tragen.

Omikron fängt gerade erst an

Ob es für den Iran tatsächlich vorbei ist, bleibt abzuwarten. Die Behörden fürchten, dass Omikron die Lage erneut verschärfen könnte. Gerade gab es im Iran die ersten drei bestätigten Todesfälle in Zusammenhang mit der besonders ansteckenden Virus-Variante.

Und in den kommenden beiden Monaten werden zwei Feste gefeiert, bei denen es meist große Menschenansammlungen gibt: der Jahrestag der Islamischen Revolution und das persische Neujahrsfest. Alle medizinischen Zentren sollten daher „in Alarmbereitschaft sein“, warnt Vize-Gesundheitsminister Saeed Karimi.

RND/AP

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