Abkehr von der Inzidenz: Wieso die Krankheitsschwere als Corona-Indikator wichtiger wird

Ein Pfleger steht auf der Intensivstation an einem ECMO-Bett, in dem ein Corona-Patient liegt. Bei dem Verfahren übernimmt eine Maschine die Funktion der Lunge und tauscht Sauerstoff sowie Kohlenstoffdioxid im Blut aus.

Ein Pfleger steht auf der Intensivstation an einem ECMO-Bett, in dem ein Corona-Patient liegt. Bei dem Verfahren übernimmt eine Maschine die Funktion der Lunge und tauscht Sauerstoff sowie Kohlenstoffdioxid im Blut aus.

Zu Beginn der Woche rund 63.400, am Donnerstag 203.100 und am Freitag 190.100: In der Omikron-Welle erreicht die Zahl der täglich gemeldeten Neuinfektionen bisher unbekannte Höhen. Ebenso die Sieben-Tage-Inzidenz, die aktuell bei einem Rekordwert von 1073 liegt. Allerdings sind diese beiden Kennzahlen für Deutschlands oberste Gesundheitsbehörde neuerdings gar nicht mehr der entscheidende Leitindikator, um zu beurteilen, inwieweit die Bevölkerung durch das Coronavirus gefährdet ist.

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„Mit Omikron treten wir in eine neue Phase der Pandemie“, betonte Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI) am Freitag in Berlin. „Die Summe der Fallzahlen ist nicht mehr das Entscheidende. Wir müssen in erster Linie auf Krankheitslast und Krankheitsschwere schauen.“ Auch im aktuellen RKI-Wochenbericht vom Donnerstag ist neuerdings festgehalten, dass für die aktuelle Lagebewertung „nicht die Erfassung aller Infektionen durch Sars-CoV-2, sondern die Entwicklung der Anzahl und Schwere der Erkrankungen im Vordergrund“ steht.

Corona-Inzidenz weniger wichtig: Wieso verändert sich die Strategie?

Für diese Änderungen gibt es mehrere Gründe. So schlägt sich die aktuelle Corona-Welle immer deutlicher in den Laborkapazitäten nieder. In der vergangenen Woche wurden laut dem Verband Akkreditierte Labore in der Medizin (ALM), der sich auf Daten von rund 180 Laboren berief, rund 2,4 Millionen der besonders verlässlichen PCR-Tests gemacht. Jeder dritte Befund sei positiv gewesen. Die Auslastung der Labore lag demnach im bundesweiten Durchschnitt bei 95 Prozent. Das Bundesgesundheitsministerium will deshalb mit den Gesundheitsministerien der Länder die nationale Teststrategie und die Coronavirus-Testverordnung ändern.

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Das ist ein Grund, wieso in den kommenden Wochen die Sieben-Tage-Inzidenz und die täglich gemeldeten Corona-Neuinfektionen an Aussagekraft verlieren werden. Angesichts knapper Kapazitäten bei sehr vielen Infektionen sollen die sehr genauen Tests auf bestimmte Bevölkerungsgruppen begrenzt werden: bei Engpässen dann nur noch auf Personen, die ein Risiko für schwere Krankheitsverläufe haben, „um eine frühzeitige Behandlung und gegebenenfalls antivirale Therapie zu ermöglichen“, wie es im Beschlusspapier von der letzten Bund-Länder-Konferenz heißt.

Neben der Begrenzung der PCR-Tests spielt noch ein weiterer Faktor eine Rolle: Was eine Infektion im Einzelfall bedeutet, hat sich im Gegensatz zum Pandemiebeginn verändert. Eine Infektion bedeutet immer seltener, dass man besonders schwer erkrankt, ins Krankenhaus und möglicherweise über längere Zeit beatmet werden muss. Das Risiko für Covid-19 ist nicht auf null gesunken, aber deutlich geringer als vor zwei Jahren. Zum einen, weil die Omikron-Variante im Schnitt weniger schwere Verläufe hervorruft. Zum anderen, weil immer mehr Menschen geimpft, genesen oder geboostert sind.

Wie werden Krankheitslast und Krankheitsschwere gemessen?

Covid-19 kann vielfältige Krankheitsbilder hervorrufen, die auch unterschiedliche medizinische Behandlungen erforderlich machen. Zu Komplikationen zählen beispielsweise schwere Erkrankungen der Atemwege, eine Pneumonie, Gefäßerkrankungen, Nierenversagen oder Herz-Kreislauf-Probleme. Konkret weist der RKI-Wochenbericht darum seit Kurzem Schätzungen zu Infizierten mit Covid-19-Krankheitssymptomen verschiedener Schwere aus. Spezifisch liegen damit auch Schätzwerte zu Fällen unterhalb der Schwelle von Krankenhausaufnahmen vor, etwa die Häufigkeit von Arztbesuchen:

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In der Woche bis 23. Januar waren dies demnach 280 Arztbesuche wegen einer Atemwegserkrankung pro 100.000 Einwohner, in der Vorwoche waren es laut RKI noch 178 gewesen. Für die dritte Woche des Jahres wurde zudem geschätzt, „dass in etwa 1,3 bis 2,3 Prozent der Kinder und Jugendlichen bis 14 Jahre und 0,6 bis 1,3 Prozent der Bevölkerung ab 15 Jahren an Covid-19 mit Symptomen einer akuten Atemwegserkrankung erkrankte“. Das bedeutet, dass in dem Zeitraum 560.000 bis 1,2 Millionen Menschen Covid mit Symptomen hatten. Diese Angaben speisen sich aus verschiedenen Quellen, etwa aus Angaben aus der Bevölkerung.

Andere Indikatoren zur Pandemiebeurteilung

Statt der Sieben-Tage-Inzidenz fallen zudem andere bereits aus der bisherigen Pandemiebeurteilung bekannte Leitindikatoren stärker ins Gewicht, um zu beurteilen, wie stark das Gesundheitssystem an welchen Stellen belastet wird und wie viele Menschen überhaupt so schwer erkranken, dass sie ärztliche Hilfe benötigen:

  • Hospitalisierungsinzidenz: Diese Kennziffer bewertet, wie belastet die Krankenhäuser aktuell sind – auf Normal- und Intensivstationen. Der Wert setzt sich daraus zusammen, wie viele Patientinnen und Patienten in den vergangenen sieben Tagen mit einer Corona-Infektion stationär im Krankenhaus behandelt wurden. Weil es zwischen dem Beginn des Krankenhausaufenthalts und der Übermittlung an das RKI einen zeitlichen Verzug gibt, gleicht die Behörde diesen Effekt mit einem Schätzverfahren wieder aus.
  • Divi-Intensivregister: Das Register erfasst die Zahl intensivmedizinisch behandelter besonders schwer an Covid-19 Erkrankter, wie viele von ihnen beatmet werden sowie die Behandlungs- und Bettenkapazitäten in einem Großteil der Krankenhäuser im Land. Die Daten zeigen, wie belastet die Intensivstationen sind, wie viele Menschen Covid-19 besonders hart trifft und wie alt diese sind.
  • Überwachungssysteme wie „GrippeWeb“ und „Sari“: Das RKI arbeitet unabhängig vom Meldewesen mit weiteren Informationsquellen, die Auskunft geben zu akuten respiratorischen Erkrankungen. Anhand solcher Daten kann man beispielsweise abschätzen, wie viele Menschen mit Corona-Infektion wie schwer mit Atemwegserkrankungen zu kämpfen haben – nicht nur im stationären Bereich, sondern auch in der ambulanten Versorgung und in hausärztlichen Praxen. Ein weiterer Vorteil: Unabhängig von der offiziellen Meldestatistik mit zeitlichem Verzug können Trends schneller bemerkt werden, weil Ärzte und Ärztinnen Daten direkt in das Portal eingeben.

Krankheitslast zeigt sich zeitversetzt zur Infektionswelle

Schon in vorherigen Wellen hat sich allerdings gezeigt, dass der ausschließliche Blick auf Krankheitslast und Krankheitsschwere auch Schwächen hat. Bei der Hospitalisierungsrate handelt es sich beispielsweise um einen zeitverzögerten Parameter. Wer sich mit Corona ansteckt, erkrankt in der Regel nicht sofort so schwer, dass direkt eine Behandlung im Krankenhaus notwendig wird. Die Auswirkungen des Infektionsgeschehens zeigen sich also immer erst mit einem zeitlichen Verzug.

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In der ersten Welle vergingen zwischen dem Zeitpunkt der Ansteckung und der Einweisung in die Klinik im Durchschnitt vier Tage, wie das RKI in seinem Coronavirus-Steckbrief schreibt. Eine Beatmung auf der Intensivstation wurde im Schnitt 16 Tage nach Infektion benötigt. Zudem kann es auch zu Meldeverzügen der hospitalisierten Fälle kommen, worauf das RKI immer wieder hinwies. Ähnlich sieht es bei den gemeldeten Todesfällen aus. „Diese treten meist erst zwei bis drei Wochen nach der Infektion auf“, heißt es im Wochenbericht. Dem RKI werden Fälle auch oft noch nachträglich übermittelt.

Präzise Aussagen zur „Krankheitsschwere“ – an oder mit Corona erkrankt?

Es gibt viele Patienten und Patientinnen, die wegen einer Covid-19-Erkrankung im Krankenhaus behandelt werden. Es gibt aber auch Menschen, die vordergründig wegen einer anderen Erkrankung in die Klinik kommen – und zusätzlich noch mit dem Coronavirus infiziert sind. Bislang unterscheidet die Meldestatistik nicht zwischen diesen Fällen. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach verteidigte dieses Vorgehen. Es stimme, dass bisher keine Aufteilung zwischen Haupt- und Nebendiagnose getroffen werde. Man arbeite auch bereits an technischen Lösungen, um präziser zu unterscheiden. Die Nebendiagnosen aus der Statistik rauszunehmen sei aber „medizinisch absolut unvertretbar“ und spiele in der Praxis keine Rolle, sagte er bei der Bundespressekonferenz.

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Die Krankheiten voneinander zu trennen falle schwer. Ein Mann mit Herzschwäche etwa habe oft das Problem, dass sich Wasser in der Lunge staut. „Wenn er gleichzeitig mit Covid infiziert ist, ist seine Prognose deutlich schlechter“, erläuterte Lauterbach. „Die Wahrscheinlichkeit zu sterben ist sehr hoch.“ Christian Karagiannidis, Vorsitzender des Divi-Intensivregisters, erwähnte noch einen anderen Faktor, wieso auch die Nebendiagnosen eine Rolle bei der Beurteilung der Gefährdung spielen. „Jeder Patient ist erst mal isolationspflichtig, unabhängig von der Krankheitsschwere“, erläuterte der Lungenspezialist. Das spiele eine wichtige Rolle für das Krankenhausmanagement. So müssten beispielsweise Schwangere, die für die Geburt in die Klinik kommen und infiziert sind, in Isolationsbereichen räumlich abgegrenzt werden. Bei zunehmenden Infektionen in der Bevölkerung werde das auch zunehmend herausfordernder.

Inzidenz weniger wichtig - aber nicht das Virus laufen lassen

Wegen der rasanten Ausbreitung von Omikron rechnen viele Experten und Expertinnen mit zahlreichen neuen Patientinnen und Patienten in den Kliniken. Karagiannidis sagte, auf Intensivstationen sehe man derzeit eher eine Seitwärtsbewegung. Aufgrund der bei Omikron wohl zumeist weniger schwerwiegenden Verläufe im Vergleich zu Delta befürchten Fachleute allerdings eine zunehmend größere Belastung für Normalstationen.

Auch das RKI weist im Wochenbericht einmal mehr darauf hin, dass die Covid-19-Lage derzeit äußerst angespannt sei und bekräftigte seine Impfappelle. „Durch den sehr schnellen Anstieg der Erkrankungen besteht die Gefahr einer Überlastung des Gesundheitssystems und gegebenenfalls weiterer Versorgungsbereiche“, warnen die Gesundheitsexpertinnen und -experten. Die Einhaltung der bekannten Schutz- und Hygienemaßnahmen sowie die konsequente Kontaktreduzierung blieben entscheidend.

Auch die Abkehr von der Inzidenz als leitender Kennwert für die Beurteilung der Lage heißt nicht, dass es egal wäre, wie viele Menschen sich anstecken. „Je mehr Infektionen wir verhindern, je langsamer sich das Virus verbreitet, desto besser schützen wir die vulnerablen Gruppen und auch die kritischen Infrastrukturen“, betonte RKI-Präsident Wieler. Durch die schiere Menge der Infizierten müsse man auch noch mit mehr Erkrankten rechnen. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach erklärte, es sei davon auszugehen, dass in den kommenden Wochen mit Inzidenzen mit bis zu 400.000 Corona-Fällen zu rechnen sei. Der Höhepunkt der Omikron-Welle könnte Mitte bis Ende Februar erreicht sein.

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mit Material von dpa

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