Zukunft der Corona-Impfung: Müssen wir uns jetzt alle drei Monate boostern lassen?

Menschen sitzen auf Stühlen in einem Impfzentrum und warten auf ihre Impfung.

Menschen sitzen auf Stühlen in einem Impfzentrum und warten auf ihre Impfung.

Im Dezember 2020 wurden erstmals Corona-Impfstoffe zugelassen. Ihr großer Erfolg: Wer sich impfen lässt, stirbt nicht und erkrankt nicht schwer an Covid-19. Man hoffte darauf, dass damit rasch die Pandemie beendet wird. Inzwischen ist aber klar: Erst- und Zweitimpfungen allein reichen dafür nicht. Auch nicht, wenn 100 statt bisher 70 Prozent der Menschen hierzulande geimpft wären.

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Das hat zwei Gründe. Zum einen lässt der Impfschutz nach einigen Monaten nach. Zum anderen tricksen neue Virusvarianten wie Omikron die Abwehr der Antikörper aus und können Zellen infizieren – trotz Impfung. Es wird mit der Zeit also immer wahrscheinlicher, dass sich auch zweifach Geimpfte erneut anstecken und erkranken. Und nun?

Die Notfallstrategie: Immer wieder Boostern

Eine vorläufige Lösung gibt es bereits. Schon jetzt laufen Booster-Impfungen mit den bisher zugelassenen Vakzinen. Verabreicht wird eine Dosis mit den bereits zugelassenen Stoffen von Biontech und Moderna. Labordaten bestätigen, dass das kurzfristig auch bei Omikron hilft.

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„Die Auffrischung dient bei den Erwachsenen dazu, die Spiegel der sogenannten neutralisierenden Antikörper im Nasen-Rachen-Raum möglichst hoch zu halten, um von vornherein eine Infektion zu verhindern“, erklärte Christine Falk, Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Damit soll auch das Infektionsgeschehen besser kontrolliert werden, denn dann könnten dreimal Geimpfte kaum noch Virus weiter verbreiten.“

Im Moment habe ich das Gefühl, dass vermittelt wird: Lassen Sie sich boostern und die Welt ist wieder gut. Das ist nicht so.

Sandra Ciesek

Virologin

Aber auch bei dieser Strategie gibt es einen Haken. „Es sieht so aus, dass auch der Immunschutz Geboosterter nach drei Monaten wieder deutlich abnimmt“, sagte die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek im Gespräch mit dem Science Media Center (SMC). „Im Moment habe ich das Gefühl, dass vermittelt wird: Lassen Sie sich boostern und die Welt ist wieder gut. Das ist nicht so.“

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Dazu kommt, dass nach Omikron weitere Virusvarianten kommen können. Auch besorgniserregende sind möglich, die den bisherigen Immunschutz noch mehr umgehen. Darin sind sich Forschende, die sich mit der Evolution von Corona auskennen, einig. Während wir Menschen versuchen, durch Impfungen vor Infektionen bewahrt zu werden, verfolgt das Virus die gegenteilige Strategie: Es mutiert immer weiter und versucht trotz zunehmender Immunität ständig, neue Nischen zu finden, um weiter in der Welt zu bestehen.

Impfstoffe anpassen – die Zwischenlösung

Braucht es deshalb alle zwei bis drei Monate diesen Booster – für alle und für immer? Wohl eher nicht. Forschende sind zuversichtlich, dass es bessere Lösungen gibt. „Wir sind noch immer nicht in der Lage, das Virus zu kontrollieren“, sagt etwa Jakob Cramer, Experte für Infektionskrankheiten, der bei der internationalen Impfstoff-Initiative CEPI die klinischen Entwicklungen leitet. Die Welt brauche gute Impfstoffe – und vor allem auch genug davon. „Aber wir haben neue Technologien. Damit können wir sehr schnell auf neue Varianten reagieren.“

Auch die Hersteller Biontech und Moderna arbeiten bereits daran. In ihren Laboren tüfteln sie schon lange an möglichen Impfstoffen der zweiten Generation. Dass das notwendig werden würde, hatte Biontech-Chef Ugur Sahin schon im Februar dieses Jahres erkannt. „Die Variantenanpassung wird eine neue Wissenschaft sein“, prognostizierte er zu einem Zeitpunkt, als die erste Impfkampagne in Deutschland gerade erst ins Rollen kam.

Nun tritt mit Omikron der Ernstfall ein. Die Produktion eines neuen, speziell auf diese Variante angepassten Vakzins sei noch nicht entschieden, sagte Sahin zwar gegenüber dem „Spiegel“. „Momentan sind verschiedene Omikron-Varianten unterwegs, und es ist noch nicht klar, welche sich durchsetzt und welche dann im Impfstoff sein soll.“

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Dennoch sei klar: Irgendwann müssten die Impfstoffe verändert werden. Biontech habe bereits Vorkehrungen für ein schnelles Vorgehen getroffen. Innerhalb von sechs Wochen sei eine Anpassung grundsätzlich möglich, sodass die ersten Chargen eines neuen Impfstoffs innerhalb von 100 Tagen ausgeliefert werden könnten. Moderna gab ein ähnliches Zeitfenster an.

Es könnte aber auch sein, dass Omikron noch viel schneller ist. Schon Anfang 2022 soll diese Variante wahrscheinlich europaweit dominieren. „Die fünfte Welle wird kommen“, betonte auch RKI-Chef Lothar Wieler Mitte Dezember. Kommen angepasste Impfstoffe also viel zu spät? „Vielleicht sind wir zu spät für die erste Welle, aber wenn Omikron hier bleibt, brauchen wir einen speziellen Impfstoff“, wird der Impfstoffforscher Florian Krammer von der Icahn School of Medicine beim Fachblatt „Science“ zitiert. „Ich denke, es ist problematisch, nicht zu agieren.“

Die Idealvorstellung: Der Impfstoff gegen alle Corona-Varianten

Wir brauchen dringend universelle Coronavirus-Impfstoffe.

Aus einem Beitrag des Immunologen Anthony Fauci und Team

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Es ist noch offen, ob Omikron nach der Winter- und womöglich Frühjahrswelle bleibt – oder ob auch diese Variante in kurzer Zeit von einer anderen abgelöst wird. Bleibt die Dynamik wie in diesem Jahr – erst Alpha, dann Beta, Delta und nun Omikron – wäre das Auftauchen weiterer besorgniserregender Varianten durchaus denkbar. Deshalb verfolgen Forschende noch eine weitere Idee: einen Impfstoff gegen möglichst viele Corona-Varianten auf einmal zu entwickeln. Womöglich sogar gegen alle existierenden Coronaviren – und solche, die noch gar nicht existieren, aber die nächste Pandemie auslösen könnten.

Ein herausforderndes Vorhaben, wie auch Biontech-Chef Ugur Sahin weiß. „Es gibt bei Viren eine ständige Evolution“, sagte er dem SMC im Februar. „Die Natur wird immer gegen universelle Impfstoffe arbeiten.“ Auch das Beispiel Grippe zeigt: Verändert sich ein Erreger so schnell wie Influenzaviren, halten Vakzine nur schwerlich auf Dauer. Seit Jahrzehnten versuchen Forschende, ein Mittel zu finden, das Bestand hat.

Ausgeschlossen ist die Entwicklung eines Universalimpfstoffs wohl aber nicht – vor allem nicht bei Corona. Erste Studien zu möglichen Supermitteln sind bereits angelaufen. In den USA verfolgt beispielsweise das Walter Reed Army Institute diesen Ansatz. „Ich würde nicht sagen, dass es einfach ist, einen Universalimpfstoff zu entwickeln“, sagte Kayvon Modjarrad, der sich dort mit Infektionskrankheiten beschäftigt, in einem Interview mit der Newsplattform „Government Matters“. „Aber wir haben bereits eine Idee von den Viren, die demnächst kommen könnten.“ Die ersten Daten stimmten zuversichtlich.

Auch in der Fachzeitschrift „Science“ wurden vielversprechende Ergebnisse veröffentlicht. Ein Forschungsteam von David Martinez von der University of North California lässt ebenfalls vermuten, dass sich ein Universalimpfstoff grundsätzlich entwickeln ließe. Das Team hatte einen ersten Prototyp eines Vakzins an Mäusen getestet, das vor Sars-CoV-2 und weiteren Varianten schützen sollte. Dabei handelte es sich von seinen Strukturen her zwar nicht um einen echten Universalimpfstoff gegen alle Viren auf einmal, aber immerhin konnten verschiedene Varianten auf einmal abgedeckt werden.

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Noch steckt die Forschung in den Startlöchern. Nötig ist sie aber. „Wir brauchen dringend universelle Coronavirus-Impfstoffe“, machten Forschende um den US-Immunologen Anthony Fauci in einem Mitte Dezember in der Fachzeitschrift „New England Journal of Medicine“ veröffentlichten Beitrag deutlich. In absehbarer Zeit könnten Coronaviren auftauchen, die auf noch andere Weise übertragbarer und tödlicher sein könnten. „Wir müssen daher unsere Bemühungen in der Coronavirus-Vakzinologie stark beschleunigen.“ Das habe jetzt Priorität.

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