Wegen Omikron: Chinas Null-Covid-Strategie könnte sich nun rächen

Einwohner der nordchinesischen Stadt Tianjin warten auf ihren Coronavirus-Test. Die Hafenstadt Tianjin begann am Sonntag mit Massentests bei ihren 14 Millionen Einwohnern, nachdem eine Gruppe von einem Dutzend Kindern und Erwachsenen positiv auf Covid-19 getestet worden war, darunter einige mit der Omikron-Variante.

Einwohner der nordchinesischen Stadt Tianjin warten auf ihren Coronavirus-Test. Die Hafenstadt Tianjin begann am Sonntag mit Massentests bei ihren 14 Millionen Einwohnern, nachdem eine Gruppe von einem Dutzend Kindern und Erwachsenen positiv auf Covid-19 getestet worden war, darunter einige mit der Omikron-Variante.

Peking. Die Hiobs­botschaft kam mit Ansage – und traf die meisten Chinesen dennoch wie ein Schock. Am Samstag testete ein Paar aus der Küsten­stadt Tianjin positiv auf das Virus, am Sonntag­morgen schließlich berichtete das Staats­fernsehen die zuvor voraus­gegangenen Spekulationen: Es handelt sich um die ersten lokalen Omikron-Fälle des Landes. Mindestens 20 Infektionen sollen bereits auf den Cluster zurück­zuführen sein.

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Für China ist dies das denkbar schlimmste Szenario. International führende Virologen haben bereits vor Tagen davor gewarnt, dass die hoch­infektiöse Virus­mutation die Karten neu mischen wird. Unlängst hat auch der deutsche Virologe Christian Drosten China als seine „größte Sorge“ bezeichnet. Denn wie Drosten glauben die meisten internationalen Wissenschaftler, dass angesichts der hoch­infektiösen Mutation eine Null-Covid-Politik zum Scheitern verurteilt ist. Trotz strikter Quarantäne- und Lockdownregimes ließe sich die Verbreitung des Virus nicht mehr aufhalten.

Kein ausreichender Schutz durch chinesische Impf­stoffe

Erschwerend kommt hinzu, dass die in China zugelassenen, inaktivierten Vakzine von Sinopharm und Sinovac nach ersten Daten keinen ausreichenden Schutz gegen Omikron liefern. Und aufgrund der extrem niedrigen Infektions­zahlen seit Ausbruch der Pandemie ist auch die „natürliche“ Immunität im Reich der Mitte weitaus geringer als in anderen Staaten. Nur etwas mehr als 100.000 Menschen haben sich innerhalb der Bevölkerung von 1,4 Milliarden Menschen mit dem Virus infiziert.

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Schon in den vergangenen Tagen hatte sich angedeutet, dass China mit seiner radikalen, aber bisher erfolgreichen Null-Covid-Strategie an seine Grenzen gelangt. Seit zweieinhalb Wochen ist die nordwest­chinesische Metropole Xian vollständig abgeriegelt, die 13 Millionen Einwohner dürfen nur mehr zum verpflichtenden Covid-Test auf die Straße. Dabei waren die Zahlen im internationalen Vergleich zu keinem Zeitpunkt besorgnis­erregend: Seit Beginn des Ausbruchs in Xian haben die Gesundheits­behörden weniger als 2000 Infektionen registriert. Unter ihnen ist bislang kein einziger an dem Virus gestorben.

Dennoch reagierten die Behörden drastisch. Und die Kollateral­schäden der chinesischen Lockdown­politik haben sich selten so drastisch offenbart. Am Neujahrs­tag etwa verweigerten die Mitarbeiter des Gaoxin-Spitals im Südwesten der Stadt einer hoch­schwangeren Frau den Einlass, da ihr negativer Covid-Test seit vier Stunden abgelaufen war. Ehe das Resultat des neuen Virus­tests vorlag, erlitt die Chinesin eine Fehl­geburt.

Rigide Opfer einer Minderheit sichern Wohl­ergehen des Kollektivs

Weite Teile der Welt schauen mit Befremden auf den radikalen Virus­kampf der Volks­republik, die nach wie vor ganze Städte wegen einer Hand­voll Infektionen abriegelt und zwei Jahre nach Ausbruch der Pandemie ihre Grenzen weiterhin geschlossen hält. Doch wie eine Bestands­aufnahme vor Ort zeigt, ist Chinas Sonder­weg weitaus rationaler und moralisch komplexer, als er in der medialen Bericht­erstattung oftmals porträtiert wird. Er beruht auf einem Gesellschafts­vertrag, der im konfuzianisch geprägten China grundsätzlich starken Rückhalt in der Bevölkerung genießt: Die rigiden Opfer einer Minderheit sichern das Wohl­ergehen des Kollektivs.

Bislang ging dieser Deal erstaunlich gut auf: Tatsächlich hat Chinas radikale Strategie etliche Virus­tote verhindert. Laut offiziellen Zahlen sind bislang weniger als 6000 Menschen an oder mit Covid gestorben. Selbst wenn die Dunkelziffer höher liegt, ist sie angesichts einer Gesamt­bevölkerung von 1,4 Milliarden noch immer verschwindend gering. Für die absolute Mehrheit der Chinesen spielt das Infektions­risiko seit über anderthalb Jahren keine Rolle mehr im Alltag, und dank der weitgehenden Normalität in den meisten Landes­teilen konnte sich auch die Wirtschaft schneller erholen als in vielen anderen Staaten.

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Ein Nutzer auf der Online­plattform Weibo vergleicht die Situation zwischen Chinas Null-Covid-Politik und den lockeren Maßnahmen in den USA mit dem Dilemma eines selbst­fahrenden Autos, dessen Software sich bei einem Unfall entscheiden muss: „Zwischen einem Toten oder hundert Toten sollte immer der niedrigere Verlust gewählt werden.“

„Vorgehen der Chinesen durchaus beeindruckend“

Auch ausländische Experten stimmen darin teilweise überein. „Aus epidemiologischer Sicht ist das Vorgehen der Chinesen durchaus beeindruckend und sehr konsistent“, sagt ein ehemaliger hoch­rangiger, Funktionär der WHO, der mittlerweile als westlicher Diplomat in Peking bedienstet ist. Eine Null-Covid-Politik könne nur funktionieren, wenn versucht wird, jede einzelne Ansteckung zu unterbinden. Breitet sich das Virus erst einmal exponentiell aus, dann ließe sich die Lage nicht mehr umkehren.

Dieses Szenario zu verhindern hat in Xian unlängst mehrere Menschenleben gekostet. Laut Recherchen auf Chinas sozialen Medien sind seit Ende Dezember in Xian mindestens sechs Personen an Herz­infarkten oder anderen Leiden gestorben, da ihre medizinische Versorgung aufgrund der Restriktionen zu spät kam. Auch ein zweieinhalb­jähriges Mädchen mit hohem Fieber sei nach einer Noteinlieferung ins Spital beim Warten auf den negativen Covid-Test gestorben, wie deren Mutter auf der Online­plattform Weibo schreibt.

„Vor was sollen wir Angst haben?“

Trotz des repressiven politischen Klimas und einem omnipräsenten Zensur­apparat wird der Frust der Bevölkerung offen geäußert. „Vor was sollen wir Angst haben? Die Lage ist besonders unverständlich, weil die Sterberate des Virus mittlerweile bereits sehr niedrig ist“, schreibt ein Nutzer. Ein anderer entgegnet: „Es ist kein Coronavirus, es ist ein politisches Virus.“

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Die Investigativ­journalistin Jiang Xue, die aufgrund der verstärkten Zensur seit 2014 nur mehr für einen ausgewählten Kreis auf der Online­plattform Wechat publiziert, veröffentlichte aus ihrer Wahl­heimat Xian eine Art Lockdown­tagebuch, in dem sie mit deutlichen Worten nicht hinterm Berg hielt. „Wir müssen bereit sein, jedes Opfer zu bringen, heißt es“, schreibt die 47-jährige Intellektuelle: „Aber das gemeine Volk sollte sich sehr wohl fragen: Sind wir in dem Ganzen wirklich das ,Wir‘ oder viel mehr das ,Opfer‘?“ Es dauerte mehrere Tage, ehe die Zensoren den Beitrag löschten.

Ob die aktuellen Omikron-Infektionen in Tianjin eingedämmt werden können oder tatsächlich einen Wende­punkt im chinesischen Kampf gegen das Virus darstellen, werden die nächsten Wochen zeigen. „Gott sei Dank sind die Fälle rund 30 Kilometer von meinem Zuhause entfernt“, sagt ein Bewohner aus Tianjin: „Aber trotzdem stocke ich besser meine Essens­vorräte auf. Der Lockdown selbst ist mittlerweile weitaus furcht­erregender als das Virus selbst.“

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